Die Kunden von Sabine Koppe, das muss man leider sagen, kommen nicht gern in ihren Laden. Doch Ihre Besitzer haben nun mal entschieden, dass ihr Dackel, Terrier, Schnauzer wieder mal zum Friseur muss. Also waschen, föhnen, schneiden, pardon: trimmen, wie es bei Hunden heißt.

Wo sich Fellknäul in Schaumpuschel verwandeln

Während Herrchen oder Frauchen sich meistens ins Café verabschieden, bleiben die Vierbeiner zurück. Manche stehen wie zu Eis erstarrt, erzählt Sabine Koppe, andere trippeln nervös herum, nur wenige werden aggressiv. „Nur Mut“ heißt der Hundesalon und man rätselt kurz, wer den mehr braucht: Sabine Koppe wohl nicht. Sie betätigt sich als Hundeflüsterin, redet besänftigend auf die Tiere ein, verteilt Streicheleinheiten, gurrt deren Namen, wobei dann aus Kiki auch schon mal Mausi wird.

Ihr Salon in der Kopenhagener Straße in Prenzlauer Berg ist schmal. Auf dem Tresen liegen ein Kalender für die Termine, ein paar Bücher über Hunderassen. Im Raum dahinter stehen ein zum Arbeitstisch umgebautes Krankenbett und ein alter Friseurstuhl, falls die Besitzer ihrem Liebling bei der anstehenden Prozedur doch beistehen wollen.

Zum Waschen muss der Hund ins Hinterzimmer, in den Metalltrog unter die Brause, wo sich die Fellknäul in Schaumpuschel verwandeln. Eigentlich entscheidet nur das Gewicht, ob ein Vierbeiner hier behandelt wird – eine Dogge, die so um die 50 bis 60 Kilogramm auf die Waage bringt, könnte Sabine Koppe nicht in den Trog hinein- und heraus bugsieren und dann auf den Arbeitstisch setzen.

Über Schlager zum Hund

Vor 13 Jahren eröffnete die heute 56-jährige ihren Salon. Nach der zehnten Klasse hatte sie Hotelfachfrau gelernt, was in der DDR ein ziemlich cooler Beruf war: Sie arbeitete in renommierten Hotels wie dem Neptun in Warnemünde, dem Metropol in Berlin. Nach der Wende blieb sie zwar noch eine Weile in der Gastronomie, aber ihr wurde ihre Berliner Klappe zum Problem. Kunden können nämlich durchaus blöde Fragen stellen – und die hat sie schlagfertig, aber auch ziemlich spitz beantwortet.

Danach arbeitete sie noch in der Einsatzzentrale eines privaten Fuhrunternehmens, was ihr als alleinerziehende Mutter eines kleinen Sohnes sehr gelegen kam. Doch als der Unternehmer 2004 expandieren wollte und den Firmensitz ins Ausland verlegte, wurde sie arbeitslos.

Die Rettung brachte das Fernsehen mit einem Beitrag über Michelle. Daran schwärmte die etwas ins Abseits geratene Schlagersängerin von ihrem Hundesalon, und Sabine Koppe dachte sich: Das kann ich auch. Sie besaß schon als Kind einen Hund, hatte zwar Respekt, doch keine Angst vor diesen Vierbeinern, und sie musste schließlich etwas tun.

Nun kann man zwar in Deutschland einen Hundesalon auch ohne Ausbildung aufmachen, aber Sabine Koppe belegte einen mehrmonatigen, ziemlich teuren Kurs und schaute Hundefriseuren bei der Arbeit zu. „Aber die Kolleginnen verraten einem natürlich nicht ihre Tricks“, sagt sie. „Ich habe mir vieles selbst beigebracht.“ Dazu gehört übrigens auch, dass sie selbst mit schwierigen Kunden gut kann – in diesem Fall nicht den Tieren, sondern vielmehr deren Besitzern. Manche wollen für ihren Hund unmögliche Schnitte, schätzen ihr Tier falsch ein oder übertreiben ihre Tierliebe.

Inzwischen nur mit Anmeldung

Die Räume für den Laden fand ihre Mutter, die Miete war erschwinglich, und das Mobiliar entstand in Eigenbau. Trotzdem kamen noch rund 15.000 Euro an notwendigen Investitionen zusammen. 2005 konnte Sabine Koppe ihr Gewerbe anmelden, mit Unterstützung des Arbeitsamtes eine „Ich-AG“ gründen und den Salon eröffnen. „Den wollte ich auf keinen Fall ,Salon Sabine’ nennen“, sagt sie. Und weil Ihre Mutter das Vorhaben für ziemlich couragiert hielt, nannte sie ihr Geschäft „Nur Mut“.

Vorbild Michelle hatte in dem TV-Beitrag zwar viel erzählt, allerdings nicht erwähnt, dass man doch so einige Hunde am Tag frisieren muss, um davon leben zu können. Und Sabine Koppe hatte auch nicht so recht bedacht, dass im Prenzlauer Berg gefühlt fast mehr Hunde als Einwohner herumlaufen, es dort aber auch ziemlich viele Hundesalons gibt.

„Beim ersten Kunden ging erst einmal alles schief“, erzählt sie. Der Fön streikte, die Schermaschine auch. Nach diesen ersten Pannen habe zwar alles funktioniert, aber die ersten fünf Jahre seien hart gewesen, erzählt die Salon-Chefin. Erst ab 2014, seit sie mit einer eigenen Webseite für das Geschäft und ihre Arbeit wirbt, laufe es ganz gut. Die Existenzängste aus den Anfangsjahren hätten sie jedoch nie wieder verlassen.

Dabei wird Sabine Koppe inzwischen selbst von Tierärzten im Kiez empfohlen, man muss sich schon einige Tage zuvor anmelden und die Besitzer, die mit ihren Hunden den Laden verlassen, sehen zufrieden oder manchmal sogar überrascht aus: Ihr Hund riecht gut und macht einen piekfeinen Eindruck.