Berlin - Der Duft von Gemüseeintopf zieht durchs Haus. Ursel Frost, 85, hat ihn gekocht. Für sich und die anderen Besetzer des Rentnertreffs an der Stillen Straße in Pankow. Am Mittwoch ist das Haus voll. Wie jede Woche treffen sich dort Senioren zum Englisch-Kurs, in der Küche müssen sechs Kilogramm geräucherte Sprotten verstaut werden, die ein Pankower Fischhändler gebracht hat. Weitere Spenden sind Marmorkuchen und Erdbeeren.

Gut zwei Wochen dauert jetzt die Besetzung des Seniorentreffs. Ein Ende ist nicht abzusehen. Beide Seiten – Besetzer und Bezirk – beharren auf ihre Positionen. Die etwa 50 Rentner, von denen immer sechs auch nachts im Haus sind, wollen nicht hinnehmen, dass ihre Freizeitstätte geschlossen werden soll. Das Bezirksamt argumentiert mit akuter Finanznot. Derzeit sieht es so aus, als ob die Behörde das Problem aussitzen wolle. Am Dienstag wurde den Besetzern, die bundesweit auch als „Wut-Rentner“ bekannt sind, erst mal das Telefon abgeklemmt.

Gespräche noch ohne Ergebnis

„In einem illegal besetzten Haus besteht kein Anspruch auf ein Telefon, das der Bezirk bezahlt“, sagte Sozialstadträtin Lioba Zürn-Kasztantowicz (SPD). Sie ist im Bezirk der einzige amtliche Ansprechpartner für das Thema, der Bürgermeister, gerade aus dem Urlaub zurück, will sich nicht dazu äußern. Zürn-Kasztantowicz berichtet von einem Treffen in der vorigen Woche mit den Senioren. Es fand in der Freizeitstätte statt, die Besetzer hatten sich geweigert, ins Rathaus zu kommen.

Aus Angst, dass derweil in ihrem Treff die Schlösser ausgetauscht werden und sie danach nicht mehr reinkämen. „Ich hatte ausdrücklich eine Friedenspflicht angeboten, also ihnen versichert, dass niemand Schlösser auswechselt, solange sie außer Haus sind“, sagt die Stadträtin. Weil dies aber so recht niemand glauben wollte, hat sich die Politikerin aufgemacht zur Stillen Straße. Dort habe es „ein Gespräch in sachlicher Atmosphäre“ gegeben, sagt Zürn-Kasztantowicz. Was man eben so sagt, wenn es kein Ergebnis gibt.

Nachbarin Tabatabai liest

Fünf Millionen Euro muss der Bezirk Pankow sparen. Der beschlossene Haushalt beinhaltet, dass vier Verwaltungsstandorte aufgegeben werden, ebenso die Gartenarbeitsschule, den Kulturstandort Thälmannpark – und drei Seniorenbegegnungsstätten. Zwei davon seien bereits geschlossen. Die Villa an der Stillen Straße, deren Sanierung gut zwei Millionen Euro koste, werde wie geplant dem Liegenschaftsfonds übergeben, zum Verkauf. Den etwa 300 Senioren, die sich dort zu Sprach- und Tanzkursen, zum Schach oder zu Lesungen treffen, seien Alternativen benannt worden. So zwei andere Freizeitstätten, ein Stadtteilzentrum und eine Kita, die ein Mehrgenerationentreff werden wolle. „Die Senioren haben alles abgelehnt.“

Ganz so sei es nicht, widerspricht Brigitte Klotsche, eine der Besetzerinnen: „Wir haben uns die sieben Alternativ-Orte angeschaut, aber in den meisten wurde uns mitgeteilt, dass man gar keinen Platz für uns hat.“ Und ein gefliester Fußboden, wie es ihn in der Begegnungsstätte Breite Straße gebe, sei völlig ungeeignet für eine Sportgruppe. Am unwürdigsten aber sei mit der Demenzgruppe umgegangen worden: „Es gab einen amtlichen Aushang, wonach ihr neuer Treffpunkt in der Friedenskirche Weißensee sein soll.“ Demenzkranke könne man aber nicht so einfach umlenken. Für den Sonnabend hat sich eine weitere Unterstützerin im besetzten Haus angesagt: Die Schauspielerin und Nachbarin Jasmin Tabatabai will dort um 14.30 Uhr eine Lesung veranstalten.