Berlin - Eigentlich fliegen die Schuppen beim eigenen Versuch nur in Richtung der Küchenwand, trotzdem liegen sie anschließend über die ganze Küche verteilt. Auch das Filetieren geht nicht problemlos vonstatten, die Bauchgräten erweisen sich als hartnäckige Gegner. Die Zubereitung eines Buntbarschs kann eine Herausforderung sein. Umso mehr, wenn man ihn frisch kauft.

Das Versuchsexemplar stammt aus der alten Malzfabrik in Schöneberg. Anfang der 1920er-Jahre eröffnet, diente sie bis Mitte der 90er- Jahre der Herstellung von Malz für die Schultheiss-Brauerei. Heute wird sie als Kreativzentrum vermarktet, Start-ups haben hier ihren Sitz: Plattenlabels, Getränkehersteller, Konzeptkünstler – und die Barschzüchter von ECF Farmsystems.

„Es gibt in Berlin keinen frischeren Fisch und keine Tomaten, die besser schmecken“, wirbt Nicolas Leschke, einer der beiden Gründer und Geschäftsführer, mit stolzem Ton. Ernten und raus, das sei die Devise. Seit eineinhalb Jahren züchten sie hier Barsche und ziehen Gemüse – 30 Tonnen Fisch und 35 Tonnen Gemüse, Kräuter und Salate sind es im Jahr.

Leidenschaft für gutes Essen in der Malzfabrik

Heute ist Schlachttag in der Malzfabrik, draußen steht ein Kühlwagen der Metro, die Fahrerin lädt gerade Styropor-Kartons voller Barsche ein. Auch Kaiser’s und der Feinkostladen Frischeparadies zählen zu den Kunden.

In der Markthalle 9 in Kreuzberg hat ECF einen eigenen Marktstand. „Wir können die Produkte vor der Haustür verkaufen, das ist viel direkter als bei einem Landwirt, der auf Zwischenhändler angewiesen ist“, sagt Leschke.

Leschke und sein Kompagnon Christian Echternacht sind nicht vom Fach. Leschke arbeitete zuvor als Strategie-Coach für Unternehmen, Echternacht machte Videoinstallationen für den britischen Musiker Brian Eno. Die Leidenschaft für gutes Essen und nachhaltige Lebensmittel habe sie auf die Idee gebracht, die Fischzucht in der Stadt umzusetzen.

Keine Antibiotika, Biofutter, wenig Besatz

In den 14 Becken schwimmen die Barsche an der Wasseroberfläche im Kreis. „Von oben kommt gerade das Futter“, erklärt Nicolas Leschke. 56 Kilo Fisch kämen hier auf 1000 Liter Wasser. „Wir haben mal durchgespielt, was das umgerechnet auf Vieh bedeutet“, sagt Leschke: „Eine Kuh hätte unter diesen Bedingungen 60 Quadratmeter Platz für sich allein.“

Die Unternehmer setzen auf eine niedrige Besatzdichte, zertifiziertes Biofutter und den Verzicht auf Antibiotika. Grundsätzlich sei das System für alle Süßwasserfische geeignet, „aber der Barsch ist sehr robust“. Man könnte auch sagen: anspruchslos.

Im angrenzenden Gewächshaus ist es tropisch warm, junge Tomaten ranken sich empor. Das System der Aquaponik setzt sich aus Aquakultur und Hydroponik zusammen, eine Kombination aus Fischzucht und Gemüseanbau.

Ausgeklügeltes Düngeverfahren

Das Wasser der Fischbecken erhält durch die Ausscheidungen der Barsche Nährstoffe, die ins Gewächshaus geleitet und dort als natürlicher Dünger an die Pflanzen gegeben werden. Nichts geht verloren, alles wird im Prozess neu aufbereitet, selbst die kondensierte Luft gelangt zurück in den Kreislauf, dem auch Regenwasser und Abwärme zugeführt werden.

Der Anbau und die Zucht von Lebensmitteln in kontrollierten Kulturen ist ein Wachstumsmarkt. Prognosen der OECD und der Welternährungsorganisation FAO gehen davon aus, dass in wenigen Jahren mehr Speisefisch aus Aquakulturen stammen wird als aus dem Meer.

Nachfrage nach Systemen wie in der Malzfabrik nimmt zu

Umweltverbände warnen wegen der schlechten Ökobilanz mancher Aquakulturen vor schädlichen Konsequenzen, weil Chemikalien und Antibiotika aus offenen Netzkäfigen ins Meer gelangen können. Auch deshalb nimmt die Nachfrage nach geschlossenen Systemen wie dem in der Malzfabrik zu.

1,2 Millionen Euro Umsatz hat das junge Unternehmen im vergangenen Jahr gemacht, davon rund die Hälfte über den Verkauf von Fisch und Gemüse. Der soll mittelfristig aber nur ein Nebengeschäft bleiben. „Das System hier ist unser Showcase“, sagt Nicolas Leschke über die rund 1 800 Quadratmeter große Anlage im hinteren Bereich des riesigen Malzfabrik-Geländes. Interessenten sollen sich hier davon überzeugen, dass das System funktioniert.

Anfragen aus Saudi-Arabien, Iran, Albanien und Frankreich

In der Schweiz gibt es bereits eine Dachanlage nach ECF-Standard, im Büro liegen drei gerade abgeschlossene Machbarkeitsstudien auf dem Tisch, sechs weitere sind in Arbeit. Von den elf Mitarbeitern arbeiten vier in der Planung. Weil das Konzept von Klima und Jahreszeiten unabhängig ist, liegen derzeit auch Anfragen aus Saudi-Arabien, Iran, Albanien und Frankreich vor.

Eine Planungsstudie umfasst eine Standortanalyse, die Auflistung von Investitions- und Betriebskosten, eine Ertragsrechnung. Die Kosten der Studie werden verrechnet, sofern der Auftrag zum Bau einer Anlage erfolgt. Dann baut ECF Farmsystems die Farm, am Standort Berlin sollen Mitarbeiter geschult werden.

Je größer eine Farm geplant werden kann, desto besser rechnet sich angesichts des Modulsystems die Investition. Werden für 1000 Quadratmeter rund 1,5 Millionen Euro fällig, bewegt sich die fünffache Fläche zwischen zwei und drei Millionen Euro.

Investition könnte sich schon sehr bald auszahlen

Die Beteiligungsgesellschaft der Investitionsbank Berlin (IBB) und ein privater Investor haben in das Berliner Start-up investiert. Das könnte sich bald auszahlen. Zwei Projekte sollen in diesem Jahr im Ausland umgesetzt werden, erzählt Nicolas Leschke. Damit hätte das Unternehmen bereits im zweiten Geschäftsjahr die Gewinnschwelle erreicht.