Nachdem Lehrer eines Oberstufenzentrums (OSZ) in einem Brandbrief die oft hohe Abbrecherquote an beruflichen Gymnasien öffentlich gemacht haben, ist in Berlin eine Debatte um den Wert des Abiturs entbrannt. „Das gesamte Schulsystem ist auf das Abitur ausgerichtet, man müsste die Gleichwertigkeit von akademischer und beruflicher Bildung viel stärker betonen“, sagte Ronald Rahmig, der Vorsitzende des Berufsschulverbandes. „In Berlin machen derzeit gut 40 Prozent eines Jahrgangs das Abitur und sind damit offiziell fähig, ein wissenschaftliches Studium abzuschließen.“ Man könne doch nicht ernsthaft glauben, dass dem auch so sei. „Selbst viele Menschen mit bestandenen Abiturprüfungen brechen ihr Studium wieder ab.“

Die Gymnasien würden ihre Schüler schon frühzeitig aussieben, sagte Rahmig weiter. Gerade an einigen beruflichen Gymnasien würden dann verstärkt Schüler die gymnasiale Oberstufe aufsuchen, die woanders abgelehnt worden seien. „Aber das ist je nach Schule natürlich anders“, sagte Rahmig. An den Oberstufenzentren, wo etwa Sozialpädagogen und Erzieher ausgebildet würden, seien die Abbrecherquoten wesentlich geringer. Man dürfe die Schüler nicht über einen Kamm scheren, aber einige seien fehlgeleitet, ziellos, hätten wenig Frustrationstoleranz und auch zu Hause kein günstiges Lernumfeld.

Dass der Übertritt in die gymnasiale Oberstufe vor gut zwei Jahren leichter gemacht worden ist, hält Rahmig, der selbst das OSZ für Kraftfahrzeugtechnik leitet, für einen Fehler. „Wir können nicht die Hürden niedriger hängen und dann die Schüler im Sumpf versinken lassen.“ Auch Grünen-Bildungspolitikerin Stefanie Remlinger sagte, es sei falsch, stets die Anforderungen zu senken, wenn die Leistungen von Schülern nicht mehr stimmten. Sie betonte, dass die angestrebte Gleichwertigkeit von akademischer und beruflicher Bildung erst dann erreicht sei, wenn tatsächlich besonders leistungsstarke Jugendliche sich für einen Ausbildungsberuf entscheiden würden. „Das erscheint mir elementar wichtig“, sagte Remlinger. Bedauerlich sei es, dass derzeit nicht für ganz Berlin konkrete Abbrecher-Zahlen an beruflichen Gymnasien vorliegen. Dazu kündigte sie eine parlamentarische Anfrage an.

Die OSZ-Lehrer hatten in ihrem Brief geschrieben, dass viele Schüler und Eltern einseitig auf das Abitur fixiert seien, zumal die Kriterien für den Übertritt in die gymnasiale Oberstufe zuletzt abgesenkt worden seien.

Hildegard Bentele, bildungspolitische Sprecherin der CDU-Fraktion, kritisierte diese Niveauabsenkung ebenfalls. Wichtig sei, dass auch Ausbildungsberufe mehr nachgefragt würden. Jetzt versuche die Bildungsverwaltung durch die Einführung eines 11. Pflichtschuljahres gegenzusteuern. Fraglich sei auch, ob die Sekundarschüler in dem vor Jahren neu geschaffenen Fach „Wirtschaft Arbeit Technik“ wirklich gut auf eine mögliche Berufswahl vorbereitet würden, zumal das Fach oft als Vertretungsreserve missbraucht würde. Bei der Linken hieß es, dass Unternehmen häufig ja nur noch Jugendliche mit Abitur als Auszubildende akzeptierten.

Ronald Rahming sagte, bei der geplanten Neuausrichtung der OSZ werde es darum gehen, für die Schüler gesichtswahrende Übergänge aus den beruflichen Gymnasien in eine betriebliche oder vollschulische Ausbildung zu finden.