Bildungssenatorin Sandra Scheeres.
Foto:  dpa 

BerlinIn Berichten über den Skandal an der Staatlichen Ballettschule ist hohe Vorsicht geboten, wenn sich die Zeitung nicht die Position der Bildungsverwaltung einverleibt. Diese droht schnell gereizt mit juristischen Konsequenzen, schon wegen angeblich falscher Formulierungen. Kurzer Rückblick: Am 17. Februar wurden der Schulleiter Ralf Stabel und Gregor Seyffert, der künstlerische Leiter der Ballettschule, von ihren Aufgaben suspendiert. Sie sollen Fällen von Mobbing, Bodyshaming und Essstörungen nicht ausreichend nachgegangen sein, so SPD-Senatorin Sandra Scheeres. Bis heute wurden beide Leiter nicht dazu angehört. Das ist Fakt.

Doch man darf ihn nicht schreiben ohne den Zusatz, dass die Leiter die Gelegenheit dazu verstreichen ließen. Verstreichen? Die Einladung sandte die Verwaltung um 12.48 Uhr für 15.30 Uhr desselben Tages per Mail aus, der Schulleiter auf Außentermin fand sie eine Stunde vor dem Termin, bat sofort um Verschiebung. Er wollte mit Anwalt dorthin. Bei Seyffert war die Frist noch knapper. Die Bitte blieb bis heute ohne Antwort. Beide Leiter erhielten sofort Hausverbot.

So geht Sandra Scheeres mit zwei Professoren um, die die Schule zu einer der weltweit führenden Ballettschulen befördert haben. Sie schmückte sich gern mit ihr. Bis im Januar ein Dossier mit unerhörten Vorwürfen gegen die Schule bei ihr einging, darunter Verleumdungen, die bis zu Missbrauch und Suizidversuchen reichen. Die anonymen Verfasserinnen verteilten ihr Dossier an Medien und Bildungspolitiker. Der Skandal nahm seinen Lauf.

Anstatt den Vorwürfen sofort nachzugehen, wartete die Senatorin ab und suspendierte die Leiter sechs Wochen später. Dann setzte sie drei Gremien ein, um die Vorwürfe nachzuweisen: eine Expertenkommission, eine Clearingstelle, Wirtschaftsprüfer. Die Stelle des Schulleiters schrieb sie im März aus, ohne eine Untersuchung abzuwarten. Sie schafft erst Fakten, sucht dann nach Beweisen.

Zu Scheeres' Systematik gehört, dass zu den Experten kein Tanz-Profi gehört. Dass sie Anfang Mai einen Zwischenbericht präsentieren lässt, zu dem die Geschassten erneut nicht befragt wurden – der Termin ist erst für Mitte Mai angesetzt. Die Senatorin lässt ohne Not alle Facetten von Fürsorgepflicht für ihr Spitzenpersonal fallen, um Ergebnisse zu präsentieren. Den Zwischenbericht stellt sie sogar auf die Website des Senats, damit sich jeder ein Urteil bilden kann über die schrecklichen Zustände an der Schule. Denn schrecklich sieht er aus, der Bericht, wie aus einer Züchtigungsanstalt, elf Seiten über Versagen und Missstände.

Ist das die Schule, in der früher bei Besuchen diese Unmengen fröhlicher Kinder durchs Haus sprangen? Wie wurde eigentlich in der geschlossenen Schule die „Kultur der Angst“ evaluiert? Den ständig zitierten Begriff übernimmt der Bericht lässig aus dem Dossier – er ist so schön allgemein, assoziativ, klingt nach Systematik. Konkret heißt es dagegen, Angst hätten die Kinder vor allem davor, die Schule verlassen zu müssen, weil sie nicht gut genug sind. Problematisch, klar, nur ist es das Wesen des Leistungssports, dass nur die Besten es an die Spitze schaffen.

Ob an der Schule stets alle Lehrer ohne Grenzüberschreitung unterrichteten, ob gegen sie vorgegangen wurde, ob die Leiter Missstände bewusst oder unbewusst duldeten – wir wissen es nicht. Auch Scheeres und die Kommission wissen es nicht, sonst könnten sie irgendein konkretes Ergebnis präsentieren – Fälle mit Namen, Ort, Zeit, Beschuldigung, wie beim Ballettschulskandal in Wien. Dann wären die Leiter längst gekündigt. Vorher gilt normalerweise die Unschuldsvermutung. Nur hier nicht. Hier wird seit Monaten mit Behauptungen eine Rufmordkampagne geführt, die aus den Medien nun den Sprung auf die Senatswebsite nahm.

Der Richter verlangte konkrete und substantiierte Vorwürfe, also Beweise. Ihm reichen die Behauptungen der Kommission nicht; beim Gütetermin vor Gericht am Montag wurde das dem Anwalt der Verwaltung klar gemacht. Skandalös sind die Fehler von Scheeres. Falls auch die beiden Leiter skandalöse Fehler begangen haben, muss das erst bewiesen werden. Immerhin daran hat das Gericht keinen Zweifel gelassen.