Bildungssenatorin Sandra Scheeres will mehr Deutschunterricht an Berlins Schulen

Berlin - Hektisch geht es zu an diesem Mittag im Büro von Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD). Mitarbeiter wuseln herum. Gleich muss sie zu einem Treffen mit dem Handwerkskammerpräsidenten, doch zunächst ist kein Fahrer verfügbar. Draußen quietschen Straßenbahnen auf ihren letzten Metern zum Alexanderplatz vorbei. Kurz bietet sich die Gelegenheit für ein Gespräch.

Frau Scheeres, die Ergebnisse der Zehntklässler-Abschlussprüfungen fielen zuletzt ernüchternd aus. Ausgerechnet an den vor zehn Jahren neu geschaffenen Sekundar- und Gemeinschaftsschulen stieg die Anzahl der gescheiterten Schüler deutlich an. Wirkt Ihre Schulreform nicht?

Das hat mich nicht zufriedengestellt. Zum vollständigen Bild gehört aber, dass an diesen Schulen die Anzahl der geflüchteten Jugendlichen deutlich gestiegen ist – und die Zahl der Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf ebenfalls. Andererseits haben wir in den vergangenen Jahren zusätzliche Lehrkräfte sowie Sonderpädagogen eingestellt und ein Sprachförderzentrum eingerichtet. Da müssen wir genauer hinschauen. In den bürgerlichen Stadtteilen können wir übrigens sehr gut mithalten mit den Ergebnissen in anderen Bundesländern.

Sie planen Maßnahmen zur Qualitätsverbesserung an den Schulen. Wie sieht das konkret aus?

Es gibt bereits den 2013 zuletzt aktualisierten Leitfaden zur Schulqualität. Aber vor dem Hintergrund der jüngeren Schulleistungsdaten habe ich beschlossen, dass wir da noch einmal ran müssen. Deshalb hat eine von mir eingesetzte Arbeitsgruppe konkrete Maßnahmen erarbeitet.

Welche sind das?

Wir werden uns in der Grundschule noch stärker auf die Kernfächer Deutsch und Mathematik fokussieren. Gutes Deutsch ist Grundvoraussetzung, um im Unterricht mitzukommen und Texte sinnvoll zu erfassen. Wir werden in den Grundschulen eine Stunde mehr Deutsch pro Woche anbieten. In der ersten Klasse werden es statt bisher sechs künftig sieben Stunden sein, in den Klassen 2 bis 4 soll es jeweils acht statt bisher sieben Stunden geben. Wir wollen das schrittweise ab dem nächsten Schuljahr einführen.

Was soll besonders geübt werden?

Es geht uns um das Einüben von Textverständnis und Leseflüssigkeit. Und dieses Stundenvolumen muss verbindlich angeboten werden. Das war in der Vergangenheit nicht immer der Fall.

Wie viele zusätzliche Lehrer benötigen Sie dafür?

Im ersten Schritt rund 100 Lehrkräfte. Deutschlehrer sind ja durchaus zu finden.

War also das bisherige Konzept der Sprachförderung nicht so zielführend wie gewünscht?

Sprachförderstunden sind sehr sinnvoll. Die Schulen gehen damit allerdings unterschiedlich um, wie wir bemerkt haben. An der einen oder anderen Stelle werden die personelle Ressourcen nicht unbedingt für den ursprünglich vereinbarten Zweck eingesetzt.

Werden Sie Personal umschichten?

Womöglich an mancher Stelle. Wir müssen da die Haushaltsverhandlungen abwarten.

Welche weiteren Maßnahmen planen Sie?

Wir möchten uns die Unterrichtsentwicklung und die individuelle Förderung vor Ort in den Schulen genauer anschauen. Deshalb soll es zukünftig jährliche Lernstandserhebungen geben. Derzeit haben wir ja den Lernausgangslage-Test in der 1. Klasse sowie die Vergleichsarbeiten für Drittklässler. Es besteht also eine Lücke: Ich möchte, dass jedes Jahr bis zur 6. Klasse eine Lernstanderhebung durchgeführt wird. Wir können so besser erkennen, wie sich die Lernleistungen eines Kindes entwickeln – und wo Grundschüler Förderbedarf haben. Viele Schulen machen so etwas bereits, aber nicht alle.

Manche Lehrer werden sich über noch mehr Arbeit beschweren ...

Ich will an anderer Stelle für Entlastung sorgen. Danach müssten Lehrkräfte die Testergebnisse der Vergleichsarbeiten nicht mehr selbst korrigieren und ins System eintragen. Das würde das Institut für Schulqualität übernehmen.

Welche Rolle spielt die Schulaufsicht?

Es soll jährliche Bilanzgespräche und Zielvereinbarungen zwischen Schulaufsicht und Schulleitung geben, die in Verträgen münden. Mit unserem Indikatorenmodell erfassen wir bereits wichtige Daten wie die Anzahl der Schulabbrecher, die Schwänzer oder den Unterrichtsausfall. Eine Schule muss sich damit auseinandersetzen, wenn sie eine hohe Abbrecherquote hat. Eine andere Schule kann sich ruhig mal für besonders gute Ergebnisse feiern.

Und wie sollen die Mathe-Kenntnisse der Schüler gefördert werden?

Auch hier wollen wir jährliche Lernstanderhebungen einführen. Wir werden bestimmte Unterrichtsmaterialien empfehlen. Das Landesinstitut Schule und Medien soll seine Fortbildungen besonders auf Mathematik konzentrieren.

Wie ist das in den Kitas?

In den Kitas beschäftigen sich die Kinder bereits heute im Rahmen des Bildungsprogrammes mit Zahlen. Uns geht es darum, dass sich die Kleinen noch intensiver mit Zahlenräumen auseinandersetzen. Hamburg hat dazu letztens eine Studie präsentiert, die wir auch interessant finden. Zusätzliche Mathe-Unterrichtsstunden wird es aber nicht geben.

Dazu würden Sie auch kaum die nötigen Fachlehrer finden. Neuerdings prüfen Sie die Rückkehr zur Lehrerverbeamtung in Berlin. Sind Sie zu einem Ergebnis gekommen?

Wir prüfen die Vor- und Nachteile ergebnisoffen. Wichtig ist es mir, die Lehrkräfte in Berlin zu halten. Eine Verbeamtung würde den Personalmangel womöglich lindern, aber nicht komplett beheben.

Sie befinden sich nun in der Mitte Ihrer zweiten Amtszeit. Was sind aus Ihrer Sicht Ihre größten Erfolge?

Die Anhebung des Grundschullehrergehaltes auf das Niveau der Studienräte an Gymnasien. Denn die Arbeit von Grundschullehrkräften mit kleineren Kindern ist nicht gleichartig, aber gleichwertig. Hier werden die Grundlagen gelegt. Gut ist auch, dass jetzt die Strukturen und die Finanzierung für den großangelegten Schulbau stehen. 5,5 Milliarden Euro hat Berlin in den kommenden Jahren für den Schulbau zur Verfügung! Wir haben neue Raumkonzepte für die Schulgebäude der Zukunft erstellt und dabei viele Beteiligte einbezogen. Wir haben zudem erstmals konkret Geld für Begabungsförderung zur Verfügung. Talente müssen auch gefördert werden. Und natürlich haben wird beim Kita-Ausbau einiges geschafft. Es bleibt viel zu tun, keine Frage.

In unserer Forsa-Umfrage steht die Bildungssenatorin Scheeres seit vielen Monaten an letzter Stelle. Woran liegt das?

Bildungssenatoren und -minister haben es immer schwer. Viele Emotionen spielen rein, jeder redet bei dem Thema mit und hat seine eigene Meinung. Das ist keineswegs schlecht! Ich spreche regelmäßig mit allen Beteiligten und bekomme auch andere Einschätzungen gespiegelt.

Sie sind als Kind einer alleinerziehenden Mutter aufgewachsen und haben im klassischen SPD-Sinne eine Bildungsaufsteigerkarriere hingelegt. Wieso sprechen Sie kaum darüber?

Ich spreche das durchaus an, etwa als wir das Alleinerziehenden-Konzept für Berlin erarbeitet haben. Ich sage dann, dass ich weiß, was das bedeutet, alleinerziehend zu sein.

Was bedeutet es?

Das ist ein harter Kampf, Alleinerziehende haben es oft doppelt so schwer. Natürlich gibt es unterschiedliche Familienkonstellationen. Aber viele Frauen müssen alles mit sich selber ausmachen, haben weniger Geld zur Verfügung. Demzufolge müssen die Kinder oft auch mehr leisten.

Derzeit laufen die Tarifverhandlungen für den öffentlichen Dienst. Was erwarten Sie?

Ich sage schon seit langem, dass Erzieherinnen mehr verdienen müssen. Finanzsenator Matthias Kollatz hat sich in der letzten Runde der Tarifgemeinschaft der Länder ebenfalls für eine Besserstellung der Erzieherinnen eingesetzt und immerhin eine Zulage von 80 bis 100 Euro erreicht. Das ist angesichts der gewachsenen Verantwortung in diesem Beruf aber nicht ausreichend. Dieses Mal geht es darum durchzusetzen, dass Erzieher deutlich mehr verdienen. Ob über eine höhere Eingruppierung oder über eine Zulage müssen die Arbeitgebervertretungen und Gewerkschaften verhandeln.