Und wieder wehren sich Mieter in Kreuzberg gegen eine drohende Verdrängung. „Wir bleiben alle“, „Wir sind eine Mietergemeinschaft“, „Wir halten zusammen“, steht auf Transparenten, mit denen Bewohner des Hauses Eisenbahnstraße 2-3/Ecke Muskauer Straße 10 am Sonnabend demonstrieren.

Der Grund: Ihr Wohnhaus, ein um 1898 errichteter Gründerzeitbau, soll am 14. Dezember in einer Auktion versteigert werden. Bereits das Mindestgebot beläuft sich auf 5,2 Millionen Euro. Das entspricht etwa der 27-fachen Jahresmiete, die laut Auktions-Prospekt bei zirka 191.800 Euro liegt.

Kreuzberger Mischung

„Wir haben die Sorge, dass die Immobilie zu einem Spekulationsobjekt wird und wir aufgrund steigender Mieten, Modernisierung oder der Umwandlung in teures Eigentum verdrängt werden“, sagt Mieterin Maren Wurster. Sie lebt seit 2009 in dem Haus, hat einen einjährigen Sohn und zahlt eine Miete um vier Euro kalt je Quadratmeter. „Für den Preis würde ich hier keine Wohnung mehr finden“, sagt die 41-Jährige. Ähnlich sieht es bei Toan Nguyen aus, der mit Frau und Kind hier wohnt. „Ein Auszug aus dem Haus würde bedeuten, dass wir den Kiez verlassen müssen“, sagt der 39-jährige Freiberufler.

Die Mieterschaft des Hauses ist so bunt gemischt wie in Kreuzberg zumeist üblich: Richter, Ingenieure, Handwerker und Hartz IV-Empfänger leben hier – Alleinerziehende wie Familien. Das Haus wird den potenziellen Käufern im Prospekt der Deutsche Grundstücksauktionen AG als „attraktiver Altbau“ mit „imposantem Eckturm“ angepriesen. Es liegt nicht weit von der Markthalle in der Eisenbahnstraße.

Noch sind die Mieten für die 38 Wohnungen vergleichsweise günstig: sie bewegen sich laut Auktions-Prospekt zwischen 2,11 und 7,48 Euro je Quadratmeter kalt. Was für Mieter schön ist, weil sie wenig bezahlen müssen, beflügelt jedoch bei Geschäftemachern die Vorstellung auf künftige Mietsteigerungen.

Denn in Friedrichshain-Kreuzberg werden beim Abschluss neuer Verträge Mieten vereinbart, die weit höher liegen als in Altverträgen. So verlangten Vermieter im vergangenen Jahr für freie Wohnungen in dem Szene-Bezirk durchschnittlich 11,50 Euro je Quadratmeter kalt, wie aus dem Wohnungsmarktbericht der Investitionsbank Berlin (IBB) hervor geht – so viel wie nirgendwo sonst in Berlin. Das Problem: Friedrichshain-Kreuzberg gehört zusammen mit den Bezirken Mitte und Lichtenberg nach Neukölln zu den ärmsten Quartieren Berlins. Das Haushaltsnettoeinkommen beläuft sich gerade mal auf 1625 Euro monatlich (Stand: 2015). Die Folge: Wenn Mieter umziehen müssen, wird es für Haushalte mit niedrigen Einkommen schwer, eine bezahlbare Wohnung in der gewohnten Umgebung zu finden. Viele müssen deswegen in andere Bezirke ausweichen, die günstiger sind.

Ablesbar ist dies anhand der Umzugsstatistik der Online-Plattform Movinga. Danach sind in den vergangenen zwölf Monaten in Friedrichshain-Kreuzberg nach einem Umzug so wenig Menschen innerhalb des Bezirks geblieben wie nirgendwo sonst in Berlin: nur 31 Prozent. In Treptow-Köpenick, dem Spitzenreiter bei der Ortstreue, blieben hingegen 62 Prozent der Umzügler im Bezirk.

Im Auktions-Prospekt für das Wohnhaus in der Eisenbahnstraße/Ecke Muskauer Straße werden die Kauf-Interessenten ganz unverblümt auf die Verdrängung hingewiesen. „Trotz der Einstufung als einfache Wohnlage gibt es einen Trend zum Zuzug einkommensstarker Haushalte“, heißt es darin.

Vor unsicherem Geschäft gewarnt

Gut möglich allerdings, dass sich die Eigentümer, die im Zuge der Versteigerung auf einen Höchstpreis hoffen, verrechnet haben. Denn der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg stellt sich nach Angaben von Baustadtrat Florian Schmidt (Grüne) gerade darauf ein, sein Vorkaufsrecht zu prüfen, weil das Haus im Milieuschutzgebiet liegt. Der Bezirk würde das Haus lieber in den Händen einer landeseigenen Wohnungsbaugesellschaft sehen. „Es ist bedauerlich, dass die Eigentümer nicht direkt auf den Bezirk zukommen, damit ein einvernehmlicher Verkauf zustande kommt“, sagt Schmidt. So stünden die potenziellen Käufer vor der Situation, „dass ein Kaufvertrag nur unter unsicheren Rahmenbedingungen“ abgeschlossen werden könne. Schmidt warnt ganz direkt: „Ich kann niemanden empfehlen, diese Liegenschaft zu erwerben.“