Berlin - Fünfzehn Jahre bevor Bernward Eberenz AfD-Kandidat wurde, hieß er Leo Ben Schröder und tanzte mit Claudia Roth. Es war der Sommer 2001, in Deutschland durften sich erstmalig homosexuelle Paare das Jawort geben. Die Grünen feierten das neue Gesetz im Berliner Tränenpalast. 500 Gäste kamen, darunter Bernward Eberenz und Ali, sein Freund aus Istanbul. Reden wurden gehalten, ein neues Zeitalter beschworen, jeder tanzte mit jedem. Eberenz und sein Partner waren besonders gefragt. Ein Multikulti-Vorzeigepaar. Die Zukunft Deutschlands.

Bernward Eberenz zieht am Strohhalm. Das macht er immer, wenn ihm ein Thema unangenehm ist. Er sitzt im „India Palace“ in der Hermannstraße am letzten Tisch und trinkt Mango-Lassi, ein Joghurtgetränk. Er wohnt gleich um die Ecke, aber zu Hause will er keine Journalisten empfangen.

Er ist misstrauisch, am liebsten will er gar nichts über sich erzählen, aber er muss das jetzt machen. Er  ist Stadtratskandidat der AfD in Neukölln. Im Juli ist er in die neue rechte Partei eingetreten, im Oktober stand er das erste Mal zur Wahl. Eine politische Karriere in drei Monaten. Aber wer ist dieser Mann?

Eberenz spricht Russisch und Türkisch

Er nennt sich Künstler und Philosoph, ist offen schwul, spricht Russisch und Türkisch, hat mal in Istanbul gelebt und unterrichtet Deutsch als Fremdsprache. Im Internet findet man unter seinem Namen eine Website mit sogenannten  „Charakterskizzen“, Audio-Aufnahmen namens „Die Charmefreche“ oder „Der Seelhorch“.

Bis vor Kurzem hatte er auch noch eine Website über Reinkarnation, die ist inzwischen gelöscht. Auf anderen Seiten stößt man auf Texte von ihm, in denen er die heutige Gesellschaft als „faschistisch“ bezeichnet sowie „die verdeckte staatliche und wirtschaftliche Gewalt“ anprangert. Und dann gibt es noch Einträge unter „Leo Ben Schröder“, seinem anderen Namen. Eine Werbung für „Turkish Delight, Istanbuls erstes schwules Bed & Breakfast“, sowie einen Artikel aus der türkischen Tageszeitung Sabah mit einem Hochzeitsfoto von Eberenz und seinem Freund, aufgenommen in Berlin-Schöneberg.

Martin Hikel, Chef der Neuköllner SPD, nennt Eberenz einen „skurrilen Typen“. „Ich hätte mich nicht gewundert, wenn er sagen würde, er sei Kandidat der Grünen“, sagt Bernd Szczepanski, der grüne Fraktionsvorsitzende aus Neukölln. Franziska Giffey, Neuköllns SPD-Bürgermeisterin, sagt, sie hätte Eberenz nach seiner Vorstellung bei ihr am liebsten gefragt: „Und was machen Sie in dieser Partei?“

Fragt man Eberenz danach, spricht er von der Flüchtlingskrise, falschen Entscheidungen der Bundesregierung, dem kulturellen Auflösungsprozess in Europa und einer arabisch-türkischen Gang, vor der er auf der Oranienstraße in einen Hauseingang flüchten musste. Aber die eigentlichen Gründe findet man, wenn er über sein Leben spricht.

"Ich galt als Einzelgänger"

Er ist 55, in Frankfurt am Main geboren. Seine Mutter, eine Kommunistin, zog Ende der Fünfzigerjahre in die DDR, verlegte Rohre im Rostocker Hafen, nach drei Jahren ging sie enttäuscht zurück in den Westen, wurde Theologin und Kunstpädagogin, zog ihn alleine auf. Über seinen Vater spricht er nicht. Eberenz ging in einen katholischen Kindergarten, war gut in der Schule, hatte wenig Freunde. „Ich galt als Einzelgänger.“

Sein Studium – Musik, Geschichte und Philosophie – schloss er „in Rekordzeit“ ab, fand sich aber trotzdem „furchtbar dumm“ und hatte keine Ahnung, was er werden sollte. In den Achtzigern war er gegen Atomkraft, in den Neunzigern zog er nach Berlin, schrieb für die taz, reiste durch die USA, fuhr Taxi, bot Verlagen Oscar-Wilde-Interpretationen an, gab Klavier- und Deutschunterricht, komponierte, dichtete. Berlin gefiel ihm, hier fühlte er sich frei. Er tauschte seinen altgermanischen Namen gegen einen, der besser zu ihm passte: Leo Ben Schröder. „Schröder wie der von den Peanuts“, sagt er, seine Deutschlehrerin an der Schule habe ihn immer mit ihm verglichen.

Er lernte Türkisch an der FU, weil ihn die Sprache interessierte und die Kultur, reiste nach Istanbul, verliebte sich in einer Bar am Taksim-Platz in Ali, der eigentlich anders heißt. Eberenz hat darum gebeten, den Namen zu ändern. Ali war „bildungsbeflissen und offen schwul“. Sie zogen zusammen nach Berlin, lernten in einem Verein andere schwule Paare kennen.

Als das Gesetz zur Homo-Ehe im Bundestag verabschiedet wurde, suchten die Grünen nach Paaren, die sie zu ihrem Polterabend einladen konnten.  Es war das Jahr 2001, Berlin hatte einen schwulen Bürgermeister, und auch für Eberenz, der erst mit Mitte 20 sein Coming-out hatte, schien eine neue Zeit anzubrechen: eine bessere Zeit. Er wusste jetzt, wer er war und was er wollte. Ein Jahr nach der Feier im Tränenpalast gaben er und sein türkischer Freund sich das Jawort. Es gibt ein Foto von diesem Tag: Eberenz im schwarzen Frack und Fliege, Ali in schwarz-gold besticktem Kaftan, weißem Rüschenhemd und einer Art Stoffkrone auf dem Kopf.

"Ich dachte, mir fliegt das Blech weg"

Sie haben den Arm umeinander gelegt und lächeln. Man sieht ihnen nicht an, dass es am Tag zuvor zu einem heftigen Streit gekommen war, weil Ali seiner Familie gesagt hatte, die Hochzeit finde nur statt, damit er in Deutschland leben könne. Es sei eine Scheinehe, mehr nicht. „Wir saßen hier in meiner Wohnung in Neukölln am Küchentisch, die Mutter war extra angereist, ich hatte ihr ein Visum besorgt, und der sagt allen Ernstes, das sei doch alles nur ein Trick. Ich dachte, mir fliegt das Blech weg“, sagt Eberenz, der sich sonst eher gewählt ausdrückt.

Es war ein erstes Anzeichen für die Probleme, die folgen sollten, eine Warnung: zwei Männer aus verschiedenen Welten, mit verschiedenen Interessen. Der eine wollte einen Partner, der andere die deutsche Staatsbürgerschaft. Die Hochzeit fand trotzdem statt. Einer, der dabei war, erinnert sich an eine „lustige Feier in einem Schwulenlokal im Prenzlauer Berg“, aber auch daran, dass Alis Mutter die ganze Zeit nur weinte.
Wie es weiter ging mit der Beziehung, weiß der Mann nur noch aus den türkischen Zeitungen. Und dass Ali in Berlin nicht richtig Fuß fasste, weiß er auch. Eberenz hatte ihn in einem Bildungswerk für Migranten in Kreuzberg untergebracht, wo er selbst unterrichtete. Als Ali das Programm abbrach, kündigte auch Eberenz seine Stelle.

Das Paar zog nach Istanbul. Eberenz gab Ausländern Türkischunterricht, kaufte eine Wohnung, die Idee mit dem Bed and Breakfast entstand, „Turkish Delight“: Touristen nicht nur Unterkunft anbieten, sondern auch Sprachunterricht und Ausflüge ins Istanbuler Nachtleben. „Es gab schöne Momente“, sagt Eberenz. „Aber Ali wollte immer alles bestimmen. Er behandelte mich, wie türkische Männer ihre Frauen behandeln.“