Berlin - Im Schulunterricht lernen Kinder allerlei Dinge. Doch viele Eltern, Lehrer und Schüler sind inzwischen der Meinung, dass sie dabei nicht hinreichend auf das wahre Leben vorbereitet werden. In einer gerade veröffentlichten bundesweiten Forsa-Umfrage gab nur ein Drittel der befragten Eltern an, dass ihre Kinder in der Schule das nötige Rüstzeug für das Erwachsensein erhalten. Von den befragten Pädagogen waren sogar nur 44 Prozent dieser Meinung. Ein schwerwiegender Befund. Ist es tatsächlich so?

Die Frage stellt sich umso dringender, da viele Schüler inzwischen noch minderjährig sind, wenn sie die Schule verlassen. Gleichzeitig aber sind die Möglichkeiten und Herausforderungen in der digital vernetzten Welt größer geworden. Vielen Jugendlichen erscheint die Welt da immer unübersichtlicher.

Kinder verlieren Kreativität und Energie

In Berlin hat sich nun der 16-jährige Sekundarschüler Lucas Oeser in einem offenen Brief sein Unbehagen von der Seele geschrieben. „Das aktuelle Bildungssystem bereitet Kinder und Jugendliche kaum auf das Leben als Erwachsener vor“, schreibt der Schüler aus Köpenick in seinem Aufruf und teilt aus: „Durch die Schulen verlieren Kinder ihre Kreativität und Energie, werden in ein System eingezwängt, um nach über einem Jahrzehnt einen möglichst guten Schulabschluss zu haben.“

Wer Lucas Oeser persönlich trifft, ist überrascht. Der Schüler, der die elfte Jahrgangsstufe besucht, ist kein neunmalkluger Bescheidwisser. Er ist ein schlaksiger Junge mit rot-schwarz kariertem Hemd, der nachdenklich wirkt und vorsichtig, aber klar argumentiert. „Viele Jugendliche wissen überhaupt nicht, was Steuern sind, wie eine Versicherung funktioniert oder was bei einem Mietvertrag zu beachten ist“, sagt Lucas Oeser. „Stattdessen muss man im Matheunterricht Bruchgleichungen lösen oder in Deutsch monatelang Gedichtsanalysen anfertigen.“ Das erinnert an einen populären Tweet auf dem Kurznachrichtendienst Twitter, den eine Nutzerin namens Naina dort vor drei Jahren abgesetzt und massenhaft Zuspruch erhalten hatte: Sie können Gedichtsanalysen in vier Fremdsprachen schreiben, aber keine Steuererklärung machen, hatte sie geschrieben.

„Wir sollten Sachen lernen, die uns in Zukunft wirklich betreffen“

Lucas Oeser sieht das ähnlich und ist der Meinung, dass auch der digitale Wandel im Unterricht zu kurz kommt. „Wir merken, dass sich die Arbeitswelt mit der Digitalisierung radikal wandelt, letztens war die Industrie 4.0 auch bei uns mal Thema“, sagt er. Doch die Konsequenzen des digitalen Wandels würden im Unterricht kaum angesprochen. „Wir sollten Sachen lernen, die uns in Zukunft wirklich betreffen“, sagt er. Man könne auch mal die Grundlagen des Programmierens thematisieren. Überhaupt wünscht er sich wesentlich mehr Einblicke in die Arbeitswelt. „Ein zweiwöchiges Betriebspraktikum in Klasse zehn reicht da nicht aus.“

Grundsätzlich habe er aber überhaupt nichts gegen die Schule, sagt er. „Ich kann hier meine Freunde treffen, habe in den Pausen Spaß und lerne gelegentlich auch Wichtiges für die Zukunft“, sagt Oeser, der mit einem Notenschnitt von 2,2 nicht zu den schlechten Schülern zählt. Er sei es nur leid, unnötige Formeln zu lernen.

Bulimie-Lernen

Und wie ist es mit der Anstrengungsbereitschaft, die ja auch fürs Leben gelernt sein will? Muss man sich nicht bestimmte Dinge einfach erarbeiten? Lucas Oeser sagt, er wolle ja durchaus lernen. „Lernen muss auch nicht immer Spaß machen, aber es sollte nutzvoll sein.“ Hinforscher hätten doch längst herausgefunden, dass sich Menschen Dinge nur dann langfristig merken, wenn sie interessant und wichtig seien. Dann würden Schüler auch eine Kreativität entwickeln. Und Kreativität werde in einer zunehmend individualisierten Welt, in der es oft um technische oder künstlerische Innovationen geht, ja immer wichtiger. Das sagen mittlerweile auch anerkannte Bildungsforscher oder auch Lehrer. Reines Eintrichtern von Lernstoffen führe nur zum Bulimie-Lernen, heißt es. Den Unterrichtsstoff behalte kaum ein Schüler. Viele Lehrer würden sich verpflichtet fühlen, sich strikt an die Lehrpläne zu halten.

Ein anderer Punkt, den Lucas Oeser kritisiert, ist die mangelnde politische Bildung vieler Mitschüler. „Kaum jemand weiß, wofür welche Parteien genau stehen“, sagt er. Nicht wenige seiner Mitschüler im Berliner Südosten sympathisieren mit der AfD. Er wünscht sich da mehr anschaulichen Politikunterricht. Und überraschenderweise will Lucas Oeser selbst Lehrer werden. Man sollte ihn um Auge behalten.

Schule in Weißensee bietet das Fach "Herausforderungen" an

Nun ist es natürlich so, dass viele Berliner Schulen sich längst auf den Weg gemacht haben, um ansprechende Angebote zu machen. Viele Lehrer bieten vielfältigen Unterricht, in dem Film - oder Musiksequenzen per Smartboard eingespielt werden. Eine beeindruckende Lehrerpersönlichkeit kann Schüler auch mittels Frontalunterricht erreichen. Woanders geht man ganz neue Wege: Die Heinz-Brandt-Sekundarschule in Weißensee bietet etwa das Fach „Herausforderungen“ an. Schüler bereiten eine Alpenüberquerung vor und führen diese durch. Oder fahren wahlweise mit Skateboards und anderen Vehikeln bis an die Ostsee.

Noch weiter geht die Initiative „Neue Oberstufe Berlin“, die Alternativen zum starren Kurssystem in der Oberstufe sucht. Daran beteiligt ist die Evangelische Schule Zentrum, eine umtriebige Gemeinschaftsschule in Mitte. Hier finden stattdessen beispielsweise Projektwochen statt, in denen die Lehrer fächerübergreifend unterrichten. Es gibt tatsächlich Lernexpeditionen, in denen die Schüler selbst organisiert ihre Zeit in anderen Ländern verbringen können. Schüler können statt eine Klausur zu schreiben auch lieber selbst eine Unterrichtsstunde gestalten.