Berlin - Ein Baum ist ein Freund, ein treuer Gefährte, ein verschwiegener Beschützer. In unserer abendländischen Kultur wird das vielfach besungen. Bäume sind sogar heilig. Diese Gewissheit trinkt mit der Muttermilch, wer aus dem ostasiatischen Kulturkreis stammt.

Die Legende besagt, Buddha sei unter einem Baum die Erleuchtung gekommen, Bäume nehmen in der Lehre von der Ganzheitlichkeit des Daseins – von Mensch, Natur und Gott – einen besonderen Rang ein. Sie werden sehr alt, an ihnen zieht das Leben der Anderen vorbei, Bäume sind somit starke Symbole für Alter, Beständigkeit, Lebenskraft. Und nie ist ihre Form endgültig. Auch eine uralter, scheinbar abgestorbener Baum kann noch neue Triebe hervorbringen, selbst sein morsches, fauliges Holz dient anderen Pflanzen noch als Nährboden, Insekten als Wirtshaus.

Ein Baum, wie ihn der Südkoreaner Bong-Chae Son an der Galeriewand zeigt, ist gar poetisches, philosophisches Zeichen für ganzheitliches Dasein. Bongs unwirklich hellgrün fluoreszierender Baum ist alters-, holz- und blattlos. Und er stirbt nie, denn er ist ein kunstvoll-künstliches Ab- oder Sinnbild von einem Baum.

Die schemenhafte Idee vom Baum

Den natürlichen Kreislauf der Natur, dieses bei einem Baum extrem langsame, oft Jahrhunderte überdauernde Stirb und Werde setzt der Künstler hier kurzerhand auch mal aus, wenn jemand den Stecker zieht. In der Nacht etwa, wenn niemand die Galerie besucht. Sobald seine Lichtkästen verlöschen, in denen er heilige Bäume wie diesen grünen wachsen lässt. Und daneben einen tintenblauen, einen orangefarbenen, dazu schwärzlich braune und weiße. Da bleibt nur die Idee vom Baum: Schemenhaft nur sind Wurzel, Stamm, Äste, Zweige, Nadeln der Korea-Kiefer (Pinus koraiensis) zu sehen. Aber sie kann gut 500 Jahre alt werden.

Für die LED-Leuchten, mit denen der Südkoreaner die Galerie Schultz in einen ganzen Leuchtkästen-Wald verwandelt hat und wo sein grüner Baum und dessen Gefährten bald an steilen Berghängen in romantischem silbrigem Dunst verschwimmen, bald im gleißenden Licht erscheinen wie eine ’zigfache Fata Morgana, garantiert der Hersteller 50 Jahre Lebensdauer.

Aus jeweils fünf Kunstglasscheiben besteht solch ein Lichtkasten und zwischen jeder Scheibe „wächst“, schwebt, tanzt gleichsam aus einer schmalen Rinne ein mit feinem Pinsel in Öl gemalter Baum. Fünf Ebenen formen sich zu einem vollkommenen und doch durch die versetzte Anordnung stark irritierten Baumgebilde, das aber weder ein ganzer Baum noch ein in Scheiben geschnittenes Gewächs darstellt, sondern eine – akribisch gemalte – illusionistische und von der Wurzel bis zur Krone komplette Baum-Raum-Skulptur entsteht, die wir wie von einer Vorbühne aus betrachten und die ganze künstliche, meditative Baum-Magie auf uns wirken lassen, diesen ungeheuren Stillstand und zugleich eine scheinbare Bewegung der Pflanzen, verstärkt noch durch die künstliche Farbigkeit. Eine Künstlichkeit, die auch besagt, wie wichtig es ist, das Echte, Lebendige zu beschützen.

Symbolik und Poesie

Sein grüner Baum und auch etliche andere scheinen zu wandern – „sie sind Migranten“, sagt Bong. Andere scheinen zu schweben, wieder andere biegen sich im Sturm, aber sie brechen nicht: Das alles ist Symbolik, Materialästhetik bis hin zum Design, Poesie – und indirekte Abgründigkeit in einem.

Genau dieses Indirekte ist es, was den Berliner Galeristen Michel Schultz seit Jahren mit anhaltender Neugier nach Korea zieht. In seiner Galerie feierte ein Maler wie Norbert Bisky Erfolge; Schultz entdeckte und förderte Absolventen der Universität der Künste Berlin. Als er in der Klasse des Malers Georg Baselitz auf die Südkoreanerin SEO traf, erwachte das Interesse für die junge Kunst in deren Heimat. „SEO half mir, die Kulturschranke zu überwinden, in Seoul und Umgebung Kontakte zu knüpfen“, erzählt der Galerist. Und als er dann auf der Art Cologne eine südkoreanische Galeristin traf, folgte bald eine Reise nach Ostasien. Heute betreibt Schultz neben Berlin und Peking auch in Seoul eine Galerie. Südkorea erlebte durch ihn 2011 eine erste Gerhard-Richter-Schau.

Vor allem aber holt er die junge Kunst Koreas nach Berlin, zeigt hier, auf diesem inzwischen fast unüberschaubaren Marktplatz der Weltkunst aus West und Ost Nord und Süd, warum er „den koreanischen Stil“ so faszinierend findet: „Er besteht aus Zeichen, selbst in einem harmlosen Landschaftsbild gibt es versteckte Chiffren, die Gedanken und Gefühle vermitteln sollen. Aber das Direkte wird vermieden, umgangen. Der Betrachter muss alles entschlüsseln.“ Welche Herausforderung für den auf schnelles Erfassen, auf Oberflächlichkeit getrimmten westlichen Blick.

Michael Schultz, der von Korea sagt, dort sei eben alles anders als bei uns, steht bei seinen Reisen oft vor der doppelten hohen Betonmauer zwischen dem Süden und dem Norden des Landes, mit zehn Kilometern Niemandsland zwischen einer mühsam aufgebauten Demokratie und einer Diktatur. Die Berliner Mauer ist Geschichte, aber irgendwann will er auch die koreanische passieren. Sehen, wie sie dahinter ist: die Kunst. Und die Bäume, die der Seouler Künstler Bong emigrieren lässt. Denn Bäume bedeuten Leben ohne Grenzen.

Galerie Michael Schultz, Mommsenstr. 34. Bis 16. Juni. Di–Fr 10–19/Sa 10–14 Uhr. www.galerie-schultz.de