Berlin - An Heiligabend wird es ab 15 Uhr ruhig auf den Bahnhöfen der Stadt. Andreas Reichert ist U-Bahnfahrer und wird an den Festtagen Dienst haben. Bedrückt ist er deshalb nicht. Bescherung und Weihnachtsessen mit seiner Frau finden dann eben in der dienstfreien Zeit statt. In seiner Fahrerkabine wird es auch keinen Dekorations-Schnickschnack geben, denn das ist nicht erlaubt.

Mit bis zu 70 Kilometer pro Stunde düst er durch Berlins Unterwelt von Bahnhof zu Bahnhof. Seine Stammstrecke ist seit ihrer Eröffnung 2009 eigentlich die U55, die bisher nur 1,4 Kilometer lang ist und drei Stationen hat. Eine Woche pro Monat aber ist Andreas Reichert als Springer auf anderen Strecken unterwegs, zum Beispiel auf der U9.

Bremsen als Kunst

Wenn die automatische Ansage auf dem Bahnhof beendet ist, schaut Andreas Reichert prüfend auf den Monitor am Bahnsteig oder in den Spiegel, der die ganze Länge des Zuges erfasst. Sind alle Leute drin und versucht auch keiner mehr, in letzter Sekunde in den Wagen zu hechten, schließt er per Knopfdruck die Türen. Ab geht es in den Tunnel.

Der Kurzzeit-Beobachter staunt: Es ist überraschend dunkel. Zahllose Pfeiler flankieren die Strecke. Es gibt Abzweigungen, Abstellgleise und manchmal tauchen seitlich größere Räume im Dämmerlicht auf. Nur Abschnitte, wo Bauarbeiten oder Kontrollgänge stattfinden, sind beleuchtet. Manche Passagen sind extrem kurvig. Einige Abschnitte zwischen Bahnhöfen sehr kurz, manche scheinen extrem lang.

Sicherheitssysteme am Fahrerpult kontrollieren die Geschwindigkeit und stoppen notfalls den Zug, falls der Fahrer rote Signale überfährt oder plötzlich, nur als Beispiel, ins Koma fallen sollte. „Nicht das Fahren, sondern das Bremsen ist die Kunst“, fasst Andreas Reichert seinen Job kurz und gut gelaunt zusammen und bringt im nächsten Bahnhof seine Bahn seidenweich zum Stehen. Leute drängeln sich mit Tüten, Koffern und Weihnachtsbäumen raus, andere ebenso beladen rein. Es folgen: Ansage, Prüfblick, der Schließton der Türen. Weiter geht’s.

Gerne heitert er die Fahrgäste mit seinen Ansagen auf

Andreas Reichert wuchs in Tempelhof auf, lernte Friseur, bewarb sich danach aber gleich bei der BVG. U- und S-Bahnen hatten ihn schon immer interessiert; natürlich besaß er als Kind eine Spielzeug-Eisenbahn. Aber die BVG nahm zum Zeitpunkt seiner Bewerbung nur Kandidaten, die mindestens 21 Jahre alt waren – das war Andreas Reichert damals noch nicht. Deshalb heuerte er 1979 bei den US-Alliierten an, „als Security-Policeman“, sagt er.

Doch am 4. August 1981, als er das erforderliche Alter erreicht hatte, begann er bei der BVG – zuerst als Bahnhofsschaffner, dann als Zugabfertiger, endlich ab 1982 als Fahrer in der „Zuggruppe Britz“ auf der U7. Es sei ein „Anlernberuf“, erklärt Andreas Reichert. Er habe in der Betriebsschule Einweisungen in Technik und Theorie bekommen, an einem Simulator und bei einem Lehrzugfahrer die Praxis gelernt.

Sein Job macht ihm Freude; gerne heitert er die Fahrgäste mit manchmal etwas unorthodoxen Ansagen auf. Wie zum Beispiel während eines Kirchentages: Da warteten an einer Station viele an ihren orangefarbenen Tüchern als Kirchentagsbesucher zu erkennende Passagiere. Er schaltete die automatische Ansage ab und forderte in salbungsvollem Singsang einer Papstansprache alle zum Aus-, Einsteigen und Zurückbleiben auf. Die Wartenden lachten und klatschten, einige kamen beim nächsten Halt zu seinem Fenster, um sich zu bedanken.

„Bitte mal tief Luft holen“

In Andreas Reicherts mehr als 35 Jahren U-Bahnfahrer-Dasein hat sich vieles verändert: Berlin ist nicht mehr geteilt, die Linien verbinden die ganze Stadt, die Geisterbahnhöfe sind verschwunden. Die Fahrintervalle sind dichter geworden, die Fahrgastzahlen stiegen stetig – auf täglich über 1,5 Millionen. Das verlangt der BVG-Logistik, ihrer Technik und ihrem Personal einiges ab.

Aber auch das Verhalten der Nutzer hat sich verändert – eher zum Negativen. Wenn alles läuft, bemerkt es keiner. Kommt die U-Bahn zu spät, fällt wegen eines Zugschadens aus oder ist zu voll, regt sich jeder auf – und reagiert sich in der Regel an denen ab, die sichtbar sind: dem Bahnhofs- und Zugpersonal.

„Die Leute sind ungeduldiger geworden, gestresster, aggressiver“, konstatiert Andreas Reichert. Die Fahrer werden für solche Situationen zwar geschult, aber der 58-Jährige wünscht sich, dass die Fahrgäste mal tief Luft holen und in Erwägung ziehen, dass es dafür Gründe gibt, für die weder Fahrer noch Unternehmen Verantwortung tragen.

Andreas Reichert hofft nun auf einen unfall- und vorfallfreien, pünktlichen Weihnachtsdienst.