Eine Studie der Bertelsmann-Stiftung, die die Schließung von mehr als 800 der knapp 1400 deutschen Krankenhäuser vorschlägt, stößt auf heftige Kritik – auch in Berlin und Brandenburg. Nach der am Montag vorgestellten Untersuchung könnten die verbleibenden Häuser dann deutlich mehr Personal und eine bessere Ausstattung erhalten. 

Die Zahl der Kliniken in Berlin und Brandenburg würde drastisch sinken

„Nur Kliniken mit größeren Fachabteilungen und mehr Patienten haben genügend Erfahrung für eine sichere Behandlung“, betonen die Autoren der vom Berliner Institut für Gesundheits- und Sozialforschung (Iges) erstellten Studie. Kleine Kliniken verfügten häufig nicht über die nötige Ausstattung und Erfahrung, um lebensbedrohliche Notfälle wie einen Herzinfarkt oder einen Schlaganfall angemessen behandeln zu können. Viele Komplikationen und Todesfälle ließen sich durch eine Bündelung von Ärzten und Pflegepersonal sowie Geräten in weniger Krankenhäusern vermeiden.

In der Berlin und Brandenburg würde die Idee rechnerisch bedeuten, dass die Zahl der Kliniken von 140 auf weniger als 60 sinkt. Brandenburgs Krankenhausgesellschaft erklärt jedoch, die Studie verkenne die Versorgungsrealität und stehe im Widerspruch zum politischen Ziel, alle Standorte im Land Brandenburg zu erhalten. Kleine Häuser seien mit ihrer schnellen Erreichbarkeit in der Fläche wichtig, für eine Vergrößerung einiger dieser Einrichtungen gebe es keinen Bedarf.

Auch der Vorstandsvorsitzende der Charité kritisiert die Bertelsmann-Studie

Die Berliner Krankenhausgesellschaft argumentiert, dass angesichts einer Auslastung von 85 Prozent die Schließung kleiner Häuser eine nicht finanzierbare Vergrößerung bereits jetzt großer Kliniken nach sich ziehen würde. Die in der Studie geforderte Spezialisierung sei in Berlin bereits realisiert.

Auch der zukünftige Vorstandsvorsitzende der Berliner Charité, Heyo Kroemer, sieht die Bertelsmann-Studie eher kritisch und bezeichnet sie lediglich als Denkanstoß für die Lösung eines komplexen Problems. „Die Schließung der Hälfte aller Krankenhäuser würde voraussetzen, dass parallel ambulante Versorgungsstrukturen aufgebaut werden, die eine solche Schließung erst ermöglichen“, gibt Kroemer zu bedenken. „Außerdem wäre es vorab notwendig, abgestufte, eng kooperierende Versorgungsketten im stationären Bereich zu organisieren“, ergänzt er. Die sozialpolitischen Folgen einer Schließung der Hälfte aller Krankenhäuser seien ebenfalls zu bedenken.

Autoren der Studie schlagen Aufbau neuer Krankenhausstruktur vor

Reinhard Busse, Professor für Management im Gesundheitswesen an der Technischen Universität Berlin, unterstützt die Schlussfolgerungen der Studie dagegen. So sei das Angebot von 22 auf Herzinfarkte spezialisierten Berliner Häusern angesichts rund 20 Infarkten am Tag zu groß. Deutschland habe zu viele Kliniken, weil sie ihre Betten über die Notaufnahmen übermäßig belegten: „Gegenüber anderen Ländern haben wir 40 Prozent mehr Krankenhausfälle“, sagt der Gesundheitssystemexperte.

Die Autoren der Bertelsmann-Studie schlagen einen zweistufigen Aufbau einer neuen Krankenhausstruktur vor. Neben Versorgungskrankenhäusern mit durchschnittlich gut 600 Betten soll es deutschlandweit etwa 50 Unikliniken und andere Maximalversorger mit im Schnitt 1300 Betten geben. Aktuell hat ein Drittel der deutschen Krankenhäuser weniger als 100 Betten.