Berlin - Regina Schwenke ist eine lebensfrohe, impulsive Frau. Wenn sie redet, sprudeln die Worte nur so aus ihr heraus. Die 73-Jährige steht vor einem düsteren, kleinen Raum im betongrauen Inneren des Fichtebunkers in der Kreuzberger Fichtestraße und erzählt von dem Teil ihrer Kindheit, der sie bis heute am meisten beschäftigt. Sie zeigt auf das Türschild mit der Zahl 238. „In dieser Sechsbett-Kabine waren wir während des Krieges untergebracht. Meine Mutter und wir fünf Geschwister.“ Regina Schwenke war fünf Jahre alt, als der Fichtebunker ihrer Familie als Schlafplatz in den Bombennächten diente. Von Mai 1943 bis Herbst 1944 verbrachte ihre Familie jede Nacht in der Kabine 238, weil ihr Wohnhaus in Neukölln von einer Luftmine getroffen wurde und absackte, so dass der Keller bei Luftangriffen keinen Schutz bot.

Heute führt Regina Schwenke als Zeitzeugin regelmäßig Besucher durch den Fichtebunker. Der Bau, der seit 1884 zunächst die Gaslaternen der Stadt mit Brennstoff versorgte, dann Luftschutzanlage und nach dem Krieg Flüchtlingslager, Obdachlosenasyl und Lager war, wird vom Verein Berliner Unterwelten als Museum betrieben.

Am Donnerstag empfing der 1997 gegründete Verein in der Fichtestraße den millionsten Besucher seiner Objekte, zu denen auch das Unterweltenmuseum am Bahnhof Gesundbrunnen gehört. Die Eigentümer, die heute unterm Dach des Fichtebunkers wohnen, haben dem Verein das Gebäude vermietet, dessen Inneres weitgehend im Originalzustand erhalten ist.

Bombensplittertausch als Sport

In einem Raum steht noch der alte Kinderwagen, in dem Regina Schwenkes Mutter die kleinen Geschwister zum Bunker fuhr. Natürlich, so sagt sie, hatten auch die Kinder Angst. „Aber nur am Tage, wenn wir durch das brennende Berlin wieder zurück in unsere Wohnung mussten.“ Nachts, im Bunker, da habe sie sich sicher gefühlt. Mit den anderen Kindern haben sie Streiche gespielt. Beliebt war die Sanitätsstation. „Wir haben die Leidenden gespielt, nur um ein Schluck von dem köstlichen Hustensaft zu bekommen.“ Wenn draußen die Bomben fielen, wurde es stiller im 21 Meter hohen Rundbau. „Bei schweren Angriffen spürte man ein leichtes Zittern.“ Zu Kriegsende drängten sich 30.000 Menschen, vor allem Frauen und Kinder, in dem Bunker.

Heute ist er der letzte mit Mauerwerksverkleidung erhaltene Gasometer und beherbergt die größte noch erhaltene Bunkeranlage des Zweiten Weltkriegs in Berlin. Seit zwei Jahren bieten die Unterwelten dort Führungen an und kümmern sich um den Erhalt der denkmalgeschützten Anlage. Mehr als 25.000 Besucher waren schon dort.

In Zusammenarbeit mit Studenten der Technischen Universität ist nun auch erstmals ein umfassendes Buch über den Bau erschienen („Geschichtsspeicher Fichtebunker“, Edition Berliner Unterwelten, 9,90 Euro). Darin erzählt Regina Schwenke ihre Geschichte. „Wir waren trotz des Krieges ganz normale Kinder“, sagt sie. „Wir haben getobt und gespielt bis zum Umfallen.“ Ihr Spielzeug allerdings musste sie vor der Mutter verstecken. Galt es doch als Sport, amerikanische und englische Bombensplitter zu tauschen.