Betriebsrat holt „das Mögliche“ heraus: Rexam schließt nach langem Kampf

Es gibt wahrlich schönere Tage im Leben eines Betriebsrates. Zwar flattern die Rexam-Fahnen noch am Werkseingang in Lichterfelde, die Fertigung in den Schichten läuft so wie immer, die Laster fahren noch jeden Tag ein und aus – aber nicht mehr lange: Am 21. Dezember ist der letzte Produktionstag in den Hallen an der Goertzallee, und dann ist Feierabend.

Zum Jahresanfang wird das Werk geschlossen. 165 Frauen und Männer haben zum Teil über Jahrzehnte ihr Arbeitsleben im Berliner Werk des britischen Getränkedosenherstellers verbracht. Es kommt das Ende, das im Februar angekündigt worden war. Damals hatte die Geschäftsführung den Mitarbeitern die Schließungsabsicht bekanntgegeben.

Seitdem lief der Widerstand gegen das geplante Aus und – wenn das nicht zu verhindern ist – für einen möglichst guten Ausgleich, der soziale Härten begrenzt. Ein Dreivierteljahr mit zahlreichen Aktionen und der Hoffnung vieler, dass es doch noch irgendwie weitergeht mit dem Werk, ist seitdem vorüber. Die haben sich nicht erfüllt. „Jetzt realisieren auch die letzten in der Belegschaft, dass endgültig Schluss ist“, sagt Betriebsratschef Detlef Lange.

Überdurchschnittliche Abfindungsregelungen

In Langes Zimmer liegen noch die gelben Warnwesten mit der Aufschrift „Rexam“. Mitarbeiter trugen sie, als die Betriebsversammlungen und Kundgebungen organisiert wurden. Am Schreibtisch lehnen einige Plakate von den Demonstrationen – mit Aufschriften wie „Rexam – yes we can“, „wir wollen Fairplay“ und „Keine Schließung“. Zeugnisse einer Auseinandersetzung mit der Geschäftsführung.

„Die Schließung haben wir nicht verhindern können“, sagt der Betriebsratschef, „aber wir haben das Mögliche für unsere Mitarbeiter herausgeholt“. Es gibt einen Sozialplan mit Abfindungsregelungen, die für Berliner Verhältnisse überdurchschnittlich sind. Es gibt eine Transfergesellschaft für alle Mitarbeiter, die nicht jetzt schon eine neue Stelle haben. Ein Jahr lang wird hier den Rexam-Mitarbeitern Unterstützung bei Bewerbungen und Arbeitssuche geboten plus einem Einkommen, das mit der Aufstockung durch das Unternehmen bei etwa 80 Prozent des Nettoeinkommens liegt.

Werk schrieb laut Betriebsrat schwarze Zahlen

„Wir können uns nicht als Sieger fühlen“, sagt der 51-Jährige, „aber wir können stolz sein“. In den Verhandlungen mit dem Konzern und durch die Aktionen („Taktik der kleinen, aber wirkungsvollen Nadelstiche“) sei das Maximale herausgeholt worden, glaubt er. Etwa 27 Millionen Euro muss das Unternehmen für Abfindungen und Transfergesellschaft zahlen. Mit anderen Kosten zur Stilllegung des Werkes dürften es um die 50 Millionen werden.

Geld, dass sich der Konzern aus Sicht des Betriebsrates und der IG Metall hätte sparen können – wenn der Arbeitgeber nicht unbedingt die Schließung des Werkes in Berlin gewollt hätte. Davon sei Rexam nicht abzubringen gewesen. Das Werk in Lichtenrade habe schwarze Zahlen geschrieben, sagte Betriebsratschef Lange, aber Rexam sei die Rendite nicht hoch genug gewesen.

Das Unternehmen habe beklagt, dass Berlin die höchsten Fixkosten im europäischen Raum aufweise – aber man habe auch keine Versuche unternommen, diese zu senken. Die Mitarbeiter, sagt Lange, wären bereit gewesen, ihren Teil beizutragen, wenn damit die Arbeitsplätze erhalten geblieben wären.

Für die Älteren wird es schwierig

Ein Konzept der Belegschaft, das Werk auf zehn Jahre weiter zu betreiben und dann die Produktion auslaufen zu lassen, wurde vom Management als interessant bewertet, fand aber keine Berücksichtigung. Außerdem habe es zwei mögliche Investoren gegeben, aber ein Verkauf kam nicht zustande. Lange vermutet, dass Rexam das Werk nicht abgeben wollte, um keine neue Konkurrenz entstehen zu lassen.

Aber was wird aus den Mitarbeitern? Wohl noch nicht einmal eine Handvoll der 165 hat bereits eine neue Tätigkeit gefunden. Das Durchschnittsalter der Berliner Rexam-Mitarbeiter liegt bei knapp 50. „Für Ältere und Angelernte, selbst wenn sie schon viele Jahre Erfahrung mitbringen, kann der Neuanfang schwer werden“, sagt der Betriebsratschef. Für die Jüngeren und die Kollegen mit Facharbeiterausbildung „sieht es aber nicht so schlecht auf dem Arbeitsmarkt aus“.

Was aber die Mitarbeiter schon gemerkt haben: „Wahrscheinlich müssen sie in den neuen Jobs finanzielle Abstriche machen“, so Lange. Insbesondere durch die Schichtzuschläge seien die Mitarbeiter auf überdurchschnittliche Einkommen gelangt. In einem Schaukasten hängen die Namen der Mitarbeiter, die im November Geburtstag haben. Es sind elf. Daneben hängen Listen mit den Produktionsrekorden, die bei der Dosenfertigung pro Schicht und Tag erreicht wurden. Gebrochen werden könne sie nie mehr.