Berlin - Das gemeinsame Zentralabitur von Berlin und Brandenburg steht vor dem Aus. Bereits 2014 soll der Anteil der Aufgaben, die nur den brandenburgischen Schülern gestellt werden, deutlich erhöht werden. Für 2015 rechnet man in Potsdam damit, dass es das bislang existierende gemeinsame Zentralabitur in den Fächern Deutsch, Mathe, Englisch und Französisch in der heutigen Form womöglich nicht mehr geben wird. Das bestätigte am Donnerstag Bildungsministerin Martina Münch (SPD).

Brandenburg reagiert damit auf massive Eltern- und Schülerproteste: Diese sahen die brandenburgischen gegenüber den Berliner Schülern erheblich benachteiligt. Verständlicherweise. Denn Brandenburg hat inzwischen Leistungs- und Grundkurse abgeschafft, setzt auf Kernkompetenzfächer – wie Mathe oder Deutsch – mit nur vier Stunden pro Woche.

Berliner Schüler hingegen wählen zwei Leistungskurse mit je fünf Stunden pro Woche. Ein Berliner Schüler mit Leistungskurs Mathe hat also pro Woche eine Stunde mehr Matheunterricht als ein märkischer Schüler. Da bleibe die Vergleichbarkeit beim Zentralabitur auf der Strecke, denn die Berliner Schüler hätten mehr Unterrichtszeit zum Lernen, empörten sich die Kritiker.

Irritationen in Berlin

Das Aus für das gemeinsame Zentralabitur zweier Bundesländer wäre von besonderer Brisanz, weil sich alle Bundesländer bis 2017 eigentlich auf gemeinsame Abiturstandards und einen gemeinsamen Aufgaben-Pool einigen wollen. Wenn es aber noch nicht einmal im Kleinen funktioniert, wie sollen sich dann 16 Bundesländer auf irgendetwas einigen?

Brandenburg prüfe nun, sich bereits 2015 an der Ländergruppe zu beteiligen, die schon etwas früher gemeinsame Abi-Standards entwickeln und auf einen gemeinsamen Aufgaben-Pool zurückgreifen will, sagte Bildungsministerin Münch. Die Zusammenarbeit mit Berlin werde aber fortgesetzt, so werde es weiter gemeinsame 10. Klasse-Prüfungen geben.

In der Berliner Bildungsverwaltung reagierte man irritiert auf die Potsdamer Vorstöße. Die Abitur-Aufgaben für 2014 seien bereits in Entwicklung. Andernfalls bräuchte das gemeinsame Landesinstitut für Schule und Medien mehr Personal, um unterschiedliche Aufgaben zu entwickeln.

Unterschiedliche Ausgangslagen

Das gemeinsame Zentralabitur war in Berlin und Brandenburg erst zum Schuljahr 2009/10 eingeführt worden und sollte ursprünglich auf weitere Fächer ausgedehnt werden. Doch zwei Jahre später beschloss Brandenburg dann, statt den Leistungskursen sich künftig auf Kernfächer zu beschränken. 2014 treten die ersten Schüler aus dem neuen System zum Abitur an. Mit dem Kernfächer-Modell reagierte Potsdam in erster Linie auf die demografische Entwicklung im Land.

„Die Zahl der Grundschulen hat sich fast halbiert“, sagte der Potsdamer Ministeriumssprecher Stephan Breiding. „Um im ländlichen Raum überhaupt noch eine gymnasiale Oberstufe anbieten und finanzieren zu können, haben wir uns auf Kernfächer fokussiert.“ Ein Kursangebot aus verschiedenen Leistungs- und Grundkursen sei angesichts stetig sinkender Schülerzahlen zu teuer für Brandenburg und würde nicht genügend nachgefragt.

In Berlin hingegen ist die Situation völlig anders: Hier konkurrieren Oberschulen auf engstem Raum um Schüler und bieten bestimmte Schulprofile mit teils ganz speziellen Fächerkombinationen an. Doch ähnlich wie Brandenburg konzentriert sich inzwischen auch Baden-Württemberg auf Kernfächer. Im DDR-Schulsystem war das früher ähnlich.

Die Zeit drängt: Abituraufgaben werden über einen Zeitraum von mehreren Jahren entwickelt und getestet. Deshalb wird es in diesem Frühjahr noch ein gemeinsames Zentralabitur in Berlin und Brandenburg geben.