Berlin - Der Tag beginnt unplanmäßig, mit einer kleinen Verspätung. Der Zeiger rückt auf Mitternacht, und der grüne Fernbus, Abfahrt 23.55 Uhr, steht noch immer an Haltestelle 3. „Wollen Sie nach München?“, fragt der Fahrer einen zufällig vorbeikommenden Passanten. Dann läuft er selbst an den Eingang des Busbahnhofs, schaut links und rechts den fast menschenleeren Messedamm hinunter und kommt kopfschüttelnd zurück. Zwei Fahrgäste fehlten noch, erklärt er. Der Nachtdienst in der Verkehrszentrale sei persönlich aus dem Büro zum Bus geeilt, weil er einen Anruf erhalten habe: Die beiden Leutchen säßen noch in der S-Bahn.

„Die sind schon sehr nett hier, die ZOB-Mitarbeiter“, brummt der Fahrer. „Die kümmern sich.“ Er zückt sein Handy, um online die Passagierliste einzusehen. „Einer der beiden will noch weiter bis Mailand, der arme Wurm“, stellt er fest. Zwei Minuten wolle er noch warten, bis München hole er das wieder auf. „Es ist ja so gut wie leer hier um diese Uhrzeit. Da sitzt uns kein anderer Bus am Gate im Nacken.“ Um 0.05 Uhr fährt der grüne Bus dann los: Die beiden Passagiere sind, trotz aller Mühe, nicht gekommen.

Vorbei ist die Kaffeefahrt-Zeit

Es sind geruhsame Nachtstunden unterm Berliner Funkturm im Westend. Zu dieser Zeit kann der Zentrale Omnibusbahnhof (ZOB) einige seiner Vorzüge zeigen. Dass ein Verkehrsleiter den Busfahrer über die Verspätung von einzelnen Passagieren informiert, noch dazu um Mitternacht, wäre in anderen Metropolen, am Londoner Busbahnhof Victoria beispielsweise, undenkbar. Zu routiniert und mechanisiert sind die Abläufe in Ländern, für die Linienbusfernverkehr seit Generationen zum Alltag gehört. In Deutschland aber erfindet sich gerade ein Gewerbe neu, und das lässt offenbar Spielraum im Umgang zwischen Dienstleistern und Kunden.

Tatsächlich bewegt sich bis fünf Uhr morgens oft nur noch wenig auf dem Areal, sobald um 0.30 Uhr der Fernbus nach Gleiwitz um die Ecke biegt. Auf diese stillen Zeiten bezieht sich Andreas Horn, wenn man die Aufnahmefähigkeit des ZOB anspricht. Andreas Horn, randlose Brille, dunkler Anzug, von Beruf Wirtschaftsingenieur, ist Geschäftsführer der IOB, einer Tochterfirma der städtischen Verkehrsbetriebe, die den Busbahnhof betreibt. Stimmt es, dass der ZOB durch den Ansturm auf die Fernbusse an seine Grenzen stößt? Richtig sei, dass der Verkehr enorm zugelegt habe, sagt Horn. Falsch hingegen, dass der Bahnhof pauschal aus allen Nähten platzt. „Mit dem hochmotivierten Team bewältigen wir die Zuwachsraten sehr gut“, betont er. „Wir hätten außerhalb der Spitzenzeiten sogar noch Kapazitätsreserven.“

Der typische deutsche Busreisende aber ist kein nachtaktives Wesen. Mit dem Morgengrauen allerdings, also zu den Spitzenzeiten, wird er umso munterer. Wenn das fahle Licht der Kugellampen am ZOB verblasst, ist es drinnen im Wartesaal bereits rappelvoll.

"Rush Hour"

Es ist sieben Uhr. Die Busse nach Bonn, München und Hamburg werden aufgerufen, gleichzeitig treffen die Linien aus Köln und Zakopane ein. 7.15 Uhr: Ankunft aus Zürich und Tallinn, Abfahrt nach Warnemünde. Reisende mit Rollkoffern schieben sich durch die Wartesaaltüren, junge Männer mit Pferdeschwanz und aufgeklapptem Laptop drängen vorbei; die meisten modernen Fernbuslinien bieten ihren Kunden heute kostenlos eine Internetverbindung an. Fast alle Haltestellen sind belegt. Undenkbar, dass ein Fahrer jetzt noch zehn Minuten auf Langschläfer warten könnte: Der Nachfolger steht schon an der Schranke. Deutschlands Fernbusgewerbe ist ein Termingeschäft und keine Kaffeefahrt mehr.

Andreas Horn sitzt an einem Tisch im Besprechungsraum des ZOB. Er bestätigt, dass der hauptstädtische Busbahnhof an bestimmten Tagen, zu bestimmten Phasen voll ausgelastet ist. Zur Rush Hour, morgens und abends, werden deshalb auf die Nutzungsgebühr von 13 Euro pro Bus noch zwei Euro aufgeschlagen. Nur dass niemand mehr von „Rush Hour“ spricht: Horn sagt „Premiumzeit“.

Damit wird auch sprachlich deutlich, dass die lange vernachlässigte Branche hierzulande ihr Wachstumswunder feiert. Busfahren ist schick geworden. Seit das Monopol der Bahn auf Fernstrecken fiel, steuern so viele Busse wie noch nie auf den Funkturm zu. Eine Verdreifachung der Nutzung seit 2012 wird am ZOB erwartet, das wären 175.000 An- und Abfahrten pro Jahr. Und der Höhepunkt kommt erst noch: Der geschäftigste Tag wird der 23. Dezember, wenn zu Weihnachten jedermann die Verwandtschaft besucht.

Es ist halb zehn. „Ihr Bus steht bereit, bitte nehmen Sie die Plätze ein. Wir wünschen gute Fahrt“, schallt es aus der Sprechanlage. Wer ein paar Stunden auf den quietsch-orangefarbenen Plastikschalen in der Wartehalle sitzt, der fragt sich, wie es möglich ist, eine derartige Ausnahmesituation in den Griff zu bekommen, ohne dass sich Hektik offenbart.

Noch nie hat eine Verkehrsanlage in Berlin solche Zuwachsraten bewältigen müssen, auch die Flughäfen nicht. Doch das Personal wirkt so professionell, als habe es schon immer Heerscharen wie in London zu den Bussen dirigiert; ein paar Passagiere dösen, die Atmosphäre ist entspannt. Beim Gedanken an die Herausforderungen des ZOB kommt einem das Bild von der Ente in den Sinn: wie sie geruhsam über das Wasser gleitet, während unter der Oberfläche die Ruderfüße heftigst paddeln.

Der ZOB ist dem neuen Ansturm nicht gewachsen

Fakt ist: Der 1966 eingeweihte Berliner Omnibusbahnhof ist für diesen Ansturm nicht gebaut. Die grellen Sitzmöbel gehören zur originalen Erstausstattung, wie auch das übrige Interieur: Schalterbereich, Rippenheizkörper, Stahlpavillons und die Toiletten im Tiefgeschoss über den Hof. Tatsächlich ist das Design so retro-schick, dass man sich wundert, warum es noch nicht unter Denkmalschutz steht. Im Fenster des ZOB-Reisebüros baumelt gar ein Makramee-Blumenübertopf.

Was den ZOB unschlagbar macht, damals wie heute, sind seine Lage und Funktionalität. Günstig am S-Ring-Bahn und am Autobahnkreuz gelegen, ist der zentrale Halteplatz für Fahrgäste und Busse gleichermaßen gut zugänglich. Der Warteraum ist gut beheizt; die breiten Sechzigerjahre-Sitzschalen reichen für heutige XL-Hinterngrößen; und ein neuer Kiosk bietet Kaffee für einen Euro und frische Brezeln an. „Ein Tischchen zum Essen wäre noch schön“, merkt Ilona Grabowsky aus Buxtehude an. Es ist zwölf und die erste Rush Hour vorüber. Ilona Grabowsky und Jutta Pitthan, beide über 60 und in helle, flauschige Schals verpackt, warten auf die 13-Uhr-Linie nach Hamburg. Sie waren zwei Tage in Berlin, haben das Musical „Hinter dem Horizont“ gesehen, und Ilona Grabowsky hat das erste Mal einen Fernbus ausprobiert.

„Wunderbar“, lautet das Urteil. Die Freundinnen saßen bequem im Doppeldecker und haben den Blick in die Landschaft genossen. Hinzu kam der günstige Preis: 50 Euro retour für beide. Zu bestimmten Zeiten, weiß die Bus-Debütantin Ilona Grabowsky, kann man die Strecke als Schnäppchen für neun Euro buchen – „dafür komme ich nicht mal von Hamburg nach Buxtehude.“ Die im Vergleich zur Bahn längere Bustour können die Seniorinnen verschmerzen, sie hätten ja Zeit, sagen sie. Wie gesagt, Tische wären noch wünschenswert. „Denn wenn man morgens vom Hotel direkt hierher fährt, sitzt man ja doch ein bisschen herum.“