Frankfurt (Oder) - Telefonterror, Stalking, ständige Angst – und kein Ende in Sicht. Als sie davon genug hatten, entschlossen sich zwei Frauen, die beide früher mit dem gleichen Mann liiert waren, zu einem folgenschweren Schritt.

Sie wollten, dass der einstige Lebensgefährte der einen und Ex-Mann der anderen mit den Nachstellungen aufhört. Also entführten sie ihn, sie ließen ihn nackt in einem Wald zurück. Bei Temperaturen kurz über dem Gefrierpunkt. Nun kam die strafrechtliche Quittung.

Yvonne S. und Birgit K. sind zwei beruflich erfolgreiche Frauen. Die eine führt ein Kurierunternehmen, die andere ist im Gesundheitswesen tätig, hat sich ständig weitergebildet.

Doch die scheinbar so starken Frauen brechen an diesem Mittwoch im Landgericht Frankfurt (Oder) immer wieder in Tränen aus. „Das war so nicht gewollt. Es tut mir einfach nur verdammt leid“, sagt die 39 Jahre alte Yvonne S., als ihr der Vorsitzende Richter Ulrich Karkmann vor der Verkündung des Urteils das letzte Wort erteilt. Und ihre Freundin fügt hinzu: Sie seien keine Monster. Sie könne anderen gestalkten Frauen nur raten, sich nicht zu rächen, sondern Hilfe zu holen.

Wenig später spricht Karkmann die beiden der gemeinschaftlichen gefährlichen Körperverletzung sowie der Freiheitsberaubung schuldig. Yvonne S. wird zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr und fünf Monaten, Birgit K. von einem Jahr verurteilt. Karkmann setzt die Strafen zur Bewährung aus. Zudem müssen sie je 2000 Euro an einen gemeinnützigen Verein bezahlen.

Yvonne S. hatte zunächst von unbekannten Mittätern aus Osteuropa gesprochen

Die beiden nicht vorbestraften Frauen haben im Prozess alle Vorwürfe zugegeben. Am 22. März 2015 hatten sie sich verabredet. Sie wollten mit ihrem Ex reden und Thomas L. auffordern, sie endlich in Ruhe zu lassen. Mit dabei: drei maskierte Männer, von denen die Staatsanwaltschaft bis heute die Identität nicht kennt.

Yvonne S. hatte in dem Prozess zunächst von unbekannten Mittätern aus Osteuropa gesprochen, die ihr Hilfe angeboten hätten. Dann revidierte sie ihre Aussage, gab die Namen der ihr bekannten Männer jedoch nicht preis.

Mit einem Transporter, den Yvonne S. steuerte, fuhren sie zu Thomas L. nach Zepernick (Barnim). Hier lockte Yvonne S. ihren Ex-Mann zum Auto. Kurz darauf zerrten zwei Maskierte den überraschten 42-Jährigen in den Laderaum.

Sie fesselten ihr Opfer, verklebten ihm Augen und Mund und schlugen auf den Mann ein. Dann ging es in den Wald. Dort wurde Thomas L. entkleidet. Er musste langsam bis 100 zählen. Ansonsten, so drohten die Männer, würden sie ihn „abknallen“.

Der Richter spricht von einem kaltblütigen und berechnenden Vorgehen

Als der Wagen weg war, fand der nackte Mann eine Plastiktüte, mit der er sich notdürftig bedecken konnte. Dann wollte er ein Auto anhalten, doch mehrere fuhren an dem fast nackten Mann vorbei, bevor einer hielt.

Der Richter spricht von einem kaltblütigen und berechnenden Vorgehen. Die Tat sei für den Geschädigten im besonderen Maße demütigend gewesen. Aber nicht Rache oder Selbstjustiz sei das Motiv gewesen, erklärt der Richter. Vielmehr wollten sie, dass er sie in Ruhe lässt.

Thomas L. soll den beiden jahrelang nachgestellt haben, soll Yvonne S., die mit ihm zehn Jahre lang verheiratet war und sich im dritten Anlauf im März 2013 von ihm trennte, mit permanenten Anrufen, Besuchen an der Wohnung oder am Arbeitsplatz terrorisiert haben. Er fuhr ihr auch öfter nach. Zeugen sprachen davon, dass er die Trennung nicht akzeptiert und er die Frau nicht in Ruhe gelassen habe.

Yvonne S. sei physisch fertig gewesen, sie „sei durch die Hölle gegangen“, hatte eine Freundin kurz vor der Urteilsverkündung den Richtern berichtet. Öfter sei sie von Yvonne S. angerufen worden, die ihr panisch erzählte, dass Thomas L. wieder vor ihrer Tür stehe und sie sich nicht traue, das Licht in ihrer Wohnung anzumachen.

Beide Frauen waren oder sind in Therapie

Mehrfach zeigten die beiden Frauen ihren Ex an. Ohne Erfolg. Als Yvonne S. drei Tage vor der Tat bei einer Anzeige von einer Polizistin den Rat erhielt, sich eine Einstweilige Verfügung zu holen, blitzte die Frau beim Amtsgericht ab. „Sie fühlte sich völlig alleingelassen“, sagt ihre Anwältin.

Und die Verteidigerin von Birgit K. erklärt, dass ihre Mandantin durch Thomas L. schwerwiegend in ihrer Lebensgestaltung beeinträchtigt gewesen sei. Beide Frauen waren oder sind in Therapie.

„Wir denken, dass die penetranten Nachstellungen der Grund waren, warum sich beiden Angeklagten zu der Tat gedrängt sahen“, sagt Karkmann. Die beiden hätten offenbar keinen anderen Ausweg gesehen. Ein Fehler, wie Karkmann sagt. „Sie haben selbst zugegeben, dass das, was sie getan haben, ziemlicher Mist war“, sagte er zu den Frauen.

Der Richter sagt, dass die Strafen durchaus empfindlich seien. Dass sie zur Bewährung ausgesetzt werden, begründet er so: Beide Angeklagten hätten eine günstige Sozialprognose. „Wer, wenn nicht diese beiden Angeklagten, hätte eine Bewährung verdient?“