Premiere des Films „Bushido - Zeiten ändern sich" im Jahr 2010: Da waren Arafat Abou-Chaker (l.) und der Rapper noch dicke Freunde.
Eventpress Schulz

BerlinIn den Medien wurde es bereits als Gipfeltreffen deklariert: der Prozess Arafat Abou-Chaker gegen Bushido. Der Chef der polizeibekannten arabischstämmigen Großfamilie und der Rapper waren einst beste Freunde und jahrelang innige Geschäftspartner. Sie sollen bei ihren gemeinsamen Deals viel Geld verdient haben. Nun aber sind sie die ärgsten Feinde, standen lange nicht mehr zusammen vor der Kamera. Am Montag wird sich das ändern, beide werden wieder gemeinsam auftreten - gegeneinander. 

Zusammentreffen werden der Clanchef und der Rapper vor der 38. Großen Strafkammer des Landgerichts Berlin, die von dem Vorsitzenden Richter Martin Mrosk geleitet wird. Der 44-jährige Abou-Chaker wird zusammen mit seinen drei Brüdern Yasser, Nasser und Rommel auf der Anklagebank sitzen. Der Gangsta-Rapper Bushido, mit bürgerlichem Namen Anis Ferchichi, wird seinem einstigen Freund gegenüber Platz nehmen - als Nebenkläger und Zeuge. Bushido und Familie sollen seit geraumer Zeit unter Polizeischutz stehen. Schließlich ist es offenbar der Aussage des Rappers geschuldet, dass sich Abou-Chaker als Angeklagter in einem Strafprozess verantworten muss.

Die Anklage wirft den vier Abou-Chaker-Brüdern mehrere Straftaten zum Nachtal des Rappers vor. Arafat Abou-Chaker und Bushido seien einst Partner im Musikgeschäft gewesen, heißt es in der Anklage. Als sich Bushido Ende 2017 von seinem Geschäftsfreund lossagte, soll Abou-Chaker die Trennung nicht akzeptiert und von Bushido die Rückzahlung angeblicher Schulden und die Beteiligung an den Musikgeschäften des Rappers verlangt haben. Auch um den Verkauf verschiedener Immobilien im brandenburgischen Kleinmachnow sei gestritten worden, heißt es.  

Laut Staatsanwaltschaft soll Arafat Abou-Chaker seinen einstigen Freund im Dezember 2017 und Januar 2018 in das gemeinsame Büro in Treptow bestellt haben. Der Clanchef habe bei den Zusammenkünften die Tür von innen verschlossen. Nasser Abou-Chaker, der fünf Jahre ältere Bruder des Hauptangeklagten, soll an beiden, der jüngere Bruder Yasser nur an dem Treffen am 18. Januar 2018 teilgenommen haben. Dabei soll Arafat Abou-Chaker stundenlang auf Bushido eingeredet, ihn ehrverletzend beschimpft und drangsaliert haben. Beleidigende Worte wie etwa Hurensohn sollen gefallen sein. Arafat Abou-Chaker verlangte von Bushido zudem offenbar eine Millionensumme, um aus den gemeinsamen Geschäften freizukommen. Eine von dem Rapper angebotene Summe soll der Clanchef als zu niedrig abgewiesen haben. 

Schließlich habe Arafat Abou-Chaker dem Rapper eine halbvolle Wasserflasche aus Hartplastik an den Kopf geworfen, so steht es in der Anklage. Bushido sei dabei leicht verletzt worden. Später habe Arafat Abou-Chaker mit einem Stuhl nach dem Musiker  geschlagen. Bushido soll sich akut bedroht gefühlt und um die Sicherheit seiner Familie gefürchtet haben. Die Staatsanwaltschaft wirft dem Hauptangeklagten versuchte schwere räuberische Erpressung, Freiheitsberaubung, gefährliche Körperverletzung, Nötigung, Beleidigung und Untreue vor. Seine beiden Brüder Nasser und Yasser müssen sich als Mittäter oder Gehilfen verantworten.

Dem dritten Angeklagten, dem 42-jährigen Rommel Abou-Chaker, wirft die Staatsanwaltschaft vor, im März 2018 im Auftrag seines Bruders und ohne Bushidos Wissen 180.000 Euro vom gemeinsamen Firmenkonto abgehoben und an Arafat Abou-Chaker übergeben zu haben.  

Zudem wurde dem Clanchef offenbar eine Marotte zum Verhängnis: das heimliche Aufzeichnen von Gesprächen mit anderen. Die Ermittler fanden auf Abou-Chakers Handy Dutzende Mitschnitte, die Einblick in die Geschäftswelt des Oberhaupts der Großfamilie geben sollen. Aufgezeichnet wurden angeblich auch Gespräche mit Bushido und Kollegen aus der Rapperszene wie Capital Bra, Farid Bang, Fler und Kollegah. Die Staatsanwaltschaft wirft Arafat Abou-Chaker in diesem Zusammenhang die Verletzung der Vertraulichkeit des Wortes vor. 

Die Freundschaft zwischen dem Clanchef und dem Rapper begann vermutlich, als Arafat Abou-Chaker Bushido dabei half, aus einem Vertrag mit seinem damaligen Label auszusteigen. Wie sehr das Band zwischen ihnen zerschnitten ist, zeigt der Song „Mephisto“, den Bushido im Herbst 2018 veröffentlichte und in dem er mutmaßlich mit Abou-Chaker abrechnet. Im Text, in dem es unter anderem heißt, „diese Zeilen kommen von Herzen an Mephisto adressiert, er war nie ein wahrer Freund, nur ein rücksichtsloses Tier“, wird Abou-Chaker nicht einmal namentlich genannt. 

Von den vier Angeklagten sitzt nur Yasser Abou-Chaker in Untersuchungshaft. Wann Bushido als Zeuge aussagen wird, ist noch nicht klar. Auch seine Rapper-Kollegen Capital Bra, Farid Bang, Fler und Kollegah stehen auf der Zeugenliste. Für den Prozess sind bisher 24 Verhandlungstage vorgesehen.  Erst vor kurzem hatte das Oberhaupt der Großfamilie Abou-Chaker vor Gericht gestanden. Arafat Abou-Chaker soll einen Hausmeister attackiert haben, weil der den Clanchef nicht gegrüßt hatte. Dafür wurde der 44-Jährige von einem Berufungsgericht zu einer Geldstrafe verurteilt.