Als Kartenspielmuffel, den schon ein paar Runden Quartett oder Mau Mau mit der Enkelin ermüden, bleibt es der Verfasserin dieser Zeilen ein Rätsel, wie man das französische Algèbre de l’hourloupe zu spielen hat. 52 Spielkarten liegen im Karton. 52 Mal ein abstrakt-expressiv gestaltetes Kartenblatt in den Farben Rot und Blau mit Weiß auf schwarzem Grund, das Motiv so dynamisch wie wuchtig, so witzig wie grotesk, ganz anders, als die biederbildlichen 32 Spielkarten des deutschen Skats mit Bube, Dame, König, Ass, Schelle, Eichel, Grün, Herz.

Apropos Herz, in wackligem Umriss und simpel gestreift, wie von einem Kind gemalt, gibt es das auch bei Algèbre de l’hourloupe, jedenfalls auf den diesbezüglichen Spielkarten von Jean Dubuffet, 1968, die jetzt in der Berliner Kunstbibliothek zu sehen sind, neben 200 anderen grafischen Kostbarkeiten des Franzosen. Dubuffet, geboren 1901 in Le Havre, gestorben 1985 in Paris, war Maler, Bildhauer, Collagekünstler und als solcher prominenter Vertreter der Nachkriegsmoderne. Und er mochte das Kartenspiel.

„L’arbre“ (der Baum) auf der hier abgebildeten Karte hat Äste wie Greifarme einer monströsen Zange, blaue, rote und in den gleichen Farben gestreifte „Blätter“ und Ringelsockenwurzeln mit rotem Schuh. Das ganze Gebilde wirkt lustig, und rechts unten steckt seitlich das rot gestreifte Herz. Wer genug Fantasie hat, wird ein Baumwesen sehen. Und wer nicht, für den bleibt das Ganze ein grafisches Zeichen, so, wie bei dem Pop-Maler Roy Lichtenstein oder in der Graffiti-Kunst.

Vorreiter der Alltagszeichensprache

Dubuffet war quasi ein Vorreiter heutiger Alltags-Zeichensprachen, oft subversiver, unbändiger, roher und primitiver Ausdruck der Jugendkulturen. Schon er fand seinerzeit die Motivik an den Rändern der Gesellschaft. In seinen Augen war Kunst keine Beschäftigung für Eliten. Er war schon über vierzig und viele Jahre im Betrieb seines Bücher sammelnden bibliophilen Vaters als Weinhändler tätig, bevor er um 1944 zur Kunst fand, sich aber an kein Dogma, an keinen Stil oder Trend gebunden fühlte. Er malte betont naiv, nahm – wie einst schon die Expressionisten – die simplen, primitiven Gestaltzeichen der Urvölker auf, förderte den künstlerischen Ausdruck von Kindern, geistig Kranken, sogar von Sträflingen. Diese Bewegung nannte er Art brut, was so viel heißt wie rohe Kunst.

Dubuffet spielte mit Sprache und Gedrucktem. Über Wochen ließ er sich in der Pariser Druckerei Mourlot Frères in Drucktechniken unterweisen, besonders hatte es ihm die Lithografie angetan. Aber alles sollte so aussehen, wie von Laien, Kindern oder Irren gemalt und gezeichnet: ursprünglich, authentisch, fantastisch, unperfekt. Aber gerade darum so spontan, entwaffnend wahrhaftig, also auf gewisse Weise perfekt.

Auch Lautmaler

Es entstanden fantasievolle Gegenstücke zu den starren Maßstäben von Schönheit, exakter Rechtschreibung, akademischer Form und sogenanntem guten Geschmack. Mit seiner kuriosen Zeichensprache bedichtete der Franzose simples, billiges Papier. Und derweil man das zu entziffern sucht, im Hinterkopf Dubuffets Satz „Die wirkliche Kunst ist immer dort, wo man sie nicht erwartet!“, dringen einem murmelnd, pfeifend, fiepend aus Lautsprechern auch jene Originaltöne des Malers und Lautpoeten ins Ohr, die seit den 1940er-Jahren auf Schallplatten verewigt wurden.

Monsieur Dubuffets grafisches und lautpoetisches Werk, von den Grafiken über Spielkarten und Künstlerbüchern bis zu den Schallplatten sind ein Erlebnis. Letztere gehören der Kunstbibliothek und etliche grafische Originale den Sammlern Walther König und Egidio Marzona. Beide lieben den skurrilen, vor Fantasie berstenden Humor Dubuffets, der in „L’arbre“ gipfelt: Hier macht sich, scheint es, ein Baum in der Abenddämmerung (dunkler Hintergrund) auf den Weg. Dubuffet erzählt, dass der Baum sich am angewachsenen Ort ziemlich langweilte. Also gönnte er ihm, wie Hildegard Knef es so schön besang, „einen Tapetenwechsel“.

Kunstbibliothek, Staatliche Museen zu Berlin, Kulturforum, Matthäikirchplatz 6. Bis 17. Januar 2016, Di–Fr 10–18/Sa+So 11–18 Uhr. Tel.: 266 42 42 42. Internet: www.smb.museum/kb