Berlin - Mietrechtsanwältin Carola Handwerg hat viel zu tun. Rund 60 Bewohner der Otto-Suhr-Siedlung in Kreuzberg sind zum Protest-Weihnachtsumtrunk gekommen – und viele haben Fragen. Es geht um die angekündigte Mieterhöhung des Unternehmens Deutsche Wohnen. Die Mieter haben Fragen wie diese: Wie kann ich mich gegen die angekündigte Mieterhöhung wehren? Was ist ein Härtefalleinwand? Und: Bin ich ein Härtefall? Oder: Unsere Fenster wurden erst vor fünf Jahren saniert, warum muss das jetzt erneut geschehen?

„Wichtig ist, dass Sie ihre Unterlagen am Montag mitbringen“, sagt die Rechtsanwältin zu einer älteren Frau. Die 72-jährige Mieterin ist froh, dass sich jemand für sie einsetzt. „Vielleicht muss ich dann doch nicht wegziehen“, hofft sie. Ihren Namen möchte sie nicht nennen. Sie befürchtet, dass der Vermieter sie nachteilig behandelt.

Als Rentnerin mit 900 Euro im Monat habe sie jetzt schon Probleme, sich über Wasser zu halten. Falls die Warmmiete für ihre rund 50 Quadratmeter große Wohnung wegen der geplanten Modernisierung von 480 Euro auf 620 Euro steigt, müsste sie ausziehen. „Ich wohne hier schon seit 35 Jahren. Wo soll ich denn hin?“ Sie schüttelt den Kopf und geht nach Hause. Die geplanten Baumaßnahmen könnten rund 1200 Haushalte betreffen.

16.000 Einwohner, 70 Prozent davon mit ausländischem Pass oder ausländischen Wurzeln

Die Otto-Suhr-Siedlung wurde Ende der 1950er-Jahre errichtet. Hier leben vor allem Rentner, Familien mit Kindern und sozial schwache Familien. Es ist laut Berliner Sozialstrukturatlas der ärmste Kiez Berlins. In Zahlen drückt sich das so aus: Insgesamt 16.000 Einwohner, 70 Prozent davon mit ausländischem Pass oder ausländischen Wurzeln. 17 Prozent Arbeitslosigkeit, das ist mehr als doppelt so viel wie im Berliner Durchschnitt. 70 Prozent der Kinder leben in Hartz-IV-Familien. Es ist klar: Viele Bewohner der Siedlung können sich Mieterhöhungen nicht leisten.

Dies trifft auch für einen 75-jährigen Mann zu, der ebenfalls seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. Er wohnt seit den 1970er-Jahren in der Otto-Suhr-Siedlung, erzählt er. Die angekündigte Mieterhöhung von Deutsche Wohnen führe dazu, dass auch er wegziehen muss. Gegen eine Modernisierung habe er nichts, manches sei hier seit Jahrzehnten nicht saniert worden. „Dann könnte man auch angemessen mehr Miete verlangen“, sagt er.

140 Euro Aufschlag pro Monat

Doch was jetzt geschehe, sei eine Luxussanierung und diene dazu, die bestehende Mieterstruktur zu verändern, klagt der Mann. Ende November kam ein Brief vom Vermieter bei ihm an: eine Mieterhöhung um 140 Euro. „Mietpreisbremse? Dass ich nicht lache.“ Er ist wütend.

Die Integration von Ausländern habe in der Otto-Suhr-Siedlung ganz gut geklappt, es gäbe nicht dieselben Probleme wie am Kottbusser Tor oder Hermannplatz. „Hier war mal das Ende der Welt, da drüben stand die Mauer“, der Rentner zeigt die Kommandantenstraße entlang. Inzwischen ist das Gebiet vom Rand ins Zentrum gerückt. Im Deutsche-Wohnen-Geschäftsbericht 2015 wird die Otto-Suhr-Siedlung an einer Stelle aufgrund der „zentralen Lage“, die „deutliches Potenzial“ aufweist, erwähnt.

Deutsche Wohnen besitzt in Berlin rund 107.000 Wohnungen

Die Deutsche Wohnen ist mit 159.000 Wohnungen das zweitgrößte börsennotierte Wohnungsunternehmen in Deutschland. Allein in Berlin besitzt sie rund 107.000 Wohnungen und ist damit Marktführer in der Hauptstadt.

„In den nächsten Monaten werden in der Gegend viele Umzugswagen zu sehen sein“, sagt ein 32-jähriger. Auch er ist von der geplanten Mieterhöhung betroffen. Die 140-Euro-Mieterhöhung wird er irgendwie verkraften können, sagt er. Aber von vielen Nachbarn wüsste er, dass sie es sich nicht leisten können. „Das ist schade“, so der Kreuzberger. Denn er mag die Mischung in der Nachbarschaft.