Wie in einer New Yorker Coffee-Bar sitzen Frauen und Männer aufgereiht vor der Fensterfront im ersten Stock der Philipp-Schaeffer-Bibliothek in der Brunnenstraße in Mitte. Sie lesen, tippen in Computern oder hängen ihren Gedanken nach. Eine Frau korrigiert Klassenarbeiten. „Es ist die Atmosphäre kollektiver Konzentriertheit, die mich herbringt“, sagt sie. Ein Mann berichtet, er habe sein Home-Office kurzerhand hierher verlegt, seit sein Sohn vor einem Monat auf die Welt kam.

„Wir sind längst nicht nur ein Ausleihort, sondern auch ein Aufenthaltsort“, sagt Bibliothekarin Katrin Rosemann. Es gibt im ganzen Haus freies Wlan, bis vor kurzem versorgte ein Café die Besucher, doch an seine Stelle traten Regale. Einen Kaffee können sie sich in der Buchhandlung Ozelot an der Brunnenstraße besorgen, zu der es einen Durchgang gibt.

Budget für Anschaffungen sinkt

Wer sich unter einer öffentlichen Bibliothek einen Aufbewahrungsort für Kinderbücher und Romane von Vorgestern vorstellt, irrt. Die 76 öffentlichen Bibliotheken Berlins sind durchaus gut aufgestellt. Wer zum Beispiel den neuen Roman von T.C. Boyle, „San Miguel“, sucht, der vor wenigen Wochen erschien, findet ihn in allen Bezirken mit bis zu zehn Ausgaben. Um ihre Aktualität sicher zu stellen, haben sich viele Bibliotheken der Einkaufszentrale Reutlingen angeschlossen, einem Service, der die Sichtung von Neuerscheinungen für öffentliche Bibliotheken übernimmt und die ausgewählten Werke mit Kennung und Schutzeinband versieht. Vom Erscheinen bis zur Aufnahme in den Online-Katalog www.voebb.de vergehen oft nur Tage.

Dennoch ist der Bestand in den Häusern unterschiedlich: Den Gewinner des Buchpreises 2013, Terézia Moras Buch „Das Ungeheuer“, führen zwar fünf Bibliotheken in Mitte, aber keine einzige in Tempelhof-Schöneberg oder in Marzahn-Hellersdorf. Bibliotheken sind in Berlin Bezirkssache. Die Bezirke teilen den Häusern auch ihr Budget zu, das nicht selten knapper ausfällt als nötig. Denn aus dem vom Land zugewiesenen Etat müssen die Bibliotheken häufig abgeben, weil es in Kitas oder Schulen am Nötigsten fehlt.

In Mitte wurden so schon mal 600.000 Euro in andere Bereiche überwiesen, berichtet der Leiter der Stadtbibliothek, Stefan Rogge. Die Folge sei unter anderem, dass das Budget für Neuanschaffungen gekürzt wird. Eine Umfrage in den Bezirken ergab, dass dieses in rund der Hälfte der Bezirke in den letzten Jahren sank.

Auch die Philipp-Schaeffer-Bibliothek erhielt in den letzten beiden Jahren rund 100 000 Euro weniger als zuvor: statt 485 000 Euro nur 388 000. „Diese Tatsache werden die Leser bald bemerken“, sagt die Leiterin des Hauses, Sigrid Tänzer.
Berlins Bibliotheken sind beliebt. Jeder Berliner geht im Schnitt viermal im Jahr in die Bücherei. Dennoch gibt es für die Häuser weder einen Entwicklungsplan noch ein Gesetz. „Berlin ist Europas größter Bibliotheksstandort, aber das Land unterstützt uns nicht ausreichend“, sagt Alfred Molter, Vorsitzender des Landesverbandes Berlin im Deutschen Bibliotheksverband. Er fordert einheitliche Standards für alle öffentlichen Bibliotheken des Landes. Außerdem müssen die Häuser eigene Profile entwickeln und auch dies müsste koordiniert geschehen. „Wir brauchen Innovation, aber es passiert nicht“, klagt er.

Besonders elektronische Publikationen stellen eine Herausforderung für die Bibliotheken dar. Das Portal voebb24.de wird von dem Dienstleister divibib in Wiesbaden betreut. Rund 20 000 E-Books, E-Paper, E-Audios und E-Videos sind bisher eingelesen. Eine überbezirkliche Arbeitsgruppe aus Bibliothekaren diskutiert, welche Lizenzen von Verlagen erworben werden, doch eine Strategie gibt es nicht. „Wir brauchen einen Masterplan, wie es weitergehen soll“, sagt Rogge. Wenn junge Leser erreicht werden sollten, würden „moderne Regelungen“ für die digitale Welt benötigt.

Kulturstaatssekretär André Schmitz weist die Kritik am Senat zurück. „Es gab mehrere Anläufe für eine stärkere Zentralisierung, doch die Bezirke sind untereinander uneins“, sagt er. Das Ziel, die Häuser zu koordinieren und zu standardisieren, hält er für richtig. „Das Zeitalter der Digitalisierung stellt uns vor eine große Herausforderung“, sagt er, die Bezirkszuständigkeit sei „nicht mehr zeitgemäß“. Die Initiative zum Zusammenschluss könne jedoch nicht vom Land ausgehen.

Im Streit zwischen Bezirken und Senat könnten die Bibliotheksnutzer auf Dauer den Kürzeren ziehen. „Die Ansprüche der jungen Generation sind hoch“, sagt Bibliotheksleiterin Tänzer. Sie verlangten Aktualität und ein zeitgemäßes Management – und hielten das für „selbstverständlich“. Rund 4,5 Bücher entleihen die Berliner zurzeit im Schnitt jährlich. In Hamburg, wo die Bibliotheken zentral in einer Stiftung organisiert sind, sind es fast 8. Können die Bibliotheken nicht mit der Entwicklung auf dem Buch- und Medienmarkt Schritt halten, fürchtet Tänzer, die Nutzer zu verlieren.