Wenn Hauke Altmann Graffiti sprüht, muss später niemand die Wände sauber machen. Zwar hält er eine Sprühdose in der Hand und malt damit bunte Tags und Bilder. Doch die Dose enthält einen umgebauten Playstation-Controller mit einem Sensor, der mit einem Laptop verbunden ist. Die Bilder, die ein Computerprogramm aus den Bewegungen der Dose errechnet, werden mit einem Beamer auf eine Leinwand projiziert. Ein Klick auf ein Knöpfchen an der Sprühdose und die Farbe ändert sich. Noch ein Klick und das Bild ist weg. Der Nächste, bitte.

Doch um rückstandsfreie Graffiti geht es Altmann nicht. „Graffiti ist für mich eine eigene Kunstform, und diese Kunstform will ich mit technischen Mitteln weiter entwickeln“, sagt Altmann, der den britischen Graffiti-Künstlern Banksy zu seinen Einflüssen zählt. Er selbst hat Medieninformatik studiert, arbeitet als Webdesigner und macht in seiner Freizeit Street Art.

Altmann gehört zum Berliner Graffiti Research Lab, einer Gruppe von Künstlern und Programmierern, die technologische Formen der Wandmalerei erproben. Sie haben schon mit Throwies experimentiert: kleine bunte Leuchtdioden mit Mini-Batterie und Magneten, die sie an Metallwände werfen und so farbige Lichtmuster im nächtlichen öffentlichen Raum schaffen. Über das Internet haben sie mit Sprayern aus anderen Städten gemeinsam Graffiti entworfen. „Wir machen das aus Spaß“, sagt Altmann, „und weil wir der kommerziellen Vereinnahmung des öffentlichen Raums durch Werbung etwas entgegen setzen wollen“. Altmann steht in einem dunklen Durchgangsraum des Kreuzberger Co-Working Spaces Betahaus, um bei einer sommerlichen Maker-Party die Arbeit des Graffiti Research Lab zu präsentieren.

„Maker“ ist das englische Modewort, das durch den amerikanischen Journalisten Chris Anderson in seinem kürzlich erschienen Buch „Maker: Die nächste industrielle Revolution“ international populär wurde. Anderson beschäftigt sich mit den immer billiger werdenden 3D-Druckern, die am Computer entworfene Modelle zu Kunststoff-Realität werden lassen. Für ihn sind diese Geräte der Beginn einer neuen Periode der Herstellung von Gebrauchsgegenständen: Statt in Massenfabrikation können Amateure ihre Ideen mit Produktionsmitteln umsetzen, die bis vor kurzem nur der Industrie zur Verfügung standen. Die 3D-Drucker sind Teil einer größeren Do-It-Yourself-Bewegung, die dem Konsum von industriell hergestellten Waren ihre Produkte Marke Eigenbau entgegenstellt.

Selbstmachen ist etwas für die Boheme

In Berlin gehören die Macher von Betahaus zu den eloquentesten Predigern des „Handmade“-Evangeliums. Beim „Maker-Weekend“ am Wochenende konnte man dort in Workshops lernen, wie man selbst Bücher bindet, Seife siedet, Schmuck häkelt oder seinen eigenen Stop-Motion-Trickfilm dreht.

„Bis vor Kurzem machte man etwas selbst, wenn man zu viel Zeit oder kein Geld hatte. Handarbeiten und Basteln war etwas für Mutti und Papa. Das wurde nicht ernst genommen“, sagt Elizaveta Barsegova, Programm-Managerin des Beta Hauses, die die Party organisiert hat. Inzwischen sei Selbstmachen wieder cool, etwas für die Boheme.

Die Workshops sollen ermutigen, selbst etwas herzustellen. Das sei nicht nur oft billiger, als etwas neu zu kaufen, sondern den Produkten, die in der Dritten Welt hergestellt werden, ökologisch und ethisch überlegen. „Und oft ist es ganz einfach“, sagt Barsegova.

Eis in der Geschmacksrichtung Darjeeling

Am Eingang gibt es eine mobiles Soundsystem, das Techno spielt. Im Hof stehen selbstgebaute Möbel aus Sperrmüll, auf denen es sich Partygäste bequem gemacht haben. Daneben spielt ein Pärchen Tischtennis. In der Werkstatt kann man Siebdrucke machen oder Jutetaschen mit Batikmustern einfärben. Selbst das Eis in der Geschmacksrichtung Darjeeling, das in kleinen Becherchen verteilt wird, ist in einem Food-Design-Workshop entstanden. Das Publikum besteht überwiegend aus jungen Leuten, oft in selbst gemachter Kleidung, die bei einem Glas Rotwein eifrig an ihren Siebdruck-Matrizen arbeiten.

Beim Graffiti Research Lab hat inzwischen das Publikum die Digital-Sprühdose übernommen und malt an die virtuelle Wand. Hauke Altmann lehnt in der Ecke, schaut dem Treiben zu, und denkt bereits laut über das nächste Projekt nach: Do-It-Yourself-Drohnen, die Graffiti sprühen.