Lisa Regehr und David Regehr haben seit 2004 Clärchens Ballhaus betrieben. Wie so viele Berliner lernten sie sich dort kennen und lieben: Inzwischen sind sie verheiratet und haben vier Kinder.
Foto: Markus Wächter/Berliner Zeitung

Berlin-MitteDie Regehrs tanzen zum Abschied für die Kamera keinen Walzer. Sie tanzen Cha-Cha-Cha. Ein Tanz der Freude, wie es sich für Clärchens Ballhaus gehört. Auch wenn dem Ehepaar der Abschied von der Institution, die sie erst zu neuem Leben erweckt haben, wegen der sie sich kennen- und lieben gelernt haben, denkbar schwer fällt.

15 Jahre lang haben der Bühnenbildner David Regehr, die Tanzlehrerin Lisa Regehr und ihr Partner Christian Schulz Clärchens Ballhaus betrieben. Den mit seinem Schankraum-Charme seltsam anachronistischen Tanztempel in Mitte, der zum Zeitpunkt der Übernahme mehr Legende als noch Realität war. Der Spiegelsaal – die ganze obere Etage – war geschlossen, vollgestellt mit Gerümpel, die Fenster zugemauert. Das Haus öffnete nur noch zwei Mal die Woche.

Mietvertrag wurde nicht verlängert

Schulz und die Regehrs haben Clärchens Ballhaus wieder zum brummenden Laden mit Tausenden Besuchern gemacht, mit Veranstaltungen an fast allen Tagen der Woche. Und sie haben sich dabei, das zeigt sich zurzeit, eine extrem loyale Fanbase erarbeitet.

Doch für das Trio ist jetzt Schluss. Mit Yoram Roth hat ein neuer Investor das Haus übernommen – und hat den Mietvertrag der Betreiber nicht verlängert. Ab dem 15. Januar müssen die Regehrs raus sein. An dem Wochenende davor feiern sie ihren Abschieds-Schwoof im Ballhaus. Mit Notbesetzung hinter den Theken – die meisten der rund 100 Mitarbeiter des Ballhauses haben schon seit Anfang des Jahres keinen Job mehr.


Wechselhafte Geschichte

  • 1913 eröffnete Clärchens Ballhaus, damals unter der Leitung von Fritz und Clara Bühler. Nach dem Tod ihres Mannes übernahm Clara das Kommando, im Volksmund hieß der Tanzsaal da schon lange „Clärchens Ballhaus“.
  • Seit 2004 waren die Regehrs und Schulz Betreiber. 2018 übernahm Yoram Roth das Haus. Er will nun für kleinere Reparaturen ein paar Monate schließen, dann wieder öffnen. Eine größere Sanierung ist geplant.
  • Der Abschiedsschwoof „Bleib in guter Erinnerung“ findet am Freitag und Samstag, 10. und 11. Januar ab 19 Uhr statt. Online sind die Tickets schon lange vergriffen, an der Abendkasse soll es noch einige geben.

Petitionen gegen Besitzerwechsel

Roth hat bereits versichert, dass er weitertanzen lassen will. Geholfen hat das wenig: Die Fangemeinschaft ist in hellem Aufruhr, sie bangt um das Ballhaus, bangt um den letzten Ort, an dem man in Berlin reinstolpern und ohne Anmeldung Standard tanzen kann, an dessen Tischen und auf dessen Tanzflächen sich die Generationen selbstverständlich mischen.

Zwei Petitionen zur Rettung des Ballhauses in seiner jetzigen Form wurden gestartet, allein die jüngste wurde von mehr als 4000 Menschen gezeichnet. Sie fordert flehentlich, dass Roth den Betrieb mit den Regehrs fortsetzen soll. „Bitte schenken Sie den jetzigen Betreibern des Ballhauses das gleiche Vertrauen wie die Vorbesitzer“, steht im offenen Brief, damit das „starke, alte Herz von Mitte“ weiterschlagen könne.

Der Erfolg des Trios

Warum die Regehrs und Schulz so erfolgreich waren? Auf solche Fragen fallen die Antworten der Regehrs gänzlich uneitel aus: Weil sie auf das geschichtsträchtige Haus und das Stammpublikum gehört haben. „Weil wir das Haus nie als unseres verstanden haben, sondern als Haus für alle Berliner“, sagt David Regehr.

Das barg manche Überraschung, vor allem zu Anfang, als Regehr und Schulz sich eigentlich stärker am schicken Mitte-Publikum orientieren und auch modernere Musik auflegen lassen wollten. Am ersten Abend schon habe das mehrheitlich weißhaarige Publikum protestiert, erzählt Regehr lachend, und zwar so heftig, bis der DJ den Plattenkoffer auspacken musste, den Regehrs Team als „Giftköfferchen“ bezeichnet – voll gefüllt mit Schlagern. „Unsere Rettung“, sagt Regehr.

Traditionsreiches Haus

Regehr und Schulz akzeptieren rasch: Dieses Haus ist nicht zu ändern – und seine Seele bleibt der Tanz. Sie kontaktieren Regehrs spätere Frau, bis dahin Tänzerin und Tanzlehrerin in einem Kreuzberger Studio. Die drei schließen einen Deal: Die beiden Männer sollen sich um das Haus kümmern, sie um Tanzstunden, möglichst niedrigschwellig.

Für die heute 37-Jährige eine einmalige Chance: „Tanzen in einem Kurs zu lernen, ist, wie Italienisch zu lernen, aber nie nach Italien zu fahren“, sagt sie. In Clärchens Ballhaus aber gebe es keine sterile Laborsituation, sei der Tanz noch Teil des Lebens, könne jeder von seinem Bier aufstehen und einfach mitmachen. „Das ist einzigartig in ganz Berlin.“

Regehr, der Bühnenbildner, kümmert sich in der Zeit um das Haus. Lässt den Spiegelsaal ausräumen, die meterhohen Spiegel von jahrzehntedickem Staub befreien, bringt alte Kronleuchter wieder an. Dabei agiert Regehr wie schon Clärchen, die das Haus 1913 mit ihrem Mann eröffnete, jahrzehntelang betrieb und der während zwei Weltkriegen und der Teilung der Stadt oft die Mittel fehlten: Sie habe immer ein Hämmerchen in ihrer Schürze getragen, um kleine Schäden jederzeit rasch selbst beheben zu können, erzählt Regehr. Es ist seine liebste Clärchen-Geschichte.

Geplante Veränderungen

Heute sind die Decken im Ballhaus verrußter denn je vom nächtelangen Feiern, im Spiegelsaal stecken noch Schrapnelle aus dem Zweiten Weltkrieg in den Spiegeln, Erschütterungen von Bomben haben den Stuck von der Decke fallen lassen. Dem Haus trieft Geschichte aus jeder Pore – und doch tanzen darin jeden Abend Hunderte, als gäbe es kein Morgen.

Mit dem neuen Besitzer wird sich Clärchens Ballhaus verändern – zwangsweise. Das Haus steht zwar unter Denkmalschutz, jede bauliche Veränderung muss genehmigt werden, erklärt das Bezirksamt Mitte.

Doch Yoram Roth kann schon jetzt einige Änderungen nennen, die er vornehmen will: Das Haus soll barrierefrei werden, dafür bedarf es eines Aufzugs. Der Spiegelsaal soll besser belüftet werden, neue Möglichkeiten für Auftritte geschaffen werden. Roth, der Fotograf ist, weiß aber auch genau um die historische Verantwortung, die er übernimmt: „Es bringt nichts, das Haus kaputt zu sanieren“, sagt er. „Ich will die Seele erhalten.“ Und auch für Roth ist diese Seele der Tanz. Sagt er.

Die Regehrs gehen mit Wehmut, aber ohne Misstrauen und Verbitterung. Sie wollen jetzt „durchatmen“, schauen, was sie jetzt machen wollen, sagt Lisa Regehr. Und sie vertrauen ganz auf die subversive Widerstandskraft von Clärchens Ballhaus und seinen Stammgästen: „Das Tanzpublikum wird kommen“, sagt Regehr und lacht, „und es wird ihm schon sagen, wie es läuft.“