Berlin - Vor der Zentralen Aufnahmestelle steht ein weißes Zelt. In dem beheizten Provisorium warten Flüchtlinge, bis Dolmetscher sie in das graue Hochhaus in Moabit führen, wo das Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso) seinen Sitz hat. Die Gänge sind überfüllt, vor den Aufzügen hat sich eine Menschentraube gebildet, eine Frau sitzt mittendrin auf dem Boden und stillt ihr Baby. Überall im Haus wurden Büros für die Aufnahme der Flüchtlinge eingerichtet.

Im zehnten Stock findet unterdessen eine Besprechung des Lageso-Chefs Franz Allert mit dem Sozialsenator Mario Czaja (CDU) statt. Czaja berichtet der achtköpfigen Runde von zwei neuen Notunterkünften, die in den nächsten Tagen in Lichtenberg und Mitte eröffnet werden sollen. Alle Zuwanderer könnten untergebracht werden, sagt er. „Das Sicherheitspolster ist noch vorhanden.“

Zumindest für diesen Tag. Denn der 39-jährige Politiker wird von den Ereignissen überrumpelt. Ständig muss er neue Unterkünfte auftreiben. Jetzt rächt sich, dass er nicht rechtzeitig erkannt hat, wie sich die Lage zuspitzt. Es ist das erste Mal in seiner dreijährigen Amtszeit, dass der CDU-Politiker in eine schwere Krise geraten ist.

Rund 12 000 Zuwanderer werden in diesem Jahr erwartet. 1 500 Menschen treffen in manchen Monaten ein, so viele kamen bis vor einiger Zeit pro Jahr. Die meisten von ihnen sind Roma aus Osteuropa. Aber auch immer mehr Menschen aus Syrien, dem Irak oder Eritrea suchen Zuflucht in Berlin. Das sind viel mehr als erwartet, doch dass die Prognosen übertroffen werden würden, zeichnete sich bereits 2013 ab.

Als Czaja 2011 in der großen Koalition als jüngstes und einziges Regierungsmitglied aus Ost-Berlin das Ressort Gesundheit und Soziales übernahm, galt er rasch als Sonnyboy des Senats. Er ist offen und einnehmend im Umgang. Als Gesundheitspolitiker beweist er auch fachliche Kompetenz. Manchmal entstand der Eindruck, dass er der einzige unter den CDU-Senatoren ist, der richtig arbeitet. Es war vorstellbar, dass er Innensenator Frank Henkel als Spitzenkandidat für die Union beerbt. Nun ist seine Erfolgsserie erst mal beendet.

Freundlich und vertraulich

Die Zuwanderer müssen mittlerweile sogar in Traglufthallen untergebracht werden. Teilweise wurden in den vergangenen Tagen Menschen abgewiesen und in die Kälte geschickt. Mario Czaja ist mittlerweile klar, wie dramatisch die Situation ist. Sollte ein Zufluchtsuchender erfrieren, weil für ihn kein Platz gefunden wurde, wäre er politisch dafür verantwortlich. Manchmal könne er nachts nicht schlafen, sagt er. Harte Zeiten für den Sonnyboy.

Sechs Containerdörfer sollen die größte Not lindern. Dagegen laufen die Anwohner Sturm. Neonazis mobilisieren seit Wochen gegen Flüchtlinge. Jede Woche gibt es vor allem in Marzahn-Hellersdorf Demonstrationen, angeführt von der organisierten Rechten. Auf Webseiten wird Czaja bedroht. Anwohner und Bezirksbürgermeister werfen ihm vor, sie seien zu spät über die Wohncontainer informiert worden. Manche Standorte, etwa in Köpenick, seien ungeeignet, weil sich in der Nähe bereits ein Heim befinde. Bürgerinitiativen, die sich für Flüchtlinge engagieren, fühlen sich ebenso im Stich gelassen. Czaja entgegnet, dass er die Vertragsunterzeichnung abwarten musste, bevor er die Standorte bekannt gab. Darüber hinaus hätten alle Bezirksämter bis zum Schluss die Chance gehabt, alternative Grundstücke anzubieten. Das sei nur in Lichterfelde passiert.

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