Berlin - Berlin ist das Bundesland, in dem die Kinder am frühesten eingeschult werden, nämlich schon ab fünfeinhalb Jahren. Jetzt aber zweifelt selbst die Senatsverwaltung für Bildung an dieser vor acht Jahren eingeführten Praxis. Wegen teils heftiger Kritik von Eltern und Grundschullehrern sollen nach dem Willen von Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) nun Wissenschaftler herausfinden, ob die frühe Einschulung überhaupt gut ist für die Kinder.

„Es ist vorgesehen, einen Auftrag für eine wissenschaftliche Untersuchung zum Schuleintrittsalter zu vergeben“, schrieb die für Grundschulen zuständige Referatsleiterin Dagmar Wilde gerade an die Grünen-Fraktion im Abgeordnetenhaus. Damit reagierte die Bildungsverwaltung auf einen Gesetzentwurf der Grünen, das Einschulungsalter wenigstens um einige Monate heraufzusetzen.

CDU will später einschulen

Wird nun also bald das Einschulungsalter wieder heraufgesetzt? Der Koalitionspartner von der CDU wünscht sich das jedenfalls. „Eine Evaluation ist ein Schritt in die richtige Richtung“, sagte Hildegard Bentele, schulpolitische Sprecherin der CDU-Fraktion, am Freitag der Berliner Zeitung. „Es spricht viel dafür, den Stichtag wieder so zu legen, dass sechs Jahre das reguläre Einschulungsalter ist.“ Dann sei das Kind in der Regel schulreif. „Frühere Einschulung sollte weiterhin möglich sein, wenn die Eltern das wollen und nachweisen können, dass das Kind schulreif ist“, sagte Bentele. Ähnlich sieht das auch Günter Peiritsch vom Landeselternausschuss.

Mit dem Schulgesetz von 2004 war die Schulpflicht um ein halbes Jahr vorgezogen worden. Alle Kinder eines Jahrgangs sind seither schulpflichtig. Auch die Kinder, die bis Ende März des Folgejahres geboren wurden, können auf Wunsch der Eltern noch eingeschult werden – das sind die sogenannten Kann-Kinder.

Gleichzeitig machte Berlin damals – unmittelbar nach dem „Pisa-Schock“ – für alle Grundschulen das Jahrgangsübergreifende Lernen (JüL) zur Pflicht. Erst- und Zweitklässler, mitunter auch Drittklässler wurden fortan in altersgemischten Lerngruppen unterrichtet, sollen individuell nach ihrem eigenen Lerntempo lernen. In einer solchen, oft spielerischen Lernatmosphäre könnten sich auch Fünfjährige gut an den Schulalltag gewöhnen, hieß es damals.

Doch das gilt heute oft nicht mehr. Den Grundschulen ist es mittlerweile freigestellt, ob sie an JüL festhalten oder wieder eher herkömmlichen Unterricht in Jahrgangsklassen anbieten. Schon ein Drittel aller Grundschulen hat sich von JüL abgewandt. „Es gibt keinerlei Studien, die belegen, dass eine frühe Einschulung den Lernerfolg von Kindern steigert“, sagte Grünen-Bildungspolitiker Özcan Mutlu. Das weiterhin schlechte Abschneiden der Berliner Schüler bei Leistungsuntersuchungen spreche für sich. Mittlerweile wiederholen 14 Prozent die zweite Klasse, hatte Mutlu mit einer parlamentarischen Anfrage herausbekommen.

Jedes zehnte Kind zurückgestellt

Grundschullehrer berichten, dass oft noch sehr verspielte Kinder eingeschult werden, die nicht selten keine Schere halten und sich im Unterricht kaum konzentrieren können. Schon heute lassen Eltern jedes zehnte schulpflichtige Kind zurückstellen. Das geht trotz eines bürokratischen Verfahrens wieder. Unmittelbar nach der Einführung der Reform hatten Eltern jahrelang kaum eine Chance, ihr Kind zurückstellen zu lassen. Heute ist es oft so, dass eher fürsorgliche Eltern davon Gebrauch machen. Eltern, die als bildungsfern gelten, wissen von dieser Möglichkeit oft nichts und erschweren ihren Fünfjährigen mit einer frühen Einschulung mitunter den Schulstart.