Berlin - Der Bezirksbürgermeister von Pankow trägt zum vereinbarten Interview- und Fototermin im Rathaus ein auffälliges T-Shirt mit einer klaren Aussage unter seinem Sakko. Tegel schließen, so heißt die Website, auf die Sören Benn hinweisen will. Benns Arbeitsplatz liegt in der Einflugschneise. Nicht nur wegen des Verkehrslärms von der Breiten Straße muss das Fenster in seinem Besprechungsraum im ersten Stock des Rathauses geschlossen bleiben, sondern auch, weil im Zweiminutentakt die Flugzeuge über die Häuserdächer donnern.

Die Zahl der Fluglärmbetroffenen in Pankow ist in den letzten Jahren deutlich gewachsen – weil der Bezirk so stark wächst wie kein anderer. In diesen Tagen überschreitet die Einwohnerzahl die Marke von 400.000. Pankow hat damit anderthalbmal so viele Einwohner wie Marzahn-Hellersdorf – und erhebliche Wachstumsschmerzen. Sören Benn wird in den nächsten Jahren viel zu tun haben, die Probleme zu lösen. Seit Oktober 2016 leitet der 49-jährige das Bezirksamt.

Herr Benn, Sie weisen mit Ihrem T-Shirt ja direkt darauf hin, was Pankow derzeit bewegt. Am 24. September geben die Berliner ihr Votum ab, ob der Flughafen Tegel offenbleiben soll. Pankow hat in diesen Tagen seinen 400 000. Bewohner bekommen. Bisher scheint der Fluglärm die Menschen ja nicht sonderlich gestört zu haben. Wie groß wäre denn der Schaden, wenn Tegel offenbleibt?

Der Lärm macht auf Dauer krank. Dass Pankow so wächst, liegt auch an dem Versprechen, dass der Flughafen in absehbarer Zeit schließt. In der Einflugschneise liegen hochverdichtete Quartiere, viele Schulen und Kindergärten. Niemand würde heute auf die Idee kommen, mitten in einer Stadt einen Flughafen zu bauen! Es gibt überhaupt keine Rechtfertigung mehr dafür, einen innerstädtischen Flughafen geöffnet zu lassen, wenn es in absehbarer Zeit – hoffentlich – einen Flughafen außerhalb der Stadt gibt.

In Berlin sind alle Stadtteile unterschiedlich von Stadtlärm betroffen. Pankow hat den Fluglärm als Last zu tragen. Warum ist das den Menschen nicht zuzumuten?

Es ist nicht zumutbar, weil es nicht notwendig ist. Eine Belastung von Menschen ist immer nur dann zumutbar, wenn es keine Alternativen gibt. Zu Tegel gibt es eine klare Alternative, und die heißt BER.

Wie wird sich Pankow verhalten, wenn Tegel offenbleibt?

Aus Pankow würde es jeden Widerstand geben, den es geben kann. Viele Privatpersonen würden sicherlich gegen eine Offenhaltung klagen. Wir würden als Bezirk unsere Möglichkeiten prüfen.

Die Koalition hat sich erst spät um das Thema gekümmert. Sind Sie als Pankower enttäuscht?

Aus Gesprächen mit Bürgern weiß ich, dass die Menschen sich gewünscht hätten, dass der Senat deutlich früher und engagierter in die Tegel-Debatte gegangen wäre.

Ihre Bürger sind allerdings auch recht still, eine schlagkräftige Initiative gegen die Offenhaltung gibt es nicht. Wie kommt das?

Das ändert sich gerade massiv. Am Montag gab es ein Vernetzungstreffen der Initiativen im Rathaus Pankow und am 14. September wird es um 17 Uhr eine Kundgebung auf dem Pankower Anger geben. Auch Schulen und Krankenhäuser engagieren sich.

Pankow hat die Dimension einer Großstadt. Es wurden viele Wohnungen gebaut, doch die Infrastruktur blieb auf der Strecke. Es fehlen freie Plätze in Kitas und Schulen. Welche Fehler haben Verwaltung und Politik da gemacht?

Konsolidierungsbedingter Infrastrukturabbau in der Vergangenheit, ständiger Streit mit der Senatsbildungsverwaltung um die richtigen Prognosezahlen, unsere waren immer höher, und kaum steuerbarer Neubau im Lückenschluss wirken hier zusammen.

Würden Sie manche Bauvorhaben denn gern verhindern?

Ich hätte gern eine geordnete Entwicklung! Denn es gibt einen Zwiespalt zwischen der Bevölkerungsentwicklung und der Versorgung mit öffentlicher Infrastruktur.

Wo hat Pankow derzeit die größten Defizite?

Wenn die Bevölkerungsentwicklung so weitergeht, wenn also bis 2025 weitere 41.000 Menschen nach Pankow ziehen, fehlen uns 16 Grundschulen, 5 Gymnasien und 2600 Kita-Plätze.

Wie kann es sein, dass ein privater Investor ein Wohnviertel in zwei Jahren errichtet und die Bauzeit der zugehörigen Schule zehn Jahre von der Planung bis zur Eröffnung beträgt?

Es gab auch in Berlin mal eine Zeit, in der es nur drei Jahre gedauert hat, eine Schule zu bauen. Doch dann haben sich die Planungs- und Abstimmungsverläufe im Lauf der Jahre deutlich verkompliziert. Es gibt etliche Prüfschleifen zwischen Senat und Bezirk, die aus meiner Sicht heute nicht mehr zeitgemäß sind. Da muss ausgemistet werden. Nur so gelingt uns eine Verkürzung der Bauzeit. Wir müssen es schaffen, in vier Jahren eine Schule zu bauen.

Sind Sie vor dem Hintergrund froh, wenn sich bestimmte Entwicklungen etwas verzögern, etwa die Bebauung des Pankower Tors?

Nein, darüber bin ich überhaupt nicht froh! Wir brauchen die Entwicklung auf diesem Gelände, wir brauchen dringend neue Schulen in diesem Gebiet und neue Wohnungen. Es fehlt ein Verkehrskonzept, auch für andere Neubaugebiete im Norden des Bezirks, wir müssen da schneller und koordinierter werden! Wir können nicht erst Wohnungen bauen und später die Straßen und Straßenbahnen.

Wann beginnen denn nun die Bauarbeiten am Pankower Tor?

Wir müssen noch Konflikte lösen. Da ist etwa die Frage, wie viel Einzelhandel am U- und S-Bahnhof zugelassen wird. Eine Potenzialanalyse des Bezirks sieht knapp 30.000 Quadratmeter, die Senatsverwaltung sieht nur die Hälfte. Entscheidend ist aber, dass es immer noch keine akzeptable Verkehrslösung für dieses Gebiet gibt.

Pankow ist sowohl Innenstadt-, als auch Randbezirk, täglich fahren zudem Tausende Pendler aus Brandenburg durch den Bezirk ...

.. und stehen jeden Tag entnervt im Stau. Wir müssen den Pendlerverkehr besser auf die Schiene bringen, es geht da etwa um die Wiederinbetriebnahme der Heidekrautbahn. Es gibt bisher keinen öffentlichen und attraktiven Zubringerverkehr aus dem Umland. Offenbar ist das Auto immer noch das bequemste Verkehrsmittel. Und wenn die Leute erst einmal drinsitzen, dann fahren sie auch bis in die Stadt.

Dort stoßen sie bald auf ein Hindernis. Die Schönhauser Allee soll umgebaut werden, damit sie attraktiver wird für Fußgänger und Radfahrer. Was halten Sie davon?

Grundsätzlich habe ich dafür Sympathie. Solche Umbauten dürfen aber nicht zu Verdrängungen führen. Wenn ein Streckenabschnitt verengt wird und die Autos durch die umliegenden Wohngebiete fahren, habe ich gar nichts gewonnen. Den konkreten Plan für den Umbau der Schönhauser finde ich unter diesem Aspekt unausgegoren. Er funktioniert nur, wenn wir den Menschen Alternativen bieten, wie sie in die Stadt kommen – und die sind nicht gut genug.

Wie fahren Sie denn selbst durch den Bezirk?

Zur Arbeit fahre ich mit dem Rad, von Niederschönhausen habe ich es nicht weit. Wenn ich es mir zeitlich leisten kann, benutze ich es auch, um zu meinen Terminen zu kommen. Sonst nehme ich den Dienstwagen. Übrigens ein Hybrid.

Um das Wachstum zu gestalten, brauchen Sie nicht nur Ideen, sondern auch Personal, und das ist knapp in der öffentlichen Verwaltung. Fühlen Sie sich vom Senat genügend unterstützt?

Ich würde sagen, wir arbeiten gemeinsam mit dem Senat daran, dass es zu einer ausreichenden Unterstützung kommt.

Das ist aber sehr vorsichtig formuliert.

Ich erlebe durchaus eine Offenheit, ernsthaft über den Personalbedarf der Bezirke zu reden – das war früher anders. Aber wir kommen von einem viel zu niedrigen Niveau – die Bevölkerung ist gewachsen, die Verwaltung ist geschrumpft, dabei gealtert und auch deshalb weniger leistungsfähig. Bei einem solchen Burnout-Befund hilft nur eine ordentliche Frischzellenkur.

Wie groß ist Ihr Bedarf an neuen Mitarbeitern?

Über alle Bereiche fehlen etwa 270 Mitarbeiter. Diese Zahl kann man kritisch hinterfragen, aber Fakt ist, dass die knapp 90 Stellen, die wir jetzt bekommen haben, nur ein Anfang sein können.

Finden Sie die Leute, die Sie brauchen?

Im Großen und Ganzen ja. Aber die Konkurrenz ist groß. Deshalb wollen wir auch die Einstellungsprozesse beschleunigen, damit uns die Leute nicht im Verfahren abspringen. Das dauerte vor einiger Zeit noch durchschnittlich sieben Monate. Außerdem müssen wir als Arbeitgeber besser werden. Das beginnt damit, dass die Angestellten ordentliche Büros brauchen. Zugige Fenster, lecke Dächer und versiffte Klos sind nicht sehr attraktiv. Eigentlich haben wir bei den Bürogebäuden die gleichen Probleme wie in den Schulen.

Unter den Pankowern scheint die Freude über das Wachstum nicht ungeteilt zu sein. Am Thälmannpark und in der Michelangelostraße wird gegen die geplanten Neubauten protestiert. Wie wollen Sie den Bezirk befrieden?

Mein Eindruck ist, dass nicht immer so wertschätzend mit den Anwohnern gearbeitet wurde, wie es nötig gewesen wäre. Da müssen wir besser werden. In der Michelangelostraße werden Varianten des bisherigen Entwurfs ermöglicht, dazu gibt es Workshops mit den Nachbarn. Am Thälmannpark liegen die Positionen weiter auseinander. Aber wir brauchen Wohnungen, und wir werden auch dort bauen – und uns bemühen, die Positionen der Anwohner so weit wie möglich zu berücksichtigen.

Das dauert. Aber Berlin braucht Wohnungen. Ist die Verzögerung gerechtfertigt?

Ich will nicht, dass solche Bauprozesse das Misstrauen gegenüber der Politik vertiefen. Es geht nicht darum, den Leuten nach dem Mund zu reden. Aber wir wollen transparent machen, warum wir welche Entscheidungen treffen. Und es steht uns nicht zu, die Leute dafür zu beschimpfen, dass sie ihre Interessen vertreten. Auch Partikularinteressen sind legitim.

Sie stellen im Rathaus neue Mitarbeiter zur Koordination der Bürgerbeteiligung ein. Was sollen die genau machen?

Das Beteiligungsbüro soll Bürgerinitiativen und Ortsteile unterstützen. Sowohl bei praktischen Fragen – der Wahl der Organisationsform, der Finanzierung, dem Zugang zu Räumen –, aber auch bei der Formulierung ihres Anliegens und bei der Suche nach Ansprechpartnern in der Verwaltung.

Man braucht jetzt nicht viel bösen Willen, um auf die Idee zu kommen, dass Sie die Bürgerinitiativen lenken wollen.

Als ob das ginge. Die Leute sind doch nicht blöd. Eine gute Verwaltung hört das Gras wachsen. Bürgerinitiativen entstehen meistens, weil sich die Leute über etwas ärgern. Sie wissen dann nicht, wer eigentlich dafür verantwortlich ist, rennen von Hinz zu Kunz und werden noch wütender. Das Beteiligungsbüro ist die ausgestreckte Hand. Keiner wird genötigt, sie zu ergreifen.

Sie haben drei Berufe gelernt, bevor Sie Bürgermeister wurden: Handwerker, Schauspieler und Sozialarbeiter. Welche Ausbildung hilft Ihnen am meisten?

Alle drei. Als Baufacharbeiter habe ich gelernt, dass man Dinge nacheinander tun muss und in einem bestimmten Zeitrahmen. Als Sozialpädagoge kann ich andere Perspektiven einnehmen und weiß, wie es funktioniert, Menschen zu gemeinsamem Handeln zu bewegen. Der Schauspieler spielt die geringste Rolle. Als Bürgermeister kann ich mich nicht verstellen. Es hilft ein bisschen, dass ich geübt habe, vor größeren Menschenmengen aufzutreten.

Sie sind jetzt neun Monate im Amt – erkennen die Leute Sie eigentlich auf der Straße?

Als ich gewählt wurde, hat mich meine Tochter gefragt: „Papa, wirst du jetzt berühmt?“ Da habe ich sie gefragt: „Weißt du denn, wie der alte Bürgermeister hieß?“ Das wusste sie nicht. Da habe ich ihr gesagt: „Genau so berühmt bin ich jetzt auch.“

Grämt Sie das?

Nein. Es spiegelt die Bedeutung der Bezirkspolitik in den Köpfen der Leute. Die spüren, dass wir bei den entscheidenden Fragen nicht das Sagen in der Stadt haben. Viele Leute wissen nicht einmal, dass es die Bezirksverordnetenversammlung gibt.