Berlin - Das Spitteleck ist eine Altberliner Bierstube, rustikal eingerichtet und eigentlich perfekt neben dem U-Bahnhof Spittelmarkt gelegen. Unter den Plattenbaubalkonen gibt es eine Terrasse mit Gartenstühlen, zur Mittagszeit ist aber kaum ein Gast da. Trotzdem klagt Inhaber Heinz Furkert nicht. „Für mich ist es positiv, dass hier so viele Hotels eröffnet wurden. Die Touristen haben mich vor der Pleite bewahrt“, sagt er. Vielleicht, so hofft der Wirt, bekommt er bald neue Stammgäste. Denn hinter dem Plattenbau mit der verblassten Betonfassade herrscht so etwas wie Aufbruchstimmung: Zwischen Spittelmarkt und Alter Jakobstraße entsteht ein neues Wohnviertel.

Überzeugender Standort

Mehr als 850 neue Wohnungen soll es in dem Gebiet einmal geben. Einige sind schon fertig, die meisten befinden sich in Bau. Zum Beispiel die Beuth-Höfe von Projektentwickler Klaus Groth zwischen der Seydelstraße und der Beuthstraße. Die 122 Eigentumswohnungen sollen demnächst bezogen werden. Für 117 Mietwohnungen hat Groth am Mittwoch Richtfest gefeiert.

Diesen südlichen Teil der Anlage hat die Bayerische Versorgungskammer München erworben, es ist ihr erstes Anlageprojekt im Wohnungsbau in Berlin. „Das Investment der Bayerischen Versorgungskammer ist ein deutliches Zeichen für Berlin und für diesen Standort am Spittelmarkt, der nicht nur durch seine Zentralität, sondern auch durch seine Qualität überzeugt“, so Groth.

Tatsächlich wirken die schon fertigen Fassaden im Gebiet elegant. Viele Balkone und Erker sind geschwungen. Vielfach entstehen Luxus-Wohnungen mit über 200 Quadratmetern Fläche. Schon für die „normalen“ Eigentumswohnungen müssen Käufer ab 3.000, 4.000 Euro pro Quadratmeter zahlen. Trotz der hellen Fassaden wirken die Häuser bislang tot, die wenigen Geschäfte sind von Agenturen, Versicherungen und Bauleitungen besetzt, Restaurants oder Straßencafés gibt es nicht.

Und nur vereinzelt haben Bewohner ihr neues Zuhause angenommen und Blumenkästen mit Geranien auf die Balkonbrüstungen gestellt. Es braucht offenbar Zeit, bis sich auf der ehemaligen Brachfläche wieder Leben entwickelt. Dabei war der Spittelmarkt im 19. Jahrhundert ein Verkehrsknoten, schon ab 1750 gab es einen Markt. Der Name leitet sich von dem im 13. Jahrhundert gegründeten Gertraudenhospital mit seinem Spital ab. Nach schweren Kriegszerstörungen ging mit der Neugestaltung ab 1969 jedoch die ursprüngliche Platzform verloren.

Klaus Groth zählte 2006 zu den ersten Investoren, die in dem Viertel Grundstücke erworben haben, viele davon gehörten zum Mauerstreifen zwischen Mitte und Kreuzberg. Wie er sagt, wolle er daran mitwirken, die einst getrennten Stadtteile wieder zu verbinden und ein Stück neue Mitte zu entwickeln. Anfangs war er sich nicht sicher, ob er für seine Wohnungen Käufer findet und Mieter, die eine Kaltmiete von wenigstens zehn Euro pro Quadratmeter zahlen. Die Bedenken erwiesen sich schnell als unbegründet.

„Jahrelang ist hier nichts passiert"

Am Spittelmarkt wurden bislang vor allem Hotels wie Motel One, Best Western und Cosmo eröffnet – der Standort ist wegen der Nähe zu Gendarmenmarkt, Alexanderplatz und Museen beliebt. Auch das Land hat investiert: Die Axel-Springer-Straße – mit elf Millionen Euro das teuerste Straßenbauprojekt der Stadt – wurde zum Spittelmarkt verlängert, Grünanlagen neu gestaltet. Die erste Wohnanlage wurde 2011 an der Neuen Grünstraße fertig, dort hat Groth sechs Stadtvillen mit 96 Wohnungen errichtet. Die Beuth-Höfe werden nun für 80 Millionen Euro nach Plänen von Tobias Nöfer Architekten, Kahlfeld Architekten und Oda Pälmke gebaut.

Andere Investoren tun es Groth gleich. So entstehen an der Kommandanten-/Ecke Neue Grünstraße die Fellini Residences der Firma HMC mit 70 Luxusappartements, die im Sommer bezugsfertig sein sollen. Das Vorhaben Neue Mitte der Baywobau wird über 113 Eigentumswohnungen verfügen, unter dem Namen Domus Lagrande werden bis Mitte 2014 an der Seydelstraße 78 Wohnungen gebaut.

Spitteleck-Wirt Furkert verfolgt diese Entwicklung mit Interesse. Seit 20 Jahren betreibt er das Lokal, doch aus der Leipziger Straße oder von der Fischerinsel kommen nur wenige Bewohner zu ihm. Der Altersdurchschnitt sei sehr hoch. Und die Leipziger Straße sei unattraktiv, dort könne man schon lange nicht mehr bummeln gehen, sagt er. „Jahrelang ist hier nichts passiert. Nun muss man die Entwicklung abwarten.“