Einst war sie die Hoffnungsträgerin der Berliner Luftfahrtbranche. Nun gerät die Fluggesellschaft Easyjet am BER immer mehr in Turbulenzen. Nachdem das britische Unternehmen kürzlich angekündigt hat, sieben Flugzeuge abzuziehen und bis zu 275 Arbeitsplätze zu streichen, droht jetzt neuer Ärger. Nachdem es in dem seit Monaten schwelenden Streit um höhere Gehälter keine wesentlichen Fortschritte gegeben hat, bereitet die Gewerkschaft Verdi Arbeitskampfmaßnahmen vor.

„Leider haben wir keine guten Neuigkeiten zum Thema Vergütungstarifverhandlungen“, heißt es in einer Infomail, die Verdi in der Nacht zu Dienstag an ihre Mitglieder in der Schönefelder Easyjet-Basis verschickt hat. Die Airline habe den für Montag angesetzten Verhandlungstermin für das am BER stationierte Kabinenpersonal kurzfristig abgesagt, teilen die Gewerkschafter mit.

„Es wurde uns auch kein neues schriftliches Angebot vorgelegt. Daher hat die Tarifkommission der Kabine entschieden, Arbeitskampfmaßnahmen vorzubereiten und diese beim Verdi-Bundesvorstand zu beantragen.“ Anders formuliert: Wenn der Arbeitgeber nicht noch einlenkt, droht bei Easyjet am BER ein Warnstreik.

Easyjet-Beschäftigte am BER drei Jahre lang ohne Gehaltserhöhung

„Wir möchten an dieser Stelle noch einmal betonen, dass diese Eskalation allein von Easyjet zu verantworten ist“, betont die Gewerkschaft in ihrer Mail. Verdi-Verhandlungsführer Holger Rößler hat bereits mehrmals kritisiert, dass in den Verhandlungen über eine bessere Bezahlung des Kabinenpersonals kein positives Ergebnis absehbar sei. „Die Arbeitgeber beabsichtigen offenbar, die Last der Corona-Pandemie vollständig auf die Beschäftigten abzuwälzen“, teilte er Ende April mit.

Aus Sicht der Airline sollen die Jahre 2020, 2021 und 2022 ohne Vergütungserhöhung oder eine Kompensation bleiben, bemängelte Rößler. Die Einkommen sollen auf dem Stand von 2019 eingefroren werden – inakzeptabel. Nach drei „Nulljahren“ sollen die Gehälter erst 2023 wieder steigen. Zuletzt hat Easyjet angeboten, sie im kommenden Jahr um 2,2 und in den beiden folgenden Jahren um je zwei Prozent anzuheben. Anfang 2023 soll es zudem eine Einmalzahlung von 1500 Euro geben. Verdi fordert deutlich mehr.

„Das Agieren von Easyjet am Standort Berlin ist inakzeptabel, besorgniserregend und betrifft uns alle“, bemängelt die Gewerkschaft. Damit meint sie noch einen weiteren Konflikt. Wie berichtet gibt es unabhängig von dem Streit um eine bessere Bezahlung des Kabinenpersonals ein weiteres großes Thema zwischen Verdi und Easyjet.

Die Fluggesellschaft hat angekündigt, zum Winterflugplan sieben der 18 am neuen Schönefelder Airport stationierten Flugzeuge abzuziehen. Von den rund 800 Easyjet-Beschäftigten am Standort BER sollen bis zu 275 gehen. „Hohe und steigende Flughafengebühren und eine schwächer als erwartete Erholung der Nachfrage in Deutschland“ hätten zu der Entscheidung beigetragen, so Manager Stephan Erler.

Damit hat sich die Luftfahrtgesellschaft, die bislang gemessen an der Zahl der Maschinen und Passagiere die größte Airline am Hauptstadt-Flughafen war, einen dramatischen Schrumpfkurs verordnet. 2020 waren an den damaligen Flughäfen Tegel und Schönefeld noch 34 Easyjet-Maschinen stationiert. Doch die Pandemie setzte auch Easyjet zu. 2020 wurden in Berlin bereits rund 400 Stellen abgebaut, und die Berliner Flotte wurde fast halbiert, so Verdi. Um Arbeitsplätze ihrer Kollegen zu erhalten, hätten viele Piloten Teilzeitregelungen zugestimmt und damit auf Gehalt verzichtet.

„Berlin Brandenburg ist unser am wenigsten rentabler Standort“

Doch die Bemühungen hätten bislang nicht das gewünschte Resultat gebracht, heißt es bei Easyjet. „Trotz aller Bemühungen ist Berlin Brandenburg unser am wenigsten rentabler Standort im Netzwerk“, teilte Stephan Erler in einem internen Schreiben mit. „Wir glauben, dass wir durch die Reduzierung der Flugzeuganzahl in Berlin unseren Spitzenplatz halten und die Ertragsentwicklung wieder auf ein Niveau bringen können, das mit unserem übrigen Netz in Einklang steht.“

Der Easyjet-Manager bekräftigte, dass nach jetzigem Stand Arbeitsplätze von 275 Menschen gefährdet seien. Dabei handelte es sich unter anderem um 117 Flugbegleiter, 61 Flugkapitäne sowie 50 Erste Offiziere. Wie viele Stellen zum Winterflugplan tatsächlich wegfallen, hänge von den bald beginnenden Gesprächen mit der Personalvertretung ab. Es sollen Wege gefunden werden, Arbeitsplatzverluste zu verhindern. „Wir schließen nichts aus und sind offen für Vorschläge.“

Easyjet sorgt sich um das Sommergeschäft am Flughafen BER

Offensichtlich sorgt sich Easyjet um das Geschäft während des laufenden Sommerflugplans, das dem Vernehmen nach auch in Berlin gut ist. Schon jetzt mehren sich Krankmeldungen. Ein Absatz in dem internen Schreiben trägt die Überschrift: „Wie soll die BER-Crew den mentalen Stress in diesem Sommer bewältigen?“ Es sei „von größter Bedeutung, dass sich alle, die von dieser traurigen Nachricht betroffen sein könnten, voll unterstützt fühlen“, heißt es in der Antwort. Beratungsdienste seien eingerichtet worden, auch telefonisch gebe es auf Wunsch Hilfe.

Die Gewerkschaft lehnt die Kürzungspläne von Easyjet ab. Verdi-Sekretär Rößler argwöhnt, dass es der Airline vor allem darum gehe, einen Teil des Verkehrs vom BER ins Ausland zu verlegen, wo sich „noch mehr Profit“ erzielen ließe. So habe das Unternehmen angekündigt, nach dem Sommer insgesamt fünf Maschinen nach Malaga, Faro und Palma de Mallorca umzusetzen. Dort gelten für das Personal Teilzeitverträge.

„Wir sind zutiefst bestürzt und fassungslos. Denn gerade jetzt, wo die Reisebeschränkungen gefallen und unsere Flieger wieder voll sind, plant Easyjet den Abzug von sieben weiteren Flugzeugen. Dies entspricht einer Verkleinerung unserer Base um weitere knapp 40 Prozent“, fasst Verdi zusammen. Das werden auch die Passagiere zu spüren bekommen: Die Zahl der Fluglinien und Destinationen ab dem BER werde schrumpfen, lautet die Warnung.

Weil sich viele Mitarbeiter krank gemeldet haben, fallen Flüge am BER aus

„Berlin/Brandenburg bleibt ein wichtiger Teil des Easyjet-Netzwerks“, teilte die Fluggesellschaft mit. „Der Vorschlag zu der Flottenanpassung wird uns in die Lage versetzen, langfristig weiterhin einen relevanten Marktanteil für unseren Standort am Flughafen BER zu sichern, mit der Absicht, unsere führende Marktposition in Berlin aufrechtzuerhalten und den Kunden die beste Auswahl an Zielen zu bieten.“ Welche von den derzeit 71 Easyjet-Destinationen ab BER vom Herbst an entfallen, stünde noch nicht fest. „Es wurden zum aktuellen Zeitpunkt noch keine Entscheidungen über die Pläne des Flugangebots für diese Wintersaison getroffen. Wir werden auch weiterhin gute Verbindungen auf beliebten Strecken von und nach Berlin/Brandenburg anbieten.“

Allerdings müssten derzeit wegen eines erhöhten Krankenstands Flüge ausfallen. „Wir werden diese Woche rund 1700 Flüge pro Tag durchführen, davon mehr als 100 Flüge mit Start oder Landung am BER. Leider mussten wir uns aufgrund eines überdurchschnittlich hohen Krankenstandes der Besatzung dazu entschließen, vom 1. bis 30. Juni rund acht Flüge von und nach Berlin/Brandenburg pro Tag im Voraus zu stornieren“, so die Sprecherin. „Wir bedauern sehr die Kurzfristigkeit einiger dieser Flugstreichungen und die damit verbundenen Unannehmlichkeiten für die Kunden.“

Der Flughafengesellschaft FBB fehlen jährlich 30 Millionen Euro

„Natürlich wird die Entscheidung von Easyjet auch Auswirkungen auf unser Ergebnis haben“, teilte Flughafenchefin Aletta von Massenbach mit. „Nach ersten Schätzungen rechnen wir mit etwa 2,3 Millionen Passagieren und einem Umsatz von rund 30 Millionen Euro, die uns jährlich fehlen werden. Wie sich diese Lücke kompensieren lässt, wird uns in den kommenden Wochen intensiv beschäftigen.“