Bildungspolitik: Gibt es gute Bildung nur für Besserverdiener?

Für die 32.000 Berliner ABC-Schützen war das vergangene Wochenende vermutlich eines der aufregendsten ihres bisherigen Lebens. Für ihre Eltern mag es auch ein Tag gewesen sein, an dem sie sich überlegten, was auf ihre Kleinen in den nächsten Jahren wohl zukommt.

Noch ist völlig unklar, welche Talente die neuen Schülerinnen und Schüler haben, ob sich hier womöglich ein rebellischer Jahrgang entwickelt oder die meisten von ihnen brav und zielstrebig lernen werden. Eines kann man aber jetzt schon sagen: Die Kinder werden mehr Chancen haben, einen guten Abschluss zu erreichen, wenn ihre Eltern gut verdienen.

Diese traurige Binsenweisheit kann in Berlin nun auch mit einer konkreten Zahl unterlegt werden: 3,7 Prozent. So klein ist an Berliner Privatschulen der Anteil von Kindern, deren Eltern arm sind. Die Armut definiert sich darin, dass sie so wenig Geld haben, dass sie auch von der Zuzahlung für die Schulbücher befreit sind; „lmb“ nennt sich das in Berlin, lernmittelbefreit. 3,7 Prozent lmb-Kinder hat die Schulsenatsverwaltung jetzt auf Anfrage des SPD-Abgeordneten Joschka Langenbrinck ermittelt.

Er hat dafür ziemlich lange ziemlich hartnäckig nachfragen müssen, denn auch für die Schulverwaltung ist dies keine angenehme Erkenntnis. Dennoch muss sie ausgesprochen werden: Die Privatschulen in Berlin sind vermutlich eine Bereicherung der Schullandschaft, ganz sicher aber sind sie es in der Regel nur für Besserverdiener.

Wer will nicht das Beste für sein Kind?

Spätestens am Ende der Grundschulzeit, wenn es an die Wahl der weiterführenden Schule geht, fragen sich viele Eltern, ob ihr Kind an einer Privatschule besser lernen würde. Die Rechnung ist einfach: Kleinere Klassen bedeuten bessere Betreuung, bedeuten bessere Noten, bedeuten besseren Abschluss – und damit bessere Berufs- und Studienchancen.

Wenn die Schule dann noch günstig zu erreichen ist, wie es auch die SPD-Politikerin Manuela Schwesig für ihren Sohn ermittelt hat, ist das schon ein verführerisches Angebot. Wer will nicht das Beste für sein Kind? Wenn man es sich doch leisten kann! Und die Kinder der Gutverdiener treffen dort angenehmerweise vor allem auf Ihresgleichen.

So paradox es klingen mag: Wer keine Zwei-Klassen-Gesellschaft im Schulbereich möchte, muss den Privatschulen mehr Geld geben. Bisher deckt die öffentliche Hand rund 93 Prozent der Personalkosten anerkannter Privatschulen. Für den Rest müssen die Schulen selbst aufkommen, die dann ein entsprechendes Schulgeld verlangen. Auch von Hartz-IV-Empfängern.

Mit einem neuen Finanzierungsmodell könnte das Land zumindest indirekt auf die Auswahl der Schüler Einfluss nehmen. Wenn das Land Berlin die Privatschulen zu 100 Prozent finanziert, darf es auch fordern, dass die Schülerschaft sozial ausgewogener durchmischt wird. Vor allem aber wären die Privatschulen dann eine ehrlichere Konkurrenz zu den öffentlichen Schulen.

Die Inklusion kommt schlecht vorbereitet und schlecht finanziert

Dort herrscht – nicht immer, aber noch zu oft – eine reflexartige Abwehr gegen alles Neue, egal, ob es sich um neue Lehrpläne oder die Auseinandersetzung mit neuen Inhalten handelt. Das hat natürlich auch etwas damit zu tun, dass den Lehrern einiges an Reformen zugemutet wurde, die sich nicht immer als sinnvoll erwiesen haben. Jahrelang wurden die Grundschulen mit dem jahrgangsübergreifenden Lernen zwangsbeglückt.

Erst als fast alle Schulen ihre meist schlechten Erfahrungen damit gemacht hatten, wurde es wieder abgeschafft. Auch mit der Einschulung der Fünfjährigen ging das so. Und nun kommt die Inklusion, schlecht vorbereitet und noch schlechter finanziert, wird auch diese Reform für Unruhe und Streit sorgen.

Die maroden Schulbauten, an denen vor allem die Bezirke schuld sind, sollen nur am Rande erwähnt werden. Ist es da kein Wunder, dass die Eltern, die es sich leisten können, eine Escape-Strategie wählen?

Hoffentlich wird Bildungspolitik bald zur Aufgabe des Bundes

Eine kluge staatliche Schulpolitik sollte daher die Konkurrenz der Privatschulen annehmen. Das aber setzt voraus, dass die Schulsenatorin sich nicht scheut, Konflikte einzugehen und die Probleme ohne ideologische Scheuklappen anzugehen. Leider fehlt uns das in Berlin. Der verdruckste Umgang mit den Zahlen der Privatschüler ist dafür ein kleines aber sehr beredtes Beispiel. In Berlin hält man die Probleme lieber unter der Decke – eine schlechte Strategie angesichts der vielen ungelösten Probleme.

Vielleicht kommt die Rettung ja von außerhalb. Wenn dieser Wahlkampf endlich vorüber ist, könnte die Bildung womöglich zum Bundesthema werden. Den Schülern ist es zu wünschen. Damit jede und jeder von ihnen optimale Chancen hat.