Berlin - Gleich hinter der Baustelle haben Anwohner ein großes Transparent aus ihren Fenstern gehängt: „Nicht noch mehr Hotels“ steht drauf. An Lampenmasten im Viertel hängen Aufkleber der Kiez-Initiative „No Hostel 36“. Mit Abrissbirne.

Es sind klare Botschaften. Anwohner wollen in ihrem Kreuzberger Viertel SO36 nicht noch ein weiteres Hotel und kein neues Hostel – schon gar nicht solch einen Riesenkomplex, wie er an der Ecke Skalitzer Straße/Mariannenstraße, geplant war. Die Ideal-Lebensversicherung als Eigentümerin des Grundstücks am Kottbusser Tor wollte ein Hotel und ein Hostel mit mehr als 700 Betten bauen sowie eine Einkaufsmeile und einen Parkplatz für Reisebusse.

Büro statt Hostel am Kottbusser Tor

Doch diese Pläne gibt es nicht mehr. Statt Hotel und Hostel entsteht nun ein Bürogebäude mit kleinen Läden im Erdgeschoss. Dort sollen künftig bereits ansässige Unternehmen einziehen sowie Unternehmen mit gemeinwohlorientierter und sozialer Ausrichtung.

„Durchbruch bei Gesprächen“, verkündete der Baustadtrat von Friedrichshain-Kreuzberg, Florian Schmidt (Grüne), am Freitagabend. Da hatte sich der Grünen-Politiker gerade mit Vertretern der Versicherung sowie der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung auf eine neue Bebauung auf diesem Grundstück geeinigt – ohne Hotel und Hostel.

Gegen „Touristifizierung“ von Kreuzberg

Kiezorientiertes Gewerbe und Läden für die Bewohner statt weiterer Bettenburgen mit lärmenden Touristen – dieses Ziel will der Bezirk nun durch Gespräche mit den Investoren erreichen. Die Idee nennt Schmidt „Hotelpräventionsstrategie“. Soll heißen: Wenn es – wie in den meisten Fällen – keine baurechtliche Möglichkeit gibt, um Hotelneubauten zu verhindern, dann eben mit guten Worten, mit Geduld, Verhandlungsgeschick und klugen Argumenten.

Es geht auch um Wirtschaftlichkeit und das Image der Investoren. Denn welchem Unternehmer nützt eine Immobilie, gegen die schon lange vor dem Bau protestiert wird?

„In Gesprächen wollen wir Eigentümern künftig klar machen, dass neue Hotels an bestimmten Stellen nicht mehr sozialverträglich sind“, sagt Baustadtrat Schmidt. „Wir müssen die Kieze besser schützen.“

Längst haben sich Viertel wie SO36 oder das Gebiet am RAW-Gelände und die Simon-Dach-Straße zu turbulenten Touristengegenden entwickelt, Anwohner sind genervt von betrunkenen Gästen, ihrem nächtlichen Lärm und Dreck. Die Infrastruktur richtet sich mit Imbissläden und Spätis nach den Wünschen der Touristen, weniger nach denen der Nachbarn. Kritiker des ungebremsten Hotelbooms sprechen von zunehmender „Touristifizierung“ in Kreuzberg und Friedrichshain.

Und so hatte Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann (Grüne) vergangenen November gefordert, der Senat müsse endlich einen berlinweiten Hotelentwicklungsplan aufstellen. Denn wenn es in einem Kiez bereits Hotels in einer gewissen Dichte gebe, müsse es doch möglich sein, den Bau weiterer Hotels zu verwehren, so Herrmann. Nun erstellt der Senat zwar ein Gutachten. Doch der Bezirk will nicht länger warten. Und handelt im Alleingang.

Früher über Pläne informieren

Baustadtrat Schmidt will protestierende Anwohner unterstützen, wenn ihre Aktionen friedlich sind und „mit guten Argumenten geführt werden“. Auch will er sie künftig früher über solche Pläne informieren.

Das hatte im aktuellen Fall nicht geklappt. Seit 2014 hat die Ideal-Lebensversicherung, ein seit Jahrzehnten in Kreuzberg ansässiger Versicherungsverein, eine Baugenehmigung für ein Hotel. Zweimal wurde sie verlängert. Das Grundstück befindet sich in einem Mischgebiet.

Gewerbe, Büros, Verwaltung und Hotels sind dort erlaubt, aber keine Wohnungen. Wegen des geplanten Büro- und Geschäftshauses gab es Unstimmigkeiten mit dem Bezirk. Der hatte zwei Bauvoranfragen abgelehnt. Eigene Vorschläge in Hinblick auf eine alternative Bebauung habe der Bezirk bisher nicht vorgelegt, kritisiert die Ideal. Ebenso seien Schreiben an Herrmann und Schmidt unbeantwortet geblieben, in denen Ideal um „sehr zeitnahe klärende Gespräche“ gebeten hatte.

Viele Gerüchte über das Bauprojekt

Wegen der fehlenden Transparenz im Bezirksamt kursierten in der Öffentlichkeit wenige Fakten, aber viele Gerüchte über das Bauprojekt. Florian Schmidt erklärte am Sonntag, es sei nicht alles „ideal gelaufen“. Doch man habe sich nun mit einem Eigentümer geeinigt, mit dem man weiter gut zusammenleben könne in Kreuzberg.