Bestseller „Hinter dem Blau“: Der andere Vater

Berlin - Das letzte Bild hat sie ausgetauscht. Fast 30 Jahre lang sah Alexa von Heyden ihren Vater in einer Blutlache im Keller liegen, wenn sie an ihn dachte. Denn so fand ihn die damals Fünfjährige, bevor er starb. Heute, mit 35 Jahren, versucht sie, ihn vor sich zu sehen, wie er die Arme ausbreitete, wenn er sie und ihre kleine Schwester vom Kindergarten abholte. Und wie er immer so lachte dabei. Das hat ihre Kindergärtnerin erzählt, vor Kurzem erst. Wie sehr er sich freuen konnte.

Die Kindergärtnerin meldete sich bei von Heyden, weil sie ihr Buch „Hinter dem Blau“ gelesen hatte. Die in Bonn geborene und in Berlin lebende Autorin erzählt darin von ihrem manisch-depressiven Vater, der sich selbst tötete. Er hinterließ eine Frau, fünf Kinder und ein Puzzle aus offenen Fragen, Schuldgefühlen, Scham und Wut.

Es ist ein leises Buch, frei von Rührseligkeit und dramatischen Schnörkeln. Das braucht es auch nicht. Wochenlang stand „Hinter dem Blau“ auf der Spiegel-Bestsellerliste, die dritte Auflage ist gedruckt. Alexa von Heydens Geschichte hat einen Nerv getroffen. Hat sie damit gerechnet? „Nein. Ich wollte keinen Bestseller schreiben. Ich wollte meine Geschichte erzählen“, sagt sie. Und doch ahnte sie schon, dass sie damit eine Leerstelle füllen könnte.

Eine glatte Eins

„Hinter dem Blau“ hat eine Art Vorläufer. Schockiert durch den Suizid eines nahen Freundes, als von Heyden 25 war und kurz vor dem Ende ihres Mode-Journalismus-Studiums stand, beschloss sie, ihre Abschlussarbeit über das Thema Selbstmord zu schreiben.

Eine ungewöhnliche Wahl, doch „über die Stilikone Audrey Hepburn oder den Look im HipHop nachzudenken, wäre ich damals nicht in der Lage gewesen“, sagt sie mit einem leisen Lachen. Die Prüfer hätten zwar erst mal geschluckt, benoteten „Lebenslust und Lebensmüdigkeit – der Selbstmord als Kulturphänomen“ dann aber mit einer glatten Eins. Und von Heyden wusste nach ihren Recherchen: Ich bin nicht allein.

Rund zehn Jahre später erfährt sie dies jeden Tag aufs Neue. Sie bekommt mehr Briefe und E-Mails, als sie beantworten kann. Als ob die Autorin mit ihrer öffentlichen Verletzlichkeit eine Schleuse geöffnet hätte. Es scheint, als ob dank ihres Buches viele, die lange geschwiegen haben, nun endlich auch erzählen können von ihren Erlebnissen, reden können über das, was geschehen ist.

Die längste E-Mail hatte zehn Seiten, ein langes Word-Dokument, erzählt von Heyden. Es kommen Leute in ihren kleinen hellen Schmuckladen an der Brunnenstraße, bitten sie darum, das Buch zu signieren – und fangen an zu reden. „Sie wollen gesehen werden“, sagt von Heyden. Sich nicht länger verstecken, wie sie es viele Jahre auch getan hat.

Wenn man der Autorin gegenübersitzt, in ihrem Laden, bekommt man das gedanklich kaum zusammen, ihre Geschichte und die Frau, der sie wiederfahren ist.

Nach dem Studium ging Alexa von Heyden nach Berlin, arbeitete viele Jahre als freie Journalistin. Sie war nicht glücklich damit, wollte lieber mit den Händen arbeiten, etwas Greifbares, Sichtbares tun. Sie schmiss ihren Job hin und gründete vor rund einem Jahr ihr eigenes Label Vonhey und eröffnete zeitgleich ihren Laden. Sie stellt hauchzarte Armbänder aus Satin her, mit winzigen Anhängern aus Silber und Gold.

Der Laden läuft gut, als Autorin arbeitet sie nur noch ab und an. In diesen Tagen erschien erneut ein Buch, auf dessen Cover ihr Name steht: Die Kunsthistorikerin und Verlegerin Angelika Taschen engagierte Alexa von Heyden als Co-Autorin für das Buch „Der Berliner Stil“. Die Anfrage kam in derselben Woche wie der Vertrag für „Hinter dem Blau“. Von Heyden dachte: Das geht nicht. Mode und Lifestyle, Depression und Selbstmord. Eines der Bücher muss ich absagen.

Ein Schmerz in den Augen

Doch es ging. Sie ist eben nicht nur „die mit der Mode“, die Journalistin und Bloggerin, die Unternehmerin. Und auch nicht nur die Tochter des Selbstmörders, die Suizid-Fachfrau in den Talkshows. Sie ist stolz darauf, dass sie all das sein kann, und zugleich verwundert und unsicher. Die Lesungen, die öffentlichen Auftritte: „Das alles verlangt mir viel ab.“ Einige Stellen des Buches kann sie nicht vorlesen, weil sie zu sehr weinen müsse. Und auch im Gespräch, zwischen klaren Worten und vielen Lachern, kippelt manchmal ihre Stimme, schimmert ein Schmerz in den Augen.

Dann meldet sich das Wissen um die Zerbrechlichkeit, die Angst vor Verlust mitten in diesem Reichtum des Lebens, obwohl sie jetzt so fest verankert darin ist. Die Verbundenheit in der Familie ist noch enger geworden seit dem Buch. „Du hast uns alle seelisch entrümpelt“, hat ihre Mutter gesagt. Für sie, die Löwenmutter, die sie jeden Tag zum Lachen bringt, die sie, ihre drei Brüder und die kleine Schwester in all den Jahren aufgefangen hat, trotz des ungeheuren eigenen Schmerzes, für sie hat sie das Buch auch geschrieben. „Eine Liebeserklärung“, sagt von Heyden.

Vor allem aber ist „Hinter dem Blau“ eine Befreiung, ist Zeugnis einer Versöhnung mit dem Vater, der nicht mehr leben wollte oder nicht mehr leben konnte. Ist es auch ein Schlussstrich? „Dein Puzzle wird nie fertig“, sagt Magnus im Buch zu Sunny. „Wahrscheinlich ist es so“, sagt von Heyden. „Aber statt „Scheiß-Puzzle“ zu schreien, sehe ich jetzt: Das ist mein Puzzle. Und es fehlen eben Teile.“ Und dann lacht sie, ein breites, offenes Lachen. Mit einem leichten Kippeln in der Stimme.