Der CDU-Landeschef Frank Henkel steht gut gelaunt in der Lounge des Fernsehturms, in 200 Metern Höhe. Endlich mal ein Termin, bei dem er nicht nach der gescheiterten Räumung des Oranienplatzes gefragt wird.

Wenn er nach rechts unten schaut, liegt dort Klaus Wowereits Büro. Es ist ein PR-strategisch gut gewählter Ort, man kann sich gleich Schlagzeilen wie „CDU will hoch hinaus“, „CDU nimmt Rotes Rathaus ins Visier“ vorstellen. Und das ist schon die wichtigste Botschaft, gerichtet auch an den Koalitionspartner SPD, der sich zeitgleich in Braunschweig zur Klausur trifft.

Die zweitwichtigste Botschaft lautet: Zwei Jahre vor der nächsten Abgeordnetenhauswahl will CDU an die Bürger heran, oder wie es Henkel formuliert, „in einen ständigen Dialog treten“. Dazu hat sich die Partei ein aufwendiges Projekt ausgedacht, es trägt den Namen „BerlinVision21“. In einer ersten Stufe sollen Bürger befragt werden, welche Sorgen und Wünsche sie haben, ab Sommer sollen Diskussionsarenen wie im Wahlkampf folgen. „Wir wollen wissen, wie sich die Berliner ihre Stadt in Zukunft vorstellen“, sagt Henkel. Es gehe um Demografie, Werteentwicklung und Mobilität. Man wolle in großen Zeiträumen von 20, 30 Jahren denken, ergänzt Generalsekretär Kai Wegner.

Fünf Experten

Neu ist die Idee nicht, schon 2009 gründete der Werbefachmann und derzeitige Justizsenator Thomas Heilmann ein Gremium „Strategie Abgeordnetenhauswahl“. Er machte der CDU, die bisher eher als Partei der Hinterzimmer-Deals aufgefallen war, Lust auf inhaltliche Arbeit. Auch das Wahlprogramm 2011 „100 Probleme, 100 Lösungen“ wurde mit Bürgerbeteiligung geschrieben. Heilmann, dem auch Ambitionen für den Spitzenkandidatenposten nachgesagt wurden, ist am Freitag übrigens nicht dabei. Während die Führungsfrage bei der SPD ungeklärt ist, läuft in der CDU alles auf Henkel hinaus.

Auf Nachfrage betont Generalsekretär Wegner, dass das Ziel des Bürgerdialogs nicht die Erstellung eines Wahlprogramms für die nächste Abgeordnetenhauswahl ist, die turnusmäßig erst 2016 ansteht. 2015 soll ein Atlas „BerlinVision21“ präsentiert werden.

Die CDU will nicht nur ihre eigenen Leute, sondern auch Anhänger anderer Parteien mobilisieren, sich einzumischen. Über die sozialen Netzwerke und die Website berlinvision.de sollen die Bürger ihre Anregungen und Ideen einbringen. Ab Sommer ist ein Rollermobil unterwegs und soll Videobotschaften von Bürgern aufnehmen.

Kann das funktionieren? Und will der Bürger überhaupt in einen Dialog mit der CDU treten?

Wenn man beim Wahlkampf mit Kandidaten unterwegs war, dann fiel auf, dass die meisten Bürger sich eher über akute Probleme aufregten als über das, was in zwanzig Jahren passieren soll. Und wer wird sich schon in Videos für den Wahlkampf der Berliner CDU einspannen lassen? „Wir setzen auf unsere Experten und ihre Netzwerke“, sagt eine CDU-Sprecherin dazu. Fünf Fachleute wurden in den sogenannten „Lenkungsrat“ berufen und am Freitag vorgestellt, darunter der ehemalige Sprecher der Club-Kommission und Flyer-Herausgeber Marc Wohlrabe und die Vorstandschefin der Bürgerstiftung Berlin, Heike Maria von Joest, sie ist die einzige ohne CDU-Parteibuch. Jedem der fünf wurden Themengebiete zugeordnet, bei ihrer Vorstellung wird klar, dass auch die Experten sich eher um aktuelle Probleme als um Berlin 2030 kümmern wollen.

Von Joest ist die friedliche Koexistenz von Kinderwagen, Radfahrern und Autofahrern wichtig, sagt sie. Wohlrabe, der die CDU besser mit der Kreativwirtschaft vernetzen soll, regt sich gleich darüber auf, dass eine landeseigene Gesellschaft die letzten Lebensmittelläden vom Rosenthaler Platz vertreibe. Bildung, Verkehr, Stadtentwicklung, das sind in der Koalition Themen, die in den Händen der SPD liegen. „Es wäre absurd, wenn wir uns nur auf unsere Ressorts beschränken würden“, sagt Henkel und lächelt. Interessanterweise hat SPD-Fraktionschef Saleh gerade die innere Sicherheit als Thema entdeckt.