Konstantin Krex (30) hat hinter der Theke im Club angefangen, als der noch Kater Holzig hieß. Jetzt ist Krex Sprecher der Holzmarkt-Genossenschaft. 
Foto: Benjamin Pritzkuleit

BerlinEigentlich ist die Spree von der Holzmarktstraße nur wenige Meter entfernt. Ohne Google Maps ist das auf Höhe der Haltestelle Jannowitzbrücke aber noch nicht zu erahnen. Bauzäune und graue Planen riegeln Weg und Blick ab, über Hunderte Meter. Die Namen einer Immobilien- und einer Unternehmensgruppe prangen auf den Planen. Kein Durchkommen. Die Menschen auf der Straße hasten vor allem zur Bahn.

Einige Schritte weiter, eine Einfahrt nach rechts, öffnet sich plötzlich die Perspektive, wechseln die Farbtöne von Grau zu Grün. Die Spree fließt ruhig und breit im Hintergrund, Bäume wachsen am Ufer, unter den tief hängenden Ästen sitzen Pärchen oder kleine Gruppen auf Holzbänken, unterhalten sich leise, trinken Kaffee oder Bier. Am Eingang weisen Schilder ein Dutzend Orte in allen Richtungen auf dem großen Gelände aus: zum Café und zur Musikschule nach links, zum „Säälchen“ nach rechts, zur Kneipe weiter geradeaus. Das Holzmarkt-Gelände ist ein eigenes Dorf, ein verwobener Organismus – der von Corona akut bedroht ist.

„Mehr sein als Club und Techno“, so beschreibt Konstantin Krex, Sprecher der Holzmarkt-Genossenschaft, die schon vor mehr als einem Jahrzehnt auf diesem Gelände geborene Idee. Daraus entstand zuerst die Bar25, ein von der Techno-Szene auch international gefeierter Club – mit Autoscooter, Sauna und Freilichtkino auf dem Gelände. Als die Bar25 schließen musste, weil die städtische BSR – damals noch Eigentümerin des Geländes – den Mietvertrag auslaufen ließ, verwandelte sich der Kultclub in den Club Kater Holzig – dieses Mal in einer Seifenfabrik, direkt gegenüber, auf der anderen Seite der Spree.

Liebevoll selbstgebaut: Dachterrasse auf einem der Häuser des Holzmarkts 
Foto: Benjamin Pritzkuleit 

2014 kehrte die Idee – nach langem Ringen, nach langem Streit mit Bezirk und Senat – auf das ehemalige BSR-Recyclinghof-Gelände zurück, wo die Bar25 einst gestartet war. Als Gegenentwurf zum „Investorenparadies“, sagt der 30-jährige Krex, das der damalige Senat am Spreeufer plante, „dicht bebaut bis zum Ufer“.

Seitdem hat die Holzmarkt-Genossenschaft, die das Gelände in Erbpacht von einer Schweizer Stiftung mietet, hier ein ganzes Dorf aufgebaut: Bäume wurden angepflanzt, die Ufer abgeflacht. Auf dem Gelände haben sich unter anderem eine Kita, eine Musikschule, ein Café, eine Bäckerei, Klein-Gewerke und Vereine angesiedelt. Musiker und Künstler können sich in Studios und Ateliers einmieten. 200 sozialversicherungspflichtige Jobs sind laut Krex direkt von der Genossenschaft abhängig. Auch die unterschiedlichen Unternehmen sind eng miteinander verwoben, zahlen Miete an die Genossenschaft, die wiederum lässt Geld in viele ihrer Kassen zurückfließen: „Wir sind Mieter und Vermieter zugleich. Unser System ist ein Kreislauf, wir brauchen einander“, sagt Krex.

In der Corona-Krise schafft das für den Holzmarkt eine sehr viel komplexere Problemlage als für Clubs, die nur Clubs sind. Der Shutdown auf dem Gelände erfolgte im März ausgehend vom Kater Blau – bereits eine Woche bevor der Senat Clubs und Bars offiziell schloss. Ein Besucher, der fünf Tage zuvor im Club war, schickte eine Mail: Er sei mit Corona infiziert. Die Kater-Blau-Betreiber hätten den Club sofort geschlossen, das Gesundheitsamt und die Öffentlichkeit informiert, sagt Krex. Vier Tage lang habe das Amt nicht reagiert, dann einen öffentlichen Aufruf gestartet. Krex wirkt nicht vorwurfsvoll, er will betonen, wie groß die Verantwortung für Veranstalter und Betreiber zurzeit ist: „Es gab für diese Situation kein Protokoll – weder bei uns noch bei den Behörden.“

Der Club habe sein Bestes getan, sei „proaktiv an die Öffentlichkeit“ gegangen. „Trotzdem haben wir Mails bekommen á la: Ihr seid die größten Unverantwortlichen.“ Die Prügel stecke man dann eben ein, sagt Krex. „Aber natürlich schwingt bei vielen die Angst mit: Bitte nicht noch mal!“

Nach dem Club mussten nach und nach viele Gewerke und Angebote im Holzmarkt-Dorf schließen. Das „Säälchen“, ein Veranstaltungsraum für Konzerte und Kongresse für bis zu 400 Menschen, wird nach wie vor nicht genutzt. Das Genossenschaftsgeflecht bringt jetzt Vorteile: Die Solidarität unter Mietern, Vermietern, sogar der Bank sei hoch, sagt Krex.  Im Gegensatz zu den meisten anderen Clubs habe man mit der Erbpacht inzwischen einen dauerhaften Mietvertrag.

Doch: Ungefähr 20 Prozent des sonstigen Umsatzes könnten auf dem Gelände zurzeit erwirtschaftet werden, schätzt Krex. Für den Clubbetrieb sieht er noch lange schwarz, auch wenn er „gerne optimistischer wäre“, sagt er. „Aber ich glaube, es gibt keinen pandemieresilienten Rave in Clubs.“ Das sei ein Widerspruch an sich. Aber man könne anderes machen.

Das erste Mal überhaupt haben die Betreiber in der Corona-Krise den Zugang zum Gelände für zwei Wochen ganz gesperrt – sicherheitshalber.
Foto: Benjamin Pritzkuleit 

Zurzeit arbeitet die Genossenschaft daran, das große Gelände für Open Airs zu nutzen, gerne noch an mehreren Terminen in den Monaten August und September. Sie müssen aber als besonders störende Veranstaltungen erst einmal genehmigt werden. Bisher habe man „eher familienfreundliche Veranstaltungen“ für ein breites Publikum geplant: Livemusik, Theater, Akrobaten. Und klar, sagt Krex, es solle auch wieder getanzt werden. „Wenn man das verantwortungsvoll umsetzen kann.“

Dafür aber wünscht er sich zwei Dinge. Erstens: „Das Fingerpointing muss aufhören, nach dem Motto: Die Kultur ist der Superspreader.“ Und zweitens, findet Krex, müsse sich die Stadt die Frage neu stellen: Was ist systemrelevant? „Irgendwann ist auch Kultur systemrelevant, gerade für Berlin.“

Clubs in der Corona-Krise 

Die Serie: 140 Clubs gibt es in Berlin, die Szene ist einer der wichtigsten Kultur- und Wirtschaftstreiber der Hauptstadt. Seit fünf Monaten sind alle Clubs per Corona-Infektionsschutzverordnung des Senats zwangsgeschlossen – auf noch unbestimmte Zeit. Was bedeutet das für die Betreiber, die Mitarbeiter, die Stadt? Wir stellen Köpfe der Szene, ihre drängendsten Probleme und Perspektiven für die Zukunft vor. Im ersten Teil der Serie haben wir das SchwuZ vorgestellt, den ältesten queeren Club Deutschlands. 

Support für den Kater: Im Säälchen auf dem Holzmarkt-Gelände zeigen vom 13. August bis zum 12. September 80 Künstler*innen unter dem Titel „Widerkunst III“ ihre Werke. Viele von ihnen sind im Corona-Shutdown entstanden. Der Eintritt ist frei, die Erlöse aus dem Verkauf gehen an die Künstler*innen und anteilig an die Holzmarkt-25-Stiftung. Öffnungszeiten: Donnerstag bis Sonntag, 14 bis 18 Uhr. Finissage am 12. September (18 Uhr) mit Theater, Performances, Musik und einer Kunstauktion. Zur Homepage