Berlin - Viele Berliner Studienräte würden nur höchst ungern an einer Sekundarschule unterrichten statt an ihrem Gymnasium. Denn in der Sekundarschule gelten die Schüler als weniger leistungsstark und können sich oft nicht so begeistern für mathematische Knobeleien, die Lyrik der deutschen Romantik oder die amerikanische Literatur des frühen 20. Jahrhunderts. Doch künftig soll es Studienräte wie heute gar nicht mehr geben.

Das hat eine hochkarätig besetzte Kommission unter Leitung des Bildungsforschers Jürgen Baumert im Auftrag des Senates empfohlen. Schulsenatorin Sandra Scheeres (SPD) will daraus ein neues Lehrerbildungs-Gesetz machen.

Für Sekundarschulen und Gymnasien soll es in Berlin nur noch einen gemeinsamem Lehramtsstudiengang geben. Bisher gibt es verschiedene Lehrertypen: den Studienrat, der vornehmlich an Gymnasien und gymnasialen Oberstufen von Sekundarschulen tätig ist, und den auf nur ein Fach spezialisierten Lehrer, der in der Regel von der 1. bis zur 10. Klasse eingesetzt wird. Der Berliner Gymnasialleiterverband warnte angesichts der geplanten Neuregelung bereits vor dem „Einheitslehrer“.

Warnung vor einem "Irrweg"

Am Montag hat auch die Bundesspitze des Deutschen Philologenverbandes die Neuregelung, die deutschlandweit einmalig wäre, heftig kritisiert. „Die geplante Verschmelzung der Lehrerbildung wird genau das beseitigen, was den Gymnasiallehrer auszeichnet“, sagte Vorstandsmitglied Andreas Bartsch. „Nämlich Gymnasiasten von Anfang an auf die Studierfähigkeit vorzubereiten.“ Das geplante Modell würde zu einer leistungsabgewandten Nivellierung führen und sei ein „Irrweg.“ Würde das Konzept so umgesetzt, koppele sich Berlin komplett ab. „Kaum ein Berliner Bewerber würde noch eine Anstellung in anderen Bundesländern finden“, sagte Bartsch.

Kritik übte am Montag auch der Präsident der Humboldt-Universität Jan-Hendrik Olbertz an den Empfehlungen der Baumert-Kommission. „Hier widerspricht sich die Kommission selbst, wenn sie an verschiedenen Stellen ihres Berichts auf die Unterschiedlichkeit der schulischen Bildungsgänge aufmerksam macht“, sagte Olbertz.

Befürworter: Reform entspricht Schulwirklichkeit

Baumert selbst begründete seine Empfehlung damit, dass es sowohl an Sekundarschulen wie auch an Gymnasien darum gehe, auf die unterschiedlichen Voraussetzungen der Schüler einzugehen. Auch wenn die Leistungsstreuung an Sekundarschulen noch größer sei, variierten doch mittlerweile auch die Fachleistungen der Gymnasiasten sehr. Ein neuer gemeinsamer Studiengang könne den angehenden Lehrern dabei helfen, die Lernschwierigkeiten von Schülern besser zu diagnostizieren, Schüler zu motivieren und zu fördern, sagte Baumert. Das müsse künftig für Lehrer aller Schulen gelten. Selbst in der Lernmotivation gebe es zwischen den Schülern der beiden Schultypen kaum Unterschiede.

GEW-Chefin Sigrid Baumgardt lobte wie die Grünen Baumerts Plan, weil die Lehrerbildung damit in der Realität angekommen sei. Baumgardt wies darauf hin, dass bereits heute Lehrer ohne Studienrats-Laufbahn in der gymnasialen Oberstufe von Sekundarschulen unterrichten. Katrin Schultze-Berndt (CDU), Schulstadträtin von Reinickendorf, warnte hingegen davor, alles zu vereinheitlichen.