Aus Fehlern lernt man. Wer hat den Satz eigentlich in die Welt gesetzt? Im Zweifel dieser Volksmund. Der immer alles besser weiß, im Gegensatz zum Volk, das bekanntlich alles andere als gefeit davor ist, Fehler zu wiederholen.

Im Gegensatz zu mir. Die doch nur Kunst angucken wollte. Interessiert und souverän mit schief gelegtem Kopf. In dem kluge, kultivierte Sätze entstehen, während man so in der Kunst versinkt. Die Sätze braucht man nach dem Versinken. Zumindest auf Vernissagen, denn da stehen alle herum und sagen kluge, kultivierte Sachen. Zumindest sehen alle so aus. Vielleicht reden sie auch über das letzte Sturmtief oder das nächste oder über Pupskissen oder darüber, wie unwohl sie sich fühlen. Auf Vernissagen. Da könnte ich mitreden. Von mir aus auch mit schief gelegtem Kopf. Nur leicht, damit es nicht nach Tick oder Nackenweh aussieht. Man kann das bestimmt üben.

Eine kolossale Schüchternheit 

Kann man auch das Lässig-eine-Galerie-betreten üben? Vielleicht. Ich hab es nicht getan. Ich sehe nämlich Kunst lieber in Ruhe an. Trotzdem gehe ich manchmal zu Vernissagen. Und schon beim Anblick der hellen Fenster mit den schwarzen Rücken darin und den schiefgelegten Köpfen überkommt mich eine kolossale Schüchternheit. Statt mich auf die Kunst zu freuen, frage ich mich schon draußen, ob es wohl eine Garderobe gibt, an der man den ganzen Märzklamottenkladderadatsch loswerden kann. Weil das mit dem Kultiviertsein so eine Sache ist mit dickem Mantel über dem Arm und Schal und dann muss man ja auch noch ein langstieliges Glas halten, während man sich in der Betrachtung der Werke verliert.

Ich verliere immer nur den Grund, warum ich ausgerechnet zur Eröffnung gekommen bin. Und manchmal die Blätter mit den Namen der Kunstwerke, die schnappe ich mir immer als erstes und vergesse: Klamotten. Glas. Zettel. Drei Sachen, zwei Hände.

Das reflexhafte Hoffentlich-gucken-jetzt-nicht-alle ist voll unnötig

Immerhin befreit mich das vom Gefühl, Gespräche anfangen zu müssen. Denn zum Schütteln ist nun wirklich keine mehr übrig. Ich sage bewusst „Gespräche anfangen“, denn auch das ist ja so ein Gesetz: Alle anderen sind immer schon drin. Im Gespräch.

Das tiefe Einatmen vor dem Betreten der zu hellen Räume, dieses reflexhafte Hoffentlich-gucken-jetzt-nicht-alle, ist voll unnötig. Schließlich besteht die eigentliche Prüfung auf Vernissagen darin, die Kränkung auszuhalten, dass keiner guckt. Außer vielleicht, wenn man ein Pupskissen zum Einsatz bringen würde. Bloß: Es sitzt ja niemand. Auf Vernissagen steht man. Und verdeckt die Kunst. Um zu der vorzudringen, muss man entweder den Kopf wirklich sehr schief legen oder scharfe Kurven machen. Eine Art Seitwärtslimbo. Damit man niemanden anrempelt.

Auf dieser Vernissage ist das kaum möglich, weil es so voll ist. Also gehe ich wieder. Und werde wiederkommen, wenn man kein Glas halten muss und es wärmer ist. Denn die Kunst, die ich sah, war sehr schön. Zum Versinken. Wie sagt der Volksmund? Gut Ding will Weile haben.