Es gibt sicherlich schönere Preise für ein landeseigenes Unternehmen mit etwa 13.000 Mitarbeitern: Die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) sind am Freitagabend mit einem Big Brother Award 2016 ausgezeichnet worden. Nun ist Auszeichnung sicher nicht die passende Beschreibung für einen unerwünschten Titel, den Daten- und Verbraucherschützer des Vereins Digitalcourage jedes Jahr für die missbräuchliche Verwendung von Technik und Informationen und zum Schutz von Daten und Privatsphäre vergeben.

Ein Oscar für Datenkraken wird der Big Brother Awards auch genannt. „Es geht um die Verteidigung der Freiheits- und Grundrechte und gegen immer mehr Überwachung und Ausspähen“, sagte die frühere Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger zur Preisverleihung in Bielefeld.

Ahnungslose Fahrgäste

In der Kategorie Technik hat es dieses Jahr das Berliner Verkehrsunternehmen getroffen. Es erhält den Titel für die elektronische Fahrkarte des Verkehrsverbundes Berlin-Brandenburg. Diese elektronische Karte (Fahr Card) ersetzt die monatlichen Wertabschnitte aus Papier, mit denen Abonnenten in öffentlichen Verkehrsmitteln in Berlin und Brandenburg unterwegs sind. Seit September 2011 wurde diese Karte bei ausgewählten Kunden getestet.

In dieser Phase sind an den neu installierten Lesegeräten in Bussen bei jedem Fahrgast Datum, Uhrzeit, Buslinie und Haltestelle auf der Karte gespeichert worden, es wurden so komplette Bewegungsprofile der Fahrgäste erstellt. Diese heimliche Datenspeicherung erfolgte aber nicht nur bei der BVG, sondern auch bei beteiligten Verkehrsgesellschaften wie der Oberhavel Verkehrsgesellschaft (OVG) und der Ostdeutsche Eisenbahn (ODEG).

„Die Fahrgäste hatten also eine kleine Datenkrake in der Tasche“, sagt die Datenschutzaktivistin Rena Tangens in ihrer Begründung. Diese Bewegungsprofile seien ungeschützt auf der Karte gespeichert gewesen, sie hätten also jederzeit mit einfacher technischer Ausrüstung von anderen ausgelesen werden können. „Die Fahrgäste waren ahnungslos“, sagt Rena Tanges.

„Wirklich an die Wand gefahren hat die BVG die Angelegenheit aber mit ihrer Informationspolitik“, kritisiert die Datenschützerin. „Die BVG hat jahrelang die Kunden belogen. Sie hat beteuert, es sei technisch unmöglich, Bewegungsprofile auf den Karten zu speichern.“ Erst der Fahrgastverband IGEB und die Recherchen des Online-Magazins golem.de hätten die Datenspeicherung öffentlich gemacht.

BVG spricht von Herstellerfehler

Die Berliner Verkehrsbetriebe reagierten am Freitag missgestimmt auf den Titel. „Wie peinlich, dass uns so etwas passiert ist“, sagte BVG-Sprecherin Petra Reetz. Es habe sich um einen Herstellerfehler gehandelt. „Wir haben umgehend reagiert, sofort alle Lesegeräte ausgeschaltet und den Testbetrieb eingestellt.“ Bei der BVG habe die Testphase für die elektronische Fahrkarte im Jahr 2015 nur ein paar Wochen gedauert, bis die Datenspeicherung bekannt wurde. Betroffen waren einige hundert Abonnenten. „Wir haben alle Kunden informiert und ihre Daten sofort gelöscht“, sagt Petra Reetz.

Einen weiteren unerwünschten Big Brother Award bekam der Verfassungsschutz auf dem Gebiet „Lifetime“. Gewürdigt wird der Inlandsgeheimdienst für Überwachung und Stigmatisierung staats- und gesellschaftskritischer Gruppen und Personen, für sein unkontrollierbares V-Leute-System, für heillose Verflechtungen in mörderische Neonazi-Szenen und die Vertuschung illegaler Praktiken.

In der Kategorie „Wirtschaft“ wurde die US-Firma und Kampagnenplattform Change.org für ihr Geschäftsmodell gewürdigt, personenbezogene Daten von Unterzeichnern zusammen mit deren politischen Meinungsäußerungen zu vermarkten. Change.org trete zwar als alternatives Projekt auf, sei aber eine gewinnorientierte US-Firma. Dabei gebe es datenschutzrechtlich etliche Mängel, beispielsweise würden die Daten der Nutzer in den USA gespeichert. Auf dem Gebiet Verbraucherschutz erhielt die Generali-Versicherung den Preis.

Die Firma IBM bekam ihn in der Kategorie Arbeitswelt für ihre Software „Social Dashboard“, mit der Firmen das Sozialverhalten von Angestellten kontrollieren und auswerten können.