Besorgte DLRG-Retter: „Viele Leute schaffen es kaum, von A nach B zu schwimmen“

Die Rettungsschwimmer der DLRG haben an den Berliner Gewässern ein Auge auf all die Menschen, die baden, surfen, segeln. Ein Nachmittag mit den Wasserrettern.

Die Wasserretter bei der Patrouille auf der Unterhavel: am Steuer Wolfgang Birth, ganz vorne Max Penzel, dazwischen Frank Lange.
Die Wasserretter bei der Patrouille auf der Unterhavel: am Steuer Wolfgang Birth, ganz vorne Max Penzel, dazwischen Frank Lange.Benjamin Pritzkuleit

Sanft wiegt sich das Hausboot auf den Wellen der Unterhavel. Es liegt an der Badestelle „Radfahrerwiese“, bis zum Berliner S-Bahnhof Nikolassee sind es knapp vier Kilometer. Die Sandstrände zwischen den Bäumen sind an diesem Sonnabend noch leer, am Vormittag hat es geregnet. Die letzten dunklen Wolken verziehen sich gerade.

Auf der Wasserskistrecke ist schon Betrieb. Ein Motorboot zieht eine Matratze hinter sich her. Sie hüpft hart über das Wasser, die drei Mädchen darauf juchzen. Die Wellen des Motorboots schlagen bis zum Hausboot durch, der Totenkopf auf der Lampe im Aufenthaltsraum schwankt jetzt mehr als sonst über dem Tisch. Auf der Eckbank sitzen zwei Männer. Der Jüngere schaut konzentriert in sein Laptop, der Ältere liest Zeitung. Auf dem Einbauschrank stehen ein Fernglas, eine Flasche Sonnenmilch, Lichtschutzfaktor 50, und ein Funkgerät, das gerade sehr häufig schnarrt. „Schwätzer“, knurrt der Ältere mit dem weißen Vollbart, der an Bord nicht Wolfgang, sondern Birthy gerufen wird, weil sein Nachname Birth lautet.

Eine Etage darüber, auf dem Sonnendeck, sitzt ein dritter Mann, auch er bärtig, aber mit Brille. Er heißt Frank Lange, aber wird von allen Jimmy genannt. Er lässt den Blick über das Wasser schweifen, von der Insel Schwanenwerder auf der einen Seite bis hin zu den Spandauer Hochhäusern auf der anderen. „Wenig los heute“, sagt Jimmy, hebt sein Fernglas und fixiert einen luftballongeschmückten Katamaran. Musik schallt von dort herüber, auf Deck prosten sich Menschen zu. Auch seinem jungen Kollegen ist der Party-Katamaran aufgefallen. „Das würde mich nicht wundern, wenn dort heute noch etwas passieren würde“, sagt er. Er wird recht behalten: Zumindest werden es die Feiernden noch mit der Wasserschutzpolizei zu tun bekommen.

Schlafen in der dreistöckigen Koje, Kochen in der Kombüse

Der junge Mann heißt Max Penzel, ist 23 Jahre alt und an diesem Tag der Chef auf dem Hausboot, das in Berlin einzigartig ist. Es ist eine Station der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG). Die DLRG besetzt 26 der 36 Wasserrettungsstationen in Berlin. Die ehrenamtlichen Rettungsschwimmer haben in den meisten Fällen vom Strand aus ein Auge auf Badende, Surfende und Bootsfahrende. Das DLRG-Boot an der Radfahrerwiese ist eine von zwei schwimmenden Wasserrettungsstationen (WRS). Während das Boot in der benachbarten Lieper Bucht über einen Steg mit dem Land verbunden ist, liegt die WRS Radfahrerwiese 20 Meter vom Ufer entfernt im Wasser. Es ist Berlins einzige Wasserrettungsstation ohne Landverbindung, betreut wird sie von der DLRG Friedrichshain-Kreuzberg.

„Andere Leute zahlen viel Geld für ein Wochenende auf einem Hausboot“, sagt Max, der von montags bis freitags als Ingenieur bei der Deutschen Bahn arbeitet und in Friedenau lebt. Vor zehn Jahren, da hatte er gerade den Rettungsschwimmschein in der Tasche, habe er seine erste Schicht auf der WRS Radfahrerwiese gemacht. Jetzt verbringt er von Mai bis Oktober fast jeden Sonnabend und Sonntag dort. Das Boot, in seiner äußerem Form einem Container nicht unähnlich, verfügt über neun Schlafplätze in einer dreistöckigen Koje. Den Strom für den Kühlschrank erzeugen Solarpaneele auf dem Dach, der Herd in der Kombüse funktioniert mit Propangas, das Trinkwasser kommt aus einem Tank.

Aufenthaltsraum auf dem DLRG-Hausboot: Das Funkgerät schnarrt immer. Und der Totenkopf hört zu.
Aufenthaltsraum auf dem DLRG-Hausboot: Das Funkgerät schnarrt immer. Und der Totenkopf hört zu.Benjamin Pritzkuleit

Im Einbauschrank im Aufenthaltsraum stapeln sich Brettspiele. Ab und an genießen die Wasserretter nach Dienstschluss auch einfach den Sonnenuntergang, erzählt Max. „Manchmal ist das hier wie Urlaub. An anderen Tagen kommt man kaum zum Essen.“ Viel zu tun gebe es besonders, wenn es heiß ist und die Berliner in den Gewässern Abkühlung suchen, oder wenn es windig ist und die Segler auf der Havel kreuzen. An diesem Sonnabend ist es weder besonders heiß noch ist es übermäßig windig.

Ertrinken ist ein leiser Tod

Eher selten gehe es darum, Ertrinkende aus höchster Not zu retten, sagt der Mann, der im DLRG-Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg stellvertretender Einsatzleiter ist. Ertrinken sei ein leiser Tod. „Nicht so wie bei ‚Baywatch‘. Ertrinkende haben keine Kraft, um um Hilfe zu rufen oder groß zu winken.“ Im besten Fall erkennen die Rettungsschwimmer rechtzeitig, dass Badende entkräftet sind. „Viele Leute schaffen es kaum, von A nach B zu schwimmen“, berichtet Max. „Oder sie haben eine miserable Technik.“ Dass das Schwimmvermögen hierzulande abnimmt, darauf weist die DLRG seit Jahren hin. „Der unheilvolle Trend zu Bäderschließungen geht zulasten der Wassersicherheit der Bevölkerung“, heißt es in einer Petition von 2019. Jede vierte Grundschule könne bereits keinen Schwimmunterricht mehr anbieten, fast 60 Prozent der Zehnjährigen seien keine sicheren Schwimmer.

Ihr ganzer Stolz: der Alu-Katamaran

Wobei die Hauptrisikogruppe eher Männer in mittleren Jahren sind, die sich selbst überschätzen. Unsichere Schwimmer jedenfalls behält die Crew von der WRS Radfahrerwiese besonders im Auge. Denn „wenn die im Wasser mal nicht mehr stehen können, dann wird es gefährlich“, sagt Max. 62 ermattete Schwimmer haben die Berliner DLRG-Leute im vergangenen Jahr in Sicherheit gebracht, ist der Statistik zu entnehmen. 59 Menschen wurden demnach aus akuter Lebensgefahr gerettet. Allerdings werden DLRG und Wasserwacht oft erst informiert, wenn Schwimmende vermisst werden. „Person im Wasser“ heißen solche Einsätze, zu denen dann alle verfügbaren Wasserretter der näheren Umgebung der Unglücksstelle wie auch die Feuerwehr ausrücken. „Wenn dann von überall her Boote mit Blaulicht auf die Unglücksstelle zurasen, das hat schon was“, sagt Birthy. 52 solcher Einsätze hat die Berliner DLRG im vergangenen Jahr absolviert.

BLZ/Datawrapper/OpenStreetMap

Nicht immer kommen die Retter rechtzeitig: Acht Badetote gab es 2021 in Berlin zu beklagen, in diesem Jahr wurden bereits mindestens sieben Menschen tot aus Flüssen und Seen geborgen. Und es ist noch nicht mal August. Wenn über Funk ein Notruf kommt, gehen die Männer von der Crew der WRS Radfahrerwiese zu ihrem Rettungsboot. Der Alu-Katamaran ist ihr ganzer Stolz. Lange haben sie an der Konfiguration getüftelt, bis die Materialboxen an der richtigen Stelle saßen und der Platz für die Verletzten-Trage richtig bemessen war. Mit der rund 90.000 Euro teuren Neuanschaffung brausen die DLRG-Leute seit Ende Mai über die Havel – im Notfall mit bis zu 70 Stundenkilometern.

Manchmal ist das hier wie Urlaub. An anderen Tagen kommt man kaum zum Essen.

Max Penzel, DLRG-Rettungsschwimmer auf der Wasserrettungsstation Radfahrerwiese

Max zeigt auf eine wasserfeste Tasche, die vor dem Steuerstand liegt. „Das ist meine Springertasche, da ist alles drin, was ich brauche, wenn ich ins Wasser springen muss“, sagt der junge Mann, dem die Sonne das rotblonde Haar zumindest stellenweise ausgebleicht hat. Auf der Fahrt zum Unglücksort schlüpft er aus den Arbeitsschuhen, zieht die DLRG-Kluft aus roter Hose und gelben T-Shirt aus. Schon bevor ein Notruf reinkommt, zu Beginn jeder Schicht, melden die Besatzungen der Wasserrettungsstationen, wie viele Personen Dienst tun und welche Qualifikation – Rettungsschwimmer, Einsatztaucher, Sanitäter oder Bootsführer – sie haben.

Der Dienstplan der WRS Radfahrerwiese hängt an einer Wand im Aufenthaltsraum. Die Felder mit den Bezeichnungen wie „Funker“, „Springer 1“ oder „Wache“ sind leer, die gelben Namensschilder von Schlumpfine und Jannick, von Flo und Franzi kleben ordentlich daneben. Die Namen lassen es ahnen: Es sind normalerweise eher junge Leute, die auf dem DLRG-Boot ehrenamtlich Dienst tun, meist sind sie zu sechst. Doch an diesem Sonnabend liegen viele mit Corona flach, sagt Max. Deshalb mussten die Veteranen Jimmy und Birthy ran. „Wenn es brennt, hat die DLRG Vorrang vor allem anderen“, sagt Jimmy, der in Zehlendorf lebt. Der 67-Jährige, früher Busfahrer bei der BVG, ist 1975 in die DLRG eingetreten. Seit jenem Jahr ist auch der gebürtige Kreuzberger Birthy dabei. „Ich wollte damals ein Zeltlager betreuen, dafür brauchte ich das Rettungsschwimmabzeichen“, sagt der Mann mit dem grauen Bart, in dessen linkem Ohrläppchen ein kleiner Stecker glitzert. „Mit der DLRG-Truppe hat es mir viel Spaß gemacht, da bin ich dann dabei geblieben.“

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Benjamin Pritzkuleit
Retten lernen!
Gründung: Die Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) wird am 19. Oktober 1913  im Leipziger „Hotel de Prusse“ ins Leben gerufen. Am Ende des Gründungsjahres zählt die Organisation 435 Mitglieder.

Vorbild: Bereits seit 1891  existiert damals die London ansässige „The Royal Life Saving Society“ (kurz RLSS). An deren Ziel „Retten lernen!“ orientiert sich die DLRG.

Anlass: Ein tragisches Unglück forciert  die DLRG-Gründung. Am Abend des 28. Juli 1912 stehen Hunderte von Menschen auf der Seebrücke von Binz auf Rügen und warten gespannt auf die Ankunft des Dampfers „Kronprinz Wilhelm“. Die Seebrücke hält der großen Belastung nicht stand und bricht teilweise ein. Etwa 70 bis 80 Menschen stürzen ins Wasser. 16 Personen, darunter zwei Kinder, ertrinken in der Ostsee. Nur einige wenige Anwesende, hauptsächlich Soldaten der Marine, können schwimmen und retten vielen Menschen das Leben.

Status quo: Die DLRG ist heute nach eigenen Angaben mit mehr als 1,8 Millionen Mitgliedern und Förderern die größte Wasserrettungsorganisation der Welt.  Von 1950 bis 2020 hat sie fast 23 Millionen Schwimmprüfungen und über fünf Millionen Rettungsschwimmprüfungen abgenommen.

Von den Leuten, die heutzutage den „Rettungsschwimmer Silber“ machen, engagieren sich viel weniger als früher als ehrenamtliche Wasserretter, berichtet DLRG-Sprecher Michael Neiße. Die Nachfrage nach dieser Qualifikation ist hoch – etwa bei Sportlehrern oder bei Schwimmvereinen, die Badeaufsicht machen müssen. Es gibt inzwischen Wartelisten für die Kurse, die etwa acht bis zehn Abendtermine umfassen. Der Stau liegt auch an den coronabedingten Bäderschließungen, in denen die DLRG keinerlei Schwimm- und Rettungsschwimmausbildung anbieten konnte. Das wiederum sieht man klar in der Mitgliederzahl, die bis 2019 kontinuierlich auf knapp 13.000 zulegte und dann auf 11.780 einbrach.

Die Mitgliedsbeiträge sind entscheidend für die Finanzierung der DLRG. Rund 1,2 Millionen Euro pro Jahr kostet allein der Unterhalt der Berliner Wasserrettungsstationen, ist auf der Website des Landesverbandes zu lesen. Der Staat gibt pro Jahr rund 165.000 Euro dazu. Ohne Spenden wäre die Arbeit der DLRG nicht zu finanzieren.

Nachbar Axel Springer als Sponsor

Max holt aus einem Einbauschrank ein Album mit braunem Ledereinband und dunkel gewordenem Goldschnitt hervor. Es ist das Gästebuch der Wasserrettungsstation, begonnen 1972, als eine neue Flagge aufgezogen wurde. Einer der ersten Einträge stammt von dem Verleger Axel Springer. Er wohnte schräg gegenüber auf der Insel Schwanenwerder. Ein Schwarz-Weiß-Foto von Mai 1973 zeigt ihn in einem hellen Anzug mit scharfer Bügelfalte, umringt von DLRG-Offiziellen. „Er war Mitglied bei der DLRG Kreuzberg, wo ja sein Verlagshaus stand, und hat eine ganze Menge Rettungsboote gesponsert“, erinnert sich Birthy.

Dann wird es Zeit für eine Streife. Max schließt die Tür zum Hausboot ab, alle steigen in den Alucat, Jimmy löst die Leinen, Bootsführer Birthy startet den Motor und steuert Richtung Lieper Bucht. Das Boot wird schneller, der Bug hebt sich, Wasser spritzt seitlich hoch. Bei der Insel Lindwerder baut die Wasserschutzpolizei gerade eine Radarfalle auf dem Leuchtfeuer auf, die Männer in Schwarz heben grüßend die Hand. Man kennt sich.

Partyboote – oft ein Problem

In der Lieper Bucht liegt das nächste Partyboot vor Anker, von seinem Oberdeck führt eine Rutsche ins Wasser. „Schlechte Lautsprecher, schlechte Musik“, kommentiert Bootsführer Birthy, der früher Fernmeldetechniker war.

Die Wasserfahrzeuge, die man ohne Führerschein mieten kann, sind den Männer von der DLRG ein Graus. Schon oft haben sie es erlebt, dass die Freizeit-Kapitäne mit dem Steuern überfordert waren und dass es trotz der gedrosselten Motoren zu Havarien kam. Auch verunfallte oder gekenterte Boote sind ein Fall für die DLRG. Und auf den Partybooten lässt Alkohol die Passagiere mitunter übermütig und unvorsichtig werden. Dann kann es Verletzte geben, die zu versorgen sind. Oder die DLRG-Taucher werden zu einem – kostenpflichtigen – Einsatz gerufen, weil beim Sprung ins Wasser die Armbanduhr, der Ehering oder die Zahnprothese verloren ging.

Wasserschutzpolizei ermahnt Jetski-Fahrer

Birthy steuert langsam zurück Richtung Hausboot. Auf dem Party-Katamaran nebenan wird immer noch gefeiert, gerade legt dort der Jetski an, der ein paar junge Leute auf einem Reifen im Schlepptau hat. Die Wasserschutzpolizei hat den Fahrer gerade ermahnt. Weil seine Beifahrerin nicht wie vorgeschrieben mit Blick nach hinten saß, vermutet Jimmy und lässt das Fernglas sinken. Seine Schicht geht langsam zu Ende, die Ablösung kommt von der Nachbarstation. Max bleibt noch bis Sonntagabend. „Ich würde es nicht machen“, sagt er, „wenn es mir nicht Spaß machen würde.“

Mitmachen: Wer sich für den Dienst auf der WRS Radfahrerwiese interessiert, kann sich beim DLRG-Verband Friedrichshain-Kreuzberg  unter info@fr-kr.dlrg.de oder Tel. 030/6914555 melden. Informationen zur Rettungschwimmausbildung und anderen Einsatzorten gibt es  beim DLRG-Landesverband Berlin - etwa auf der Homepage https://berlin.dlrg.de