Berlin - Bildungsbewusste Eltern wählen für ihre Kinder meist nur Grundschulen mit besonders gutem Ruf – und tragen so dazu bei, dass in Berlin Grundschulen erster und zweiter Klasse entstanden sind. Die Schülerschaft wird immer mehr sozial entmischt.

Die Bildungschancen von Kindern aus migrantischen und armen Familien sinken. Das ist, grob gesagt, das Ergebnis einer neuen Erhebung, die der Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration am Mittwoch vorgestellt hat.

Weniger leistungsbereite Schüler

„Da die tatsächliche Qualität einer Schule häufig nicht in Erfahrung gebracht werden kann, nehmen viele Eltern den Zuwandereranteil als Indiz für das Leistungsniveau der Schule“, kritisierte Forscherin Gunilla Fincke. Ist der Zuwandereranteil hoch, beantragen besonders Eltern aus der Mittelschicht eine Ummeldung oder ziehen um. Nicht selten klagen sie auch vor Gericht, einige melden sich nur zum Schein um, andere nutzen Privatschulen. Das führe dazu, dass an den gemiedenen Schulen nur wenige leistungsbereite Schüler verbleiben und weniger Deutsch gesprochen wird. „Leistung gilt an solchen Schulen auch als nicht cool“, so Fincke. Die Folge: Viele Schüler lernen dort nicht genug, können lange kaum lesen oder rechnen.

In Mitte, Friedrichshain-Kreuzberg, Neukölln und Charlottenburg-Wilmersdorf ist an gut jeder fünften Grundschule der Zuwandereranteil doppelt so hoch wie der tatsächliche Anteil unter den 6- bis 12-Jährigen im Einzugsbereich der Schule. Wie viele Migrantenkinder es an der Schule gibt, ist für Eltern gut ablesbar – auf den Schulporträt-Internetseiten der Bildungsverwaltung. Oft liegen Schulen, die sich völlig unterschiedlich entwickeln, in direkter Nachbarschaft: Eltern der Kreuzberger Lenau-Grundschule beklagten sich jüngst erst in einem offenen Brief darüber, dass an ihrer Schule der Migrantenanteil doppelt so hoch sei wie an den beiden benachbarten Schulen – der Reinhardswald- und der Charlotte-Salomon-Grundschule.

Mehr Kooperation zwischen Schulen und Eltern

Die Eltern zeigten sich besonders empört, weil die Bevölkerungsmischung in der Wohngegend rund um den Bergmann-Kiez sehr ähnlich ist. Und sie verwiesen darauf, dass die beliebte Reinhardswald-Schule sogar auf ihrer Internet-Seite damit warb, dass „die Eltern- und Schülerschaft nicht der statistischen ethnischen und soziografischen Struktur des Einzugsbereiches entspricht“. Nach einem Anruf der Schulaufsicht nahm der Leiter der Reinhardswald-Schule diesen Passus aus dem Netz.

Gunilla Fincke empfiehlt eine stärkere Einbeziehung der Eltern und eine Kooperation mit Kultureinrichtungen, um mehr bildungsorientierte Eltern zu erreichen. Zudem sollte es eine koordinierte Fortbildung für das gesamte Lehrerkollegium geben. „Eltern sollten auch keine Pauschalurteile über Schulen mit hohen Migrantenanteil treffen“, sagte Fincke. In den Schulinspektionsberichten könne man neuerdings nachlesen, wie gut eine Schule wirklich sei. Ein guter Schulleiter sei oft entscheidend.

Die Reinhardswald-Schule ist auch deshalb attraktiv, weil sie Französisch als erste Fremdsprache anbietet. An vielen Schulen gibt es bereits Gruppenanmeldungen. Kinder von eher bildungsbürgerlichen Eltern, die sich aus der Kita kennen, werden gemeinsam in eine Klasse aufgenommen. Man könne keine Schülermischung erzwingen, sagte Fincke. Weder eine Sozialquote noch „Bussing“, wo Schüler mit dem Bus in andere Bezirke gefahren werden, habe sich international bewährt.