Jochen-Martin Gutsch hat es immerhin an die Algarve geschafft, dort hofft er jetzt auf einen Lockdown, dann könnte er einfach dableiben.
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Anfang des Jahres entschieden meine Frau und ich, dass wir im Mai nach Brasilien fliegen würden. Im März war dann klar, dass das nicht klappt. Wegen des Virus.

Ich dachte: Schade, aber der Sommer ist ja noch weit. Fliegen wir eben Anfang Juni nach Brasilien. Was dann aber auch nicht klappte. Brasilien war längst so etwas wie die Corona-Hauptstadt der Welt.

Ich buchte einen Flug nach Mallorca. Sicheres, risikoarmes Europa. Mitte August bekam ich eine Mail von Easyjet, dass mein Flug nach Mallorca gecancelt sei. Wegen des Virus. Mallorca war jetzt Risikogebiet. Schade, dachte ich. Aber dann fliegen wir eben nach Südfrankreich. An die Cote D’Azur. Ich schaute mir gerade im Internet Hotels an, als die Meldung kam, dass die Cote D’Azur nun auch Risikogebiet ist.

Ich dachte: Liegt es vielleicht an mir? Wo immer ich hin will, will Corona auch hin. Bin ich der touristische Sensenmann? Der schwarze Virus-Bote?

Ich habe einen Freund, der großer Union-Fan ist. Manchmal gehen wir zusammen in die Alte Försterei, aber er nimmt mich nur ungern mit, weil er sagt, ich hätte irgendwie „schlechte Vibrations“. Wenn ich im Stadion sitze, verliere die Mannschaft meist. Das stimmt, ich kann mich an kaum einen Union-Sieg erinnern. Meinen Hinweis, dass es ja an der Mannschaft liegen könnte, lehnt der Freund als „Unsinn“ ab.

Auch meine Frau sagt zuweilen, dass ich negativ wirke. „Du bist einfach so ein melancholischer Pessimist. Du glaubst an das Schlechte, und dann wird es Realität.“ Wie bei Jesus. Der habe aus Wasser Wein gemacht. Bei mir sei es umgekehrt.

Das ist natürlich alles Unsinn. Ende August buchte ich spontan einen Flug nach Lissabon, seit ein paar Tagen sind wir jetzt in Portugal und alles läuft super. Easy like a sunday morning. Was mich, zugegeben, etwas misstrauisch macht. Jeden Abend schaue ich unauffällig aufs Handy, ob die Algarve nun auch Risikogebiet ist. Eigentlich rechne ich stündlich damit.

Freunde rieten mir vor der Reise, nicht ins Ausland zu fliegen. Deutschland sei doch auch sehr schön. Das ist sicher richtig, aber ich musste einfach mal raus. Richtung Sonne, Wärme. Das Sommerende ist für mich keine leichte Zeit. Schon der erste Herbstgeruch stimmt mich stets melancholisch, und ich denke dann seufzend: Das Jahr stirbt.

In diesem Jahr ist es noch schlimmer, weil der Corona-Sommer schon deprimierend war und ich an den Corona-Herbst gar nicht denken möchte. In diesem Sommer ging ich nicht ins Kino. Ich ging nicht tanzen. Ich ging auf kein Konzert. Ich suchte ständig fluchend meine Maske, und wenn ich sie trug, schaute ich manchmal in einen Spiegel und bewunderte meine Masken-Segelohren.

Ich stand im leeren alten Terminal des Flughafen Tegel, der so geisterhaft wirkte wie nach der großen Zombie-Apokalypse. Und im Fernsehen redeten alle nur über Corona. Und den möglichen Lockdown. Und die Leugner. Und Drosten. Und Lauterbach. Und Lockerungen. Ob man zu viel oder zu wenig lockert. Und die zweite Welle. Und den Impfstoff. Wann kommt der Impfstoff? Selbst das Champions-League-Finale erinnerte mich stimmungsmäßig an Spiele bei den „Alten Herren“, wo es auch keine Zuschauer gibt und man jedes Wort über den Platz schallen hört. „Abseits, Schiri!“

Ich sitze jetzt in einem kleinen Haus am Meer. Wahrscheinlich reden die Portugiesen auch über Corona, aber ich kann kein Portugiesisch. Manchmal denke ich: Ein Algarve-Lockdown wäre gar nicht schlecht. Dann müsste ich vielleicht hier bleiben. Im ewigen Sommer.

Für den November hatte ich auch einen Flug nach Teneriffa gebucht. Jetzt lese ich die Meldung, dass die Kanaren plötzlich als Risikogebiet gelten. Sofort fühle ich mich schuldig. Der Corona-Sensenmann zieht weiter übers Land.

Sein Name ist: Gutsch.