Berlin - Es war ein großes Fest mit Hunderten von Gästen, mit dem der Berliner Rabbiner Yehuda Teichtal im März die Beschneidung seines neugeborenen Sohnes feierte. Er ließ den Mohel, den jüdischen Beschneider, dabei ein besonderes Ritual praktizieren. Es trägt den Namen Metzitza be-pe. Nachdem der Mohel die Vorhaut abgetrennt hat, saugt er das Blut aus der Wunde mit dem Mund ab. Üblich ist es, eine Pipette zu benutzen.

Bei der Berliner Staatsanwaltschaft ist in Zusammenhang mit dieser Beschneidung eine Anzeige wegen Körperverletzung eingegangen. Das sagte am Donnerstag der Sprecher der Behörde Martin Steltner. Sie richtet sich gegen den Mohel und ist von einem Mitglied von „Mogis und Freunde“ gestellt worden. Das ist ein Verein, der sich für Kinderrechte einsetzt.

Zwar muss der Berliner Rechtspraxis zufolge nicht unbedingt ein Arzt die Beschneidung durchführen, doch sollen medizinisch fachgerechte Standards eingehalten werden. Ob dies im aktuellen Fall geschehen ist, darf bezweifelt werden. „Wir hatten gehofft, dass das Gesetz Rechtssicherheit geschaffen hat“, sagte am Donnerstag Ilan Kiesling, der Sprecher der Jüdischen Gemeinde zu Berlin. Die Metzitza be-pe werde nur von einer Minderheit angewandt. Viele Berliner Juden hätten wohl im Rahmen der Beschneidungsdebatte zum ersten Mal davon gehört.

Gesundheitsgefährdendes Ritual

Die Bamberger Rabbinerin Antje Yael Deusel, die gleichzeitig Urologin ist, hat im vergangenen Jahr zur Anhörung im Bundestag betreffs der rituellen Beschneidung von Knaben im Judentum Stellung genommen. Sie schrieb damals, dass sie einer der grundlegenden Fixpunkte des jüdischen Glaubens sei. Sie erklärte auch, dass eine Metzitza be-pe dabei keinesfalls durchgeführt werden solle.

Auch in Israel ist die Metzitza be-pe umstritten. Das geht aus einem im vergangenen August in der Jüdischen Allgemeinen erschienen Artikel hervor. Die Vereinigung der Kinderärzte (IAPA) in Israel lehne sich gegen dieses uralte Ritual auf, heißt es dort. Die Ärzte sehen es als unnötig und zudem als gesundheitsgefährdend an. Das Saugen könne Infektionen herbeiführen, da Bakterien und Viren vom Mund des Mohels auf das Baby übertragen werden könnten. Die IAPA bezieht sich auf Vorkommnisse in New York.

Das Gesundheitsamt dort habe angegeben, dass innerhalb von elf Jahren elf Babys bei der Brit Mila, der Beschneidung, mit dem Herpesvirus infiziert worden, und zwei von ihnen gestorben seien. In Israel würden bei 60.000 bis 70.000 Beschneidungen jährlich etwa drei bis vier Fälle auftreten, gibt die Vereinigung an. Laut dem zitierten Leiter der Beschneidungsabteilung des Rabbinats wird bei den wenigsten Beschneidungen in Israel die Metzitzah be-pe angewandt.

Doch manche, vor allem orthodoxe Juden, halten das Ritual nach jüdischem Recht für notwendig. Eine strenggläubige Haltung hat auch Yehuda Teichtal. Er ist Rabbiner der orthodoxen jüdischen Gemeinschaft Chabad Lubawitsch. Vielleicht wollte er mit der Beschneidung seines Sohns Position beziehen. Für eine Stellungnahme war er am Donnerstag nicht zu erreichen.