Beruf: Dolmetscher: Französische Träume

Sonja Harm kann nicht aufhören zu dolmetschen. Wenn sie auf Deutsch träumt, dann muss sie ins Französische dolmetschen und die französischen Träume werden ins Deutsche übertragen. Irgendwann jedoch wird die Handlung im Traum so konfus, dass die Übertragung nicht mehr funktioniert. „Dann schrecke ich schon mal aus dem Schlaf“, erzählt Sonja Harm.

Seit 13 Jahren arbeitet die 39-Jährige als Dolmetscherin am Deutschen Bundestag in Berlin und sorgt dafür, dass die Abgeordneten, vor allem aber Norbert Lammert, der Bundestagspräsident, sich mit ihren französischen Kollegen austauschen können. Eine verantwortungsvolle Aufgabe, schließlich muss Harm die Worte der Politiker so genau wie möglich in die andere Sprache übertragen, es darf nichts zusammengefasst werden, denn das könnte die politische Botschaft verändern. „Die große Kunst ist es, alles so genau wie möglich rüberzubringen.“

Ein 24-Stunden-Job

Sonja Harm dolmetscht aktiv, sie überträgt also sowohl das Französische in ihre Muttersprache Deutsch, als auch das Deutsche in die Fremdsprache Französisch. Dieses hohe Sprachlevel aufrecht zu erhalten, ist ein 24-Stunden-Job. Ihr Tag beginnt damit, dass sie bereits beim Frühstück deutsches und französisches Radio hört.

Auf dem Weg in ihr Büro überträgt sie jedes Plakat ins Französische. „Sobald mir ein Wort nicht einfällt, muss ich es sofort nachschlagen.“ Und ihr Tag endet mit gedolmetschten Träumen. „Das ist ein Programm, das immer im Hintergrund abläuft. Ich kann das nicht ausblenden.“ Trotzdem liebt Sonja Harm ihren Job, sie hatte nie einen anderen Berufswunsch.

Schon als Kind wurde sie „die kleine Dolmetscherin“ genannt. Harms Vater ist Deutscher, die Mutter niederländischsprachige Belgierin. Zu Hause in Köln-Porz wurde Deutsch gesprochen, trotzdem lernte Harm schon zu Kindergartenzeiten Niederländisch. Und weil es auf den Familienfesten mit deutschen und niederländischen Cousins und Cousinen immer so langweilig war, weil man sich nicht verstand, dolmetschte Harm mit vier Jahren einfach die kindlichen Gespräche. Ein Schlüsselerlebnis.

Auch für Angela Merkel gedolmetscht

Heute hat Sonja Harm ein Dolmetsch-Diplom der begehrten Mainzer Johannes-Gutenberg-Universität, ihr Vordiplom hat sie in Brüssel absolviert. Gleich nach der Uni, mit 23 Jahren, bestand sie den Aufnahmetest im Bonner Verteidigungsministerium, nach zwei Jahren bewarb sie sich auf den Posten im Bundestag und bestand auch hier den Test. In den vergangenen 15 Jahren hat sie mit fast allen bekannten Politikern zusammengearbeitet, auch für Angela Merkel hat sie bereits gedolmetscht.

Die fünf fest angestellten Dolmetscher am Bundestag – drei für Englisch, einer für Arabisch, Sonja Harm für Französisch – arbeiten mit den Dolmetschern der anderen Ministerien zusammen, häufig werden auch Fachkräfte vom freien Markt hinzugezogen. Die meisten Dolmetscher sind Freiberufler, eine Festanstellung und gar eine Verbeamtung wie bei Harm sind die Ausnahme.

Die Konkurrenz ist groß. Sonja Harm ist sehr zielstrebig und sehr professionell. Das fängt bereits beim Styling an: dezente Kostüme und hochhackige Schuhe selbst für den Bürodienst, dazu eine energische Kurzhaarfrisur. „Ich brauche diesen positiven Stress“, sagt Sonja Harm.

Reaktionsschnell sein

Ganz am Anfang habe sie mal den Fehler gemacht, aus Nervosität am Vorabend eines großen Termins Baldrian-Tropfen zu nehmen. Die Folge: Harm konnte kaum dem Tempo der Redner folgen, dolmetschte viel zu langsam. „Man muss eben reaktionsschnell sein.“

Harm dolmetscht auf zwei Arten. Beim konsekutiven Dolmetschen steht sie neben dem Hauptgesprächspartner, ausgerüstet mit einem kleinen Block. Während der Politiker redet, notiert sie seine Worte in einer besonderen Technik. Aus ihren Hieroglyphen formuliert sie, nachdem der Redner geendet hat, dessen Worte in der anderen Sprache.

Harm spricht dann so flüssig und betont, mit lebendiger Gestik und Mimik, dass man im ersten Moment glaubt, sie würde ihre eigene Rede halten. Beim Treffen zum 50-jährigen Jubiläum des Élysée-Vertrages etwa verließen Norbert Lammert und sein Kollege Claude Bartolone die Pressekonferenz, um weitere französische Kollegen zu begrüßen, mit den Worten „Und während die Frau Harm jetzt mal übersetzt, verschwinden wir gerade und kommen dann wieder hoch.“

Bei anderen Anlässen muss Harm simultan dolmetschen. Dann sitzt sie in einer gläsernen Kabine, mit einem Headset auf dem Kopf und überträgt die Worte der Politiker, noch während diese sprechen. „Das muss man sich im Studium mit viel Fleiß und Übung aneignen. Mindestens genauso anspruchsvoll ist im Beruf aber die Vorbereitung auf die täglich neuen Themen und Begriffe.“

Studiert Landkarten, lernt Namen auswendig

Vor Terminen muss Harm sich in das politische Thema intensiv einarbeiten. Sie recherchiert Inhalte, nimmt vorab Kontakt zu Rednern auf, studiert Landkarten und lernt Namen auswendig. Auch Abkürzungen unterscheiden sich in den Sprachen. So wird die afrikanisch geführte Unterstützungsmission in Mali im Deutschen und Englischen Afisma genannt, im Französischen jedoch Misma.

Bei komplizierten Themen dauert die Vorbereitung auch mal drei Tage. „Wenn ich dolmetsche, muss ich gut vorbereitet sein. Man würde sich ja blamieren, wenn man erst nach Worten suchen müsste.“ Einen wirklichen Verschwiegenheitscode musste Harm übrigens nicht unterschreiben. „Es gehört zum Ehrenkodex der Dolmetscher, dass wir keinerlei Gesprächsinhalte ausplaudern.“ Die behält sie in ihrem Kopf – und träumt vielleicht nachts davon.