Berlin - Was Anwohner und Passanten von der Mauer halten, die seit fünf Wochen die Friedrichstraße in Kreuzberg blockiert, ist gut leserlich darauf vermerkt: „hässlich“ und „geschmacklos“ sind noch höfliche Worte der Ablehnung. Sie stehen auf der „Peace Wall“, einem Kunstwerk der mazedonischen Künstlerin Nada Prlja. Am Donnerstag kommender Woche soll die zwölf Meter hohe und fünf Meter breite schwarze Blockade aus Wellblech und Spanplatten abgebaut werden – zwei Wochen früher als geplant.

„Wegen der anhaltenden Proteste von Anwohnern und Händlern haben sich Künstlerin und Kuratoren zum Abbau entschlossen“, sagte Denhart von Harling, der Sprecher der 7. Berlin-Biennale, am Freitag. Die Mauer ist ein Kunstprojekt der Biennale, der nach der Kasseler Documenta wichtigsten Schau zeitgenössiger Kunst in Deutschland.

Künstlerin fühlt sich bedroht

Denhart von Harling sprach von Beschädigungen der Mauer und davon, dass sich die Künstlerin bedroht fühlt: „Sie wird dort täglich verbal attackiert.“ Von einem Scheitern des Projekts will man bei der Biennale jedoch nichts wissen. Im Gegenteil, man fühlt sich bestätigt: „Die Vorfälle zeigen, welche Probleme es in dem Viertel gibt“, sagte von Harling. Es sei die Absicht des Kunstwerks, auf die sozialen Probleme hinzuweisen.

Darauf, dass der Kreuzberger Teil der Friedrichstraße zu einem der ärmsten Viertel Berlins gehört. Tatsächlich ist der Kiez um den Mehringplatz, dort, wo die Friedrichstraße beginnt, gekennzeichnet von hoher Arbeitslosigkeit und einem hohen Migrantenanteil. Etwa 70 Prozent der Kinder leben dort in Hartz-IV-Familien, fast doppelt so viele wie im Berliner Durchschnitt.

Mit der Mauer sollte die Grenze zwischen dem reichen Mitte und dem armen Kreuzberg dokumentiert werden. Dass über das Projekt keiner der Anwohner vorher informiert wurde, gehört laut Biennale-Sprecher zum Konzept: Kunst solle provozieren.

Blockade zwischen Arm und Reich

Für Hendrike Ehlers ist das eine empörende Argumentation. Die Schuhmacherin hat einen Laden an der Friedrichstraße/Ecke Hedemannstraße. Seit diesem Mauerbau habe sie bis zu 50 Prozent Umsatzeinbuße, sagt sie. Vielen ihrer Händlerkollegen ergehe es ähnlich. „Dass wir jetzt als aggressive Kunstbanausen aus dem Ghetto dargestellt werden, ist irrwitzig“, sagte Ehlers. Sie findet die Mauer peinlich, da diese die Mischung von Arm und Reich auf der Friedrichstraße blockiere.

Im Verein Friedrichstadt Süd e.V., der sich mit um die Entwicklung des Viertels kümmert, ist man froh über den Abbau. „Die Mauer hat eine Riesenchance verspielt“, sagte Vereinsvorstand Florian Schmidt. Anstelle eines Dialogs mit Anwohnern habe die Biennale auf Überrumplung gesetzt und ein Desaster erlebt.

Im Bezirksparlament von Friedrichshain-Kreuzberg war im Mai ein CDU-Antrag auf vorzeitigen Abbau abgelehnt worden. Begründung: Kunst solle selbst entscheiden, wann es genug ist. „Ich bin überglücklich, dass es endlich soweit ist“, sagte am Freitag Vizebürgermeister Peter Beckers (SPD). Er ist verantwortlich für das Ordnungsamt, das den Bau genehmigt hatte.