Friedrichshain - Es ist bitterkalt, als Klaus Lederer (Linke) von einem Tag der Freude spricht. Der Berliner Kultursenator steht an der East Side Gallery. Die Kälte dringt ungemütlich bis in dicke Jacken vor. Hinter Lederer schwebt der Kopf des sowjetischen Physikers und Dissidenten Andrej Sacharow wie ein Planet. Das Gesicht, sorgfältig auf den Beton gepinselt, sieht müde aus. Klaus Lederer aber strahlt. Auch die Herren neben ihm, Axel Klausmeier, Direktor der Stiftung Berliner Mauer, und der Künstler Kani Alavi versprühen sichtbar Glücksgefühle. Angesichts der Kälte ist das durchaus erstaunlich.

Die drei Herren haben sich an der bemalten ehemaligen Hinterlandmauer versammelt, um etwas zu verkünden, was ihnen offenbar gute Laune macht. „Ich freue mich, es ist ein Tag der Freude für mich, genau die richtige Lösung, genau der richtige Rahmen“, so sagt es Klaus Lederer. Die East Side Gallery ist jetzt der Stiftung Berliner Mauer übertragen worden. Das klingt erstmal nach einem bürokratischen Akt. Aber es ist vielmehr. Man kann wohl davon ausgehen, dass sich die Querelen der Vergangenheit um dieses Stückchen Hinterlandmauer der DDR in Zukunft nicht mehr wiederholen können.

Keine weiteren Baugenehmigungen

Es wird nicht noch einmal dazu kommen, dass ein Grundstückseigentümer ein Hochhaus am Spreeufer baut und dann einfach ein Stück heraussägt aus der Mauer, damit man sein Haus überhaupt ordentlich erreichen kann, wie es vor einiger Zeit an diesem Ort geschehen ist. Die Mauer hat jetzt einen Besitzer, zu dessen Kernauftrag es gehört, das Andenken an die Teilung der Stadt wachzuhalten. „Es wird keine weiteren Baugenehmigungen geben. Das ist sicher“, sagt Stiftungsdirektor Klausmeier.

1,3 Kilometer lang ist sie. Sämtliche Grundstücke sind übertragen worden. Vier Meter Akten hat die Stiftung außerdem übernommen. Und einen Topf mit Geld. Das ist für den Erhalt des Denkmals, die Pflege des Areals und der dazu gehörenden

Grünflächen sowie für die Vermittlung des historischen Erinnerungsortes gedacht. Das Land Berlin stellt der Stiftung Berliner Mauer für diese Aufgabe zusätzliche Mittel in Höhe von 250.000 Euro jährlich zur Verfügung.

Es fehlt eine touristische Infrastruktur

Als nächstes wird es nun darum gehen, diesen Ort „angemessen in die Zukunft zu bringen“, wie Klausmeier überaus vorsichtig formuliert. Denn die politische Entscheidung ist zwar bereits vor einem halben Jahr gefallen, die Fakten schuf man aber erst jetzt. Und was in Zukunft an diesem Ort werden soll, ist bisher nur in Ansätzen ausgeknobelt. Es wird darum gehen, die Geschichte des Ortes besser zu vermitteln als bisher, die Geschichte eines Teils der authentischen Mauer, aber gleichzeitig auch ihre friedliche Aneignung und Bewahrung durch die künstlerische Aktion.

„Wir sind dabei, jetzt seit einiger Zeit, den Ort in den Griff zu bekommen – ihn zu verstehen“, sagt Klausmeier. Erstmal wird also alles dokumentiert. Stiftungsmitarbeiter haben die Mauergrundstücke neu vermessen und jedes Mauerteil, 3,60 Meter hoch und 1,20 breit, einzeln für die Akten beschrieben, Vorder- wie Rückseite. Als nächstes sollen die Besucher des Ortes befragt werden. Immerhin sind das drei Millionen Besucher pro Jahr. Was ihnen fehlt, ist neben Erklärungen zu dem, was sie an der East Side Gallery sehen können, auch eine touristische Infrastruktur. „Das ist ein riesiges Ding“, sagt Klausmeier.

Die Spreeseite neu gestalten

In Zukunft soll es eine Ausstellung am Ort geben. Das Geld dafür kommt aus einem Topf, der einst gebildet wurde aus dem Vermögen der Parteien- und Massenorganisationen der ehemaligen DDR. Klausmeier nennt das Konzept für die Ausstellung „zurückhaltend“. Es werde keine zweite Bernauer Straße geschaffen. „Es ist mir ganz wichtig, dass zu betonen“, sagt er. Die Bilder der Künstler sollen verständlich gemacht werden. Es wird die Grenzmauer an sich erklärt werden müssen: das System der Sperranlagen sowie die Protokollstrecke für Staatsgäste der DDR hinter der Mauer. Vielleicht wird es großformatige Ansichten geben. Eine Applikation für Smartphones soll entstehen. Bis 2022 soll alles fertig sein.

Erstmal gibt es nur Führungen, eine in leichter Sprache für Kinder, eine zur Kunst und eine zur Geschichte des Ortes. Zurzeit laufen Gespräche mit Grün Berlin, um den Ort vor allem spreeseitig etwas anders zu gestalten. Man könnte auch sagen, es geht darum, ihn überhaupt zu gestalten, denn bisher ist da nur eine zugige, offene Fläche.

„Es war ein langer Kampf“

Es ist auch eine archäologische Grabung vorgesehen. An einer Stelle werden Reste eines ehemaligen Wachturms vermutet. An dieser Stelle könnte Klausmeier sich vorstellen, die Geschichte des Ortes zu erzählen. Er nennt das einen „Ankerpunkt“, ein Ort für die politische Bildung.

Dann übergibt er das Wort an Kani Alavi, der mit seiner Künstlerinitiative an diesem Ort „28 Jahre lang die Stellung gehalten hat“, wie Klausmeier sich ausdrückt. Neben Gefahren, die vom Aktionismus und dem Gewinnstreben verschiedener Investoren sowie einem nicht abgestimmten Verwaltungshandeln herrührten, ging es auch immer wieder um Verfall. „Es war ein langer Kampf“, sagt Kani Alavi. Oft habe es Stress gegeben, weil hinter dem Rücken der Künstler irgendetwas beschlossen worden war.

Ärger über Mauerspechte

Kani Alavi geht es jetzt um Authentizität. „Wenn weiter ständig an dieser Mauer herum gefummelt wird, wird die Geschichte verfälscht“, sagt Alavi. Das richtet sich allerdings auch an die Mauertouristen, die nicht nur für Fotos vor der Mauer posieren, sondern sich auch gern mal ein Stückchen heraushacken aus dem Beton und es mitnehmen als Erinnerung. „Das müssen wir verhindern“, sagt Kani Alavi.

Dann ist es Zeit zu gehen. Inzwischen ist die Kälte nicht nur in die Mäntel, sondern auch in die Mikrofone gekrochen. Die Technik versagt.