Ein kurioser Anruf ging letztens in der Beschwerdestelle der Schulverwaltung ein. In einem Garten auf der Ostseeinsel Usedom würden schulpflichtige Kinder aus Berlin während der Unterrichtszeit herumtollen, teilte der Anrufer mit. Die beiden Beschwerde-Manager Benno Linne und Dirk-Christian Stötzer recherchierten, dass die Kinder tatsächlich in Berlin gemeldet waren. Aber offenbar nur des Kindergeldes wegen, tatsächlich wohnten sie beim Vater in Portugal. Jetzt gibt es kein Kindergeld mehr.

Viele Anrufe und Mails gehen täglich hier in der Beschwerdestelle in den schmalen Büros im dritten Stock der Verwaltung ein, nur ein paar Zimmer vom Büro der Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) entfernt. Es geht um Unterrichtsausfall und oft um Mobbing. Manch ein hochrangiger Manager versucht hier, mit einem Anruf sein Kind doch noch an der Wunschschule unterzubringen. „Funktioniert aber nicht“, sagt Linne.

In 90 Prozent der Fälle sind es Eltern, die sich melden, ansonsten Lehrer und Schulleiter. Oft steht auch jemand unangemeldet im Büro. An diesem Donnerstag ist es ein aufgebrachter Vater aus Spandau, der mit anderen Eltern eine Kita gründen will. Offenbar verzögert eine Mitarbeiterin des Bezirksamtes das Ganze. Stötzer notiert sich alles und gibt es ins Haus. Generell beschweren sich Eltern, dass Lehrer sie nicht ernst nehmen. Eine Schulleiterin hat Elternvertretern gerade mit disziplinarrechtlichen Konsequenzen gedroht, so als wären die auch Landesbedienstete, berichten die Ex-Schulräte Linne und Stötzer leicht belustigt.

Mittags ein einziges Gehetze

Wichtig sei, miteinander zu reden, sagt Stötzer. Einmal hat sich der Vater eines Gymnasiasten jahrelang mit dem Schulleiter gestritten, weil sein Sohn im Vergleich zu Mitschülern besonders hart bestraft worden ist. „Erst als wir mit ihm die Akten durchgeschaut haben, hat er festgestellt, dass sich sein Sohn vorher schon so einiges hat zu Schulden kommen lassen“, sagt Stötzer. Manche Eltern wissen allerdings auch sehr gut, wie man Unmut erzeugen kann. Da kommen dann 150 Postkarten aus Zehlendorf mit genau gleichem Wortlaut ins Haus.

Oft wird die Verwaltung durch Beschwerden erst auf Missstände aufmerksam. Ein Vater meldete etwa, dass seine Tochter in der 3.Klasse viel zu wenig Zeit fürs Mittagessen habe und ihr regelmäßig schlecht werde. Linne und Stötzer besuchten die Schule und stellten mittags ein einziges Gehetze fest. Das Büro der Senatorin wurde informiert. Die Beschwerdestelle ist eine Art Alarmmelder. Sie tischt der politischen Leitung des Hauses Probleme von allgemeiner Bedeutung direkt auf.

Auch für viele Lehrer bietet die Beschwerde-Stelle Gelegenheit, Frust los zu werden. Pädagogen klagen dann darüber, dass sie von der Schulleitung gehindert werden, bestimmte Fächer zu unterrichten. Oder darüber, dass der Schulleiter anders als vereinbart gar nicht mehr unterrichtet. Die Beschwerdestellen-Manager überprüfen solche Schulen, schauen, wie die Lehrerstunden eingesetzt werden. „Wir verstehen uns als Controlling für die Schulen, das findet ja nicht so oft statt“, sagt Linne. Während er Tacheles redet, ist sein Kollege Stötzer eher der besonnene, ausgleichende Typ. Eine Rollenverteilung, die sich in fünf Jahren eingespielt hat. In einer Woche geht Stötzer in Pension. Seine Nachfolgerin hat sich schon eingearbeitet. Die langjährige Schulrätin Barbara Schäfer will energisch, aber sanft im Ton sein.