Weshalb gibt es so wenige Betriebskindergärten in Deutschland? Die Frage wurde vor einigen Jahren mal im „Stern“ diskutiert. Die Antworten: 1. Das ist in der traditionellen Mutterrolle begründet – wenn Kinder kommen, bleibt die Mutter zu Hause. Dieses  Gesellschaftskonzept  braucht keine Kindergärten direkt im Betrieb.

2. In der DDR gab es durchaus viele Betriebskindergärten und diese machten Eltern, vor allem Mütter, glücklich. Ein gemeinsamer Weg morgens und abends, tagsüber die Kinder in guter Obhut.

Der dritte Teil der Erklärung lautet: Nach der Wende wurde die betriebliche Kinderbetreuung zu teuer, die Unternehmen kämpften ums Überleben, wurden geschlossen oder kamen in die Hände von Leuten, die die  westübliche Vorstellung von der Mutterrolle hatten – siehe Antwort Nummer 1.

Inzwischen kommen Unternehmen, die Fachkräfte (männlich wie weiblich) brauchen, wieder auf die Idee, Betriebskindergärten einzurichten. Und die Krippe ist auch nicht mehr pfui.

Im VEB Nahrungsmittelwerk „Aktivist“ Saarbrücker Straße/Ecke Prenzlauer Allee,  gab es eine solche Einrichtung – Krippe für die Kleinen bis drei Jahren, Kindergarten für die Größeren.

Die Krippe lag im Zuständigkeitsbereich des Gesundheitsministeriums, der Kindergarten in dem der Volksbildung. Die Einrichtung war einfach, aber zweckmäßig, vielfach standardisiert.
Als die Fotografien 1955 entstanden, hatte der Betrieb bereits eine Geschichte von mehr als 50 Jahren hinter sich – eine sehr berlinische Geschichte.

Sie begann 1912, als die   Brüder Carl und August Aschinger  die Zentralverwaltung ihres florierenden Unternehmens, der „Aschinger´s Bierquelle AG“ an jenem Ort im Prenzlauer Berg einrichteten. Bereits seit 1892 betrieben die Brüder in ganz Berlin unzählige Eckkneipen und Stehbierhallen.

Von der Zentrale aus, das Backsteingebäude steht noch direkt oberhalb des Soho-House,  belieferten belieferte man die Kneipen in der ganzen Stadt  mit Erbsensuppe und Schrippen. 4.000 Menschen arbeiteten in den Zwanziger- und Dreißigerjahren am Standort in Prenzlauer Berg.

Wöchentlich wurden 1,1 Millionen Brötchen gebacken. Die nach dem Zweiten Weltkrieg noch betriebsfähigen Anlagen am 8. Mai 1947 von der sowjetischen Militäradministration zunächst beschlagnahmt, 1949 entschädigungslos enteignet und in den VEB Aschinger umgewandelt.

1951 erfolgte die Umbenennung des Betriebes in VEB Nahrungsmittelwerk „Aktivist“, bevor das Unternehmen 1968 im VEB Backwaren-Kombinat Berlin (VEB BAKO) aufging. Hier wurden Schrippen, Brot – und auch Moskauer Sahneeis für ganz Ost-Berlin produziert. 

Ab Mitternacht wehte ein herrlicher Duft durch die angrenzenden Straßen – frische Brötchen! Den vielen Frauen, die dort, teils im Schichtdienst, arbeiteten, war der Betriebskindergarten eine entscheidende Lebensstütze.

Die Geschichte der Backfabrik endete 1992, als Cityback schloss. Heute gibt’s dort Mails statt Mehl – ein Dienstleistungszentrum arbeitet hinter dem Gemäuer.

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