Es ist ein schwerer Schlag für den Flughafen Berlin Brandenburg, kurz BER. Die britische Fluggesellschaft Easyjet hat am Dienstag angekündigt, dass sie am neuen Hauptstadt-Airport mehr als ein Drittel der Flugzeuge abziehen und eine dreistellige Zahl von Arbeitsplätzen streichen will. „Ein Schlag ins Gesicht der Beschäftigten“, sagte Holger Rößler von der Gewerkschaft Verdi. Aber auch für die Passagiere: „Das Angebot wird schrumpfen.“

Die Pläne der britischen Luftfahrtgesellschaft sehen vor, die Anzahl der am BER stationierten Flugzeuge ab Winter 2022 von achtzehn auf elf zu reduzieren. „Vorbehaltlich des Ergebnisses der Konsultationen mit der für die Kabinenbesatzung und Piloten zuständigen Personalvertretung könnte dies bedauerlicherweise bedeuten, dass Easyjet unter Umständen die Anzahl der Kabinenbesatzung und der Piloten am BER um rund 275 Mitarbeiter reduzieren muss.“

Dabei ist die Flotte bereits stark verringert worden: 2020 waren an den damaligen Flughäfen Tegel und Schönefeld noch insgesamt 34 Maschinen stationiert. Mit der jetzt angekündigten zusätzlichen Schrumpfung fällt Easyjet auf den bisher niedrigsten Stand in Berlin zurück. 2004 hatte die Airline mit zwölf Maschinen in Schönefeld begonnen.

Stellenstreichungen in Berlin sind „zwingend notwendig“

Zu der jüngsten Entscheidung habe eine Reihe von Faktoren beigetragen, so die Airline am Dienstag weiter. Dazu gehörten „hohe und steigende Flughafengebühren und eine schwächer als erwartete Erholung der Nachfrage in Deutschland“. Auch die irische Fluggesellschaft Ryanair, die wie Easyjet mit niedrigen Tarifen wirbt, hält die Entgelte am BER für zu hoch.

„Wir bekennen uns weiterhin zu unserem Standort am Flughafen BER – wo wir seit dem Start unseres Betriebs von und nach Berlin/Brandenburg im Jahr 2004 mehr als 80 Millionen Passagiere befördert haben und unseren Kunden die beste Auswahl an Destinationen bieten“, teilte Stephan Erler, Country Manager Deutschland von Easyjet, am Dienstag mit. „Die Nachfrageerwartung in Kombination mit hohen Flughafengebühren und unserem Bestreben, das Netzwerk als Folge der Pandemie weiter zu optimieren, erfordert nun jedoch eine Restrukturierung unseres Betriebs.“

Die nun vorgeschlagenen Anpassungen seien nicht auf die Beschäftigten und ihre Arbeit in Deutschland zurückzuführen, erklärte Erler. „Sie sind jedoch zwingend notwendig, um die gesamte Geschäftsentwicklung zu einem langfristigen Erfolg zu führen. Allen unseren Beschäftigten am Standort des Flughafens BER versichere ich hiermit, dass wir alles unternehmen werden, um in den Konsultationen mit der Personalvertretung so viele Stellen wie möglich zu sichern sowie die Auswirkungen dieses Vorschlags so gering wie möglich zu halten.“

Bisher mehr als 80 Millionen Easyjet-Passagiere in Berlin

Gemessen an der Zahl der Fluggäste, gilt Easyjet als wichtigste Fluggesellschaft am BER. Die Hauptstadtregion und Deutschland seien ein wichtiger Markt für das Unternehmen, das in diesem Sommer 82 Strecken von 4 deutschen Flughäfen aus bedient, bekräftigte das Unternehmen.

Mit bisher mehr als 80 Millionen Passagieren von und nach Berlin seit der Aufnahme des Flugbetriebs 2004 in Schönefeld bleibe die Region ein wichtiger Teil des Netzwerks. „Easyjet hält an dem Bekenntnis zu dem Standort am Flughafen BER fest“, so die Airline weiter. „Dazu zählt auch die Investition in einen Hangar für Wartungsarbeiten der gesamten europäischen Easyjet-Flotte. Der Beginn der Wartungsarbeiten in dem neuen Wartungshangar ist für Anfang 2023 geplant.“

Welche Verbindungen von und nach Berlin wegfallen, wurde nicht mitgeteilt. Beobachter gehen aber davon aus, dass der BER künftig schlechter als heute erreichbar sein wird.

„Wir bedauern die Entscheidung von Easyjet, die Zahl ihrer Flugzeuge und Beschäftigten ab dem Winter 2022 am Standort BER zu reduzieren“, sagte Sabine Deckwerth, Sprecherin der Flughafengesellschaft FBB. „Die Entscheidung macht deutlich, dass die Luftfahrtbranche die durch die Pandemie verursachte Krise noch lange nicht überwunden hat.“

Flughafengesellschaft: Entgelte seien vergleichbar mit anderen Standorten

Die Airline reagiere mit ihrem Schritt auf die weiterhin geringe Nachfrage und die im europaweiten Vergleich in Deutschland generell hohen Standortkosten, bekräftigte sie. Allerdings seien die Flughafengebühren am BER seien vergleichbar mit den Entgelten an anderen deutschen Standorten. „Ursache der Reduzierung der Easyjet-Flotte am BER ist damit ein strukturelles Problem, das allen deutschen Flughäfen und deren Airlines die Rückkehr in die wirtschaftliche Normalität erschwert.“

Verdi-Sekretär Holger Rößler bezeichnete die Argumente von Easyjet als „vorgeschobene Gründe“. Das Niveau der Flughafenentgelte am BER sei nicht außergewöhnlich hoch, aus wettbewerbsrechtlichen Gründen könnten einzelne Airlines nicht bevorzugt werden. Zudem ziehe die Nachfrage seit Monaten wieder spürbar an, auch am Hauptstadt-Airport. „Die Menschen wollen wieder verreisen, die Flugzeuge sind voll – auch bei Easyjet“, so der Gewerkschafter. Nun müssten aber die Berliner und Brandenburger damit rechnen, dass die Zahl der Destinationen deutlich sinkt.

Gewerkschaft Verdi: Personal hat bereits große Opfer gebracht

Aus seiner Sicht gehe es bei der Verlagerung der Flotte von Berlin zu anderen Flughäfen vor allem darum, „noch mehr Profit zu scheffeln“. Und: „Menschen spielen dabei keine Rolle“, sagte Rößler. Auffällig sei, dass sich die geplanten Sparmaßnahmen auf den BER konzentrierten. Standorte in Südeuropa, wo viel weniger Lohn als in Deutschland gezahlt werde, blieben unberührt.

Dabei habe das Personal in Berlin schon Opfer gebracht. 2020 wurden rund 400 Arbeitsplätze abgebaut. Um Arbeitsplätze ihrer Kollegen zu erhalten, hätten viele Piloten in Teilzeitregelungen eingewilligt – und damit auf Gehalt verzichtet.

Verdi kündigte Widerstand gegen die Kürzungen an. „Wir werden die nächsten Schritte eng mit dem Betriebsrat abstimmen“, sagte Holger Rößler.