Bernau: Räder unter Dach und Fach

Bernau - Gleich auf den ersten Blick wird klar: Bernau hat ein echtes Problem. Der Bahnhofsplatz ist derzeit ein Bauplatz, aber vor allem ist er ein Radplatz. An jeder Mauer, jeder Laterne, jedem Stück Bauzaun und natürlich an jedem offiziellen Ständer steht ein Zweirad. Das alte verrostete Mifa-Ding neben dem edlen mattgrauen „Speedtour Trekkingrad“ von KTM. Wer über den Platz läuft, geht bis zur Bahnhofstür durch ein Spalier aus Rädern. Selbst am Geländer der Rollstuhlrampe steht Bike neben Bike.

Aber Bernau hat nicht nur ein Problem, sondern auch eine Lösung. Die Stadt hat gleich neben dem Bahnhof für 1,7 Millionen Euro ein Fahrradparkhaus gebaut. Das erste seiner Art im Land Brandenburg und auch in Berlin.

„Wir wissen gar nicht mehr, wer das Wort Fahrradparkhaus zuerst ausgesprochen hat“, sagt Bauamtsleiterin Simone Rochow. Es sei einfach viel zu lange her. Die Idee für das Parkhaus wurde 2005 geboren. Das Problem ist noch älter: Der Bahnhofsplatz steht schon seit Jahrzehnten voller Räder.

Sechs Jahre bis zum Kaufvertrag

Das liegt daran, dass die boomende Stadt im Kreis Barnim eine der großen Kommunen im Berliner Speckgürtel ist, in der eine S-Bahn-Linie endet. Das macht auch der offizielle Name der Stadt klar: „Bernau bei Berlin“. Täglich pendeln 5000 Leute von diesem Bahnhof in die Hauptstadt. Und die Pendler müssen ihre Fahrzeuge irgendwo abstellen. „Parkverbote lassen sich nur für Autos halbwegs durchsetzen“, sagt Uwe Böhm, im Bauamt für den Neubau zuständig. „Aber mit einem Fahrrad-abstellen-verboten-Schild erreichen sie gar nichts.“

Um das Problem zu minimieren, wurde zuerst ein Parkhaus für Autos am Bahnhof gebaut, doch das tägliche Radchaos blieb. Also wurde recherchiert und in der Radler-Stadt Münster ein Fahrradparkhaus gefunden, das sich die Bernauer Projektplaner auch ansahen. Damit ein solches Zweckgebäude von den Radlern auch angenommen wird, muss es möglichst einen direkten Zugang zum Bahnsteig geben. Damit kam die Bahn ins Spiel. Die begrüßte das Projekt zwar, überschlug sich jedoch offenbar nicht gerade bei der Unterstützung.

„Wir mussten das Grundstück kaufen“, erzählt Böhm. Der Preis sei mit 35.000 Euro völlig in Ordnung gewesen. „Hart war es aber, den Kaufvertrag auszuhandeln. Die Verhandlungen begannen 2005, der Vertrag wurde aber erst im August 2012 unterschrieben.“ Die Immobilientochter der Bahn sei selbst überrascht gewesen, wie viele Bahninstitutionen mitreden wollten. Der Planung und Bau des Autoparkhauses dauerte nicht mal drei Jahre, beim Fahrradhaus sind es sieben Jahre.

Die Stadt musste das 1,7-Millionen-Euro-Projekt selbst finanzieren und trieb auch 900.000 Euro Fördermittel vom Land und der EU auf. Die Bahn zahlte nichts. „Wir mussten sogar die alte Zugangstreppe zum Bahnsteig für die Bahn abreißen und eine neue bauen, die wir nun der Bahn quasi schenken dürfen und müssen“, sagt Böhm.

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Immerhin steht nun der Rohbau, und Anfang Juni soll das Parkhaus eröffnet werden. Es verfügt über drei Ebenen, die über breite Rampen befahrbar sind. In jeder Etage wird es 45 Schließfächer für Helme und Regenkleidung geben. Die Miete kostet 20 Cent pro Tag sowie zwei Euro Pfand. „Der Pfand ist wichtig“, sagt Böhm, „weil sonst manchen Leute keine Lust hätten, einen verbummelten Schlüssel zu suchen und sich lieber für 20 Cent ein neues Schließfach nehmen.“

Insgesamt gibt es 566 Stellplätze. Knapp 500 können kostenlos genutzt werden. Es gibt Doppelstock-Ständer. Unten wird klassisch ein Rad abgestellt, darüber ist ein Gestell, aus dem eine Laufschiene so herausgezogen wird, dass sich eine geneigte Ebene ergibt. Darauf wird das Rad geschoben und das Gestell hochgeklappt. Außerdem gibt es in der oberen Etage auch noch abschließbare Boxen. „Die können sich Leute mieten, die ihre teuren Räder sicherer abstellen wollen“, sagt Böhm. Die Boxen kosten zehn Euro pro Monat oder 95 Euro im Jahr. Für Sicherheit soll eine Videoüberwachung sorgen, zudem werden die Decks nachts beleuchtet.

„Die Resonanz ist rundweg positiv“, sagt Bauamtsleiterin Rochow. „Es gibt schon Anfragen aus Berlin, Potsdam und anderen Städten.“

Wegweisend für die Zukunft

„Diesem ersten Fahrradparkhaus wird ein zweites folgen und dann weitere“, sagt Jens-Uwe Schade, Sprecher des Infrastrukturministeriums. Es gebe Interesse von anderen Städten vor allem im Berliner Umland, aber oft sei dort noch nicht geklärt, wie der Eigenanteil finanziert werden könne. „Es ist ein Modell für die Zukunft“, sagt Schade, „denn der Trend geht immer mehr dahin, dass immer mehr Menschen ihre Fahrzeuge am Stadtrand stehen lassen und nach Berlin pendeln.“

Die Bernauer Planer treibt nun eine neue Sorge um: Es sind zwar 100 Plätze mehr im Parkhaus, als üblicherweise Räder auf dem Platz abgestellt werden. „Aber unser größtes Problem könnte werden, dass wir schneller erfolgreich sind, als gedacht und die 600 Plätze nicht reichen“, sagt Uwe Böhm. Also werde schon „ganz vorsichtig“ über ein Fahrradparkhaus an der vorletzten S-Bahn-Station nachgedacht.