Berlin - Konkurrenz belebt das Geschäft. So soll es in Zukunft auch bei der Berliner S-Bahn sein. Mit Hilfe eines Wettbewerbsverfahrens wollen Berlin und Brandenburg ein Unternehmen finden, das ein Drittel des S-Bahn-Betriebs übernimmt – und größtmögliche Zuverlässigkeit, niedrige Kosten sowie beste Qualität bietet. Doch von einem echten Wettbewerb, der dies alles erreichen könnte, lässt sich nach Informationen der Berliner Zeitung inzwischen nicht mehr sprechen. Dem Vernehmen nach sind drei Bewerber inzwischen entnervt aus dem Verfahren ausgestiegen – oder planen dies. Offenbar sind nur zwei Zugbetreiber übrig geblieben.

„Wir sind weiter mit Elan dabei“, sagte Tobias Richter von National Express aus England. Auch die S-Bahn Berlin GmbH, die zur bundeseigenen Deutschen Bahn (DB) gehört, bietet noch mit. Aber das war es dann auch schon. Insider berichteten, dass sich MTR aus Hongkong und JR East aus Japan, die sich ebenfalls ernsthaft interessiert hatten, nicht mehr engagieren.

Auch RATP aus Frankreich, Betreiber der Pariser Metro, hat dem Vernehmen nach die Lust an Berlin verloren. „Der Wettbewerb ist eine traumhafte Gelegenheit, in den deutschen Markt einzusteigen“, hatte Alain Polonsky von RATP Dev vor einem Jahr verkündet. Nun zeigte er sich skeptischer. Darauf angesprochen, ob RATP womöglich aussteigt, widersprach er nicht. „Es ist ein schwieriges Verfahren“, sagte Polonsky.

Mit einer mehrstufigen Prozedur, die der Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg steuert, soll der künftige Betreiber von fünf S-Bahn-Linien gefunden werden. Es geht um die S 41 und S 42 auf dem Ring, außerdem um die künftige Linie S 46 (Königs Wusterhausen– Hauptbahnhof), die S 47 (Südkreuz– Spindlersfeld) und die neue S 8 (Zeuthen– Hohen Neuendorf). Das Unternehmen, das den Zuschlag erhält, soll Ende 2017 den Zugbetrieb aufnehmen. Es muss 390 neue Wagen mitbringen. Kosten: bis zu eine Milliarde Euro.

„Das Verfahren muss vielen Vorgaben genügen“, hatte Verbund-Chef Hans-Werner Franz noch im Februar betont. „Doch es wird zu kompliziert gestaltet“, sagte Engelbert Recker vom Privatbahnverband Mofair, der auch die Forderung, Züge mitzubringen, als Hürde sieht. „Vielen Politikern mag das allerdings passen.“ Manch einer in der Großen Koalition sähe es am liebsten, wenn die S-Bahn GmbH der DB den Betrieb weiterführen würde. Deren Chancen werden größer, je mehr Private aus dem Wettbewerb aussteigen.

Bewerber berichteten, dass immer neue Anforderungen gestellt werden. „Manchmal erhalten wir zehn Mal am Tag Mails“, so ein Manager. Für Muttersprachler sei das Juristendeutsch schon schwer zu verstehen, für Ausländer dürfte es oft fast unmöglich sein. Hinzu komme, dass einige Anforderungen nicht praktikabel seien. So wurde verlangt, dass die Züge beim Halten Schiebetritte ausfahren, um die Lücke zum Bahnsteig zu schließen. Glücklicherweise sei die Vorgabe wieder gestrichen worden, weil das Ausfahren zu viel Zeit kosten würde – bei einer Umrundung des Rings fünf Minuten.