Bio Company-Chef Georg Kaiser im Interview über Kuafverhalten von Kunden und Discounter.

Berlin - Zum Gesprächstermin mit dem Biocompany-Chef in den Friedenauer Goertz-Höfen kommen wir auf den letzten Drücker. Wiedermal zu viel Verkehr, kein Parkplatz. Auf den letzten Metern verhindert dann ein junger Mann die Verspätung. „Der Georg sitzt da unten“, sagt er und zeigt auf große Rundbogenfenster im Erdgeschoss. Wenig später sitzen wir in einem kleinen, schmucklosen Büro Georg Kaiser gegenüber, der aus einem Bioladen in der Wilmersdorfer Straße eine Biomarkt-Kette entwickelt hat, die heute Marktführer in der Region ist. Bio sei eine Grundhaltung, sagt der 50-Jährige.

Herr Kaiser, in Ihren Läden gibt es sogenannte Fruchtfliegen-Lebendfallen, in denen die lästigen Insekten zwar gefangen, aber nicht getötet werden. Man kann es auch übertreiben, oder?

Nein. Aus meiner Sicht ist das nur konsequent.

Eine Plage zu unterstützen?

Es geht bei uns immer darum, die jeweils nachhaltigste und artgerechteste Variante eines Produkts für unser Sortiment zu finden. Die Fallen verkaufen sich, zum Glück für die Fruchtfliege.

Ist Ihnen die Fruchtfliege wichtig?

Geht so. Ich will mehr Qualität in das Lebensmittelangebot bringen. Darum geht es mir.

Sehen Sie sich als Missionar oder als Unternehmer?

Ich glaube, das eine geht nicht ohne das andere. Wenn ich kein Unternehmer wäre, würde ich das nicht machen. Aber ich habe das Unternehmen nicht gegründet, um irgendwann über 50 Filialen zu haben. Das hat sich einfach ergeben. Andererseits: Wenn ich das Lebensmittelangebot gesünder und nachhaltiger machen will, sind dafür 50 Geschäfte sicher besser als zwei.

Wäre diese Entwicklung auch in einer anderen Stadt möglich gewesen?

Hätten wir in der Anfangszeit sehr viel Kapital gehabt, hätte es auch in Hamburg, München oder Köln funktionieren können. Aber allein mit einer Idee, Ikea-Möbeln und gebrauchten Kühltruhen ging das nur in Berlin. Die Stadt war schon immer in Bewegung, immer unfertig. Daher sind die Berliner auch besonders offen und neugierig. Es gibt ein Grund-Gen der Berliner, das die Stadt immer wieder zum Testmarkt verschiedenster Sachen werden lässt.

Und genug Korksandalenträger und Jutebeutelnutzer.

Das war in der Anfangszeit sicher so, doch die alten Klischees sind überholt. Bio ist längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Bioläden sind mittlerweile auch in großen Einkaufszentren zu finden, und niemand muss mehr das Gefühl haben, sich dort für seinen bisherigen Lebensstil rechtfertigen zu müssen.

Wer kauft bei Ihnen?

Der Student ebenso wie der Müllkutscher oder der sehr gut verdienende Unternehmer. Unsere Kundschaft ist ein Querschnitt der Berliner.

Das Einkommen spielt keine Rolle?

Nein. Das haben etliche Umfragen gezeigt. Natürlich kostet vieles bei uns mehr als im konventionellen Handel, aber die Frage ist, was einem wichtig ist. Die Bildung ist entscheidend und die Bewusstseinshaltung. Der Anteil derer, die Abitur haben oder einen Hochschulabschluss, ist bei uns deutlich größer als allgemein. Wem alles egal ist, auch was er isst, der kommt sicher nicht zu uns.

Bio ist also nicht Luxus?

Wenn das so wäre, hätten wir unsere umsatzstärksten Filialen ganz bestimmt nicht ausgerechnet in den statistisch einkommensschwächsten Bezirken Berlins, also in Kreuzberg, Friedrichshain und Moabit. Außerdem kaufen die wenigsten unserer Kunden alles bei uns.

Dann sorgen Sie sich auch nicht um die steigenden Mieten in Berlin?

Doch, das tue ich. Jeder Euro, der in die Miete fließt, kann nicht anderweitig ausgegeben werden. Das ist problematisch, weil es unseren Kunden die Möglichkeit abschnürt, sich gesund und nachhaltig zu ernähren.

Wo sind in Berlin eigentlich die Fleischesser und wo die Vegetarier zu Hause?

Ich weiß, dass die Köpenicker eher Fleisch- als Gemüseesser sind, und wir am Teltower Damm in Zehlendorf unsere am besten gehende Fleischtheke haben. Danach folgt schon Schöneberg. Dagegen steht die Filiale in der Bergmannstraße in Kreuzberg für vegane Kundschaft. Dort gibt es nicht einmal eine Fleischtheke, dafür lange Regale mit Tofu, Seitan, etc.

Essen sie selbst Fleisch?

Sehr gern. Meine Eltern hatten unter anderem eine Dorffleischerei, insofern bin ich damit groß geworden. Aber es kommt darauf an, wie die Tiere gehalten wurden und wie das Fleisch verarbeitet wurde.

Ein Discounter kam gerade in die Schlagzeilen, weil dort 600-Gramm-Steaks für Eins-Neunundneunzig angeboten wurden. Wie billig darf ein Steak sein, um es noch guten Gewissens kaufen und essen zu können?

Das lässt sich schwer nur am Preis festmachen. Es kann gutes Fleisch als günstiges Sonderangebot geben und ebenso völlig überteuerten Dreck. Wer kein Fleisch aus industrieller Massentierhaltung will, sollte bei einem Fleischer seines Vertrauens kaufen oder wenigstens auf das Bio-Siegel achten. Das garantiert Mindeststandards.

Tatsächlich kommt Biofleisch gerade mal auf zwei bis drei Prozent des gesamten Fleischkonsums. Weil Geiz noch immer geil ist?

Natürlich ist Bio-Fleisch teurer. Zum Beispiel leben unsere Schweine fast doppelt so lange wie konventionell gehaltene Tiere, werden also viel länger gefüttert. Die Schweine stehen ganzjährig im Freigehege und bekommen wertvolleres biologisches Futter. Dadurch, dass unsere Tiere nicht schon prophylaktisch mit Antibiotika vollgepumpt werden, sondern nur, wenn ein Tier tatsächlich erkrankt, kommt es dazu, dass eigentliche Bio-Tiere gelegentlich konventionell vermarktet werden müssen – also nicht mit Bio-Aufschlag verkauft werden können.

Warten Sie schon auf den nächsten Fleischskandal?

Ich erhoffe ihn nicht, weil ein Skandal immer gequälte Tiere bedeutet. Ich bin mir aber sicher, dass er kommt.

... und Ihre Umsätze nach oben treiben wird?

Das ist zunehmend weniger der Fall. Nach BSE war das so. Das war damals der Wachrüttler, ein Urbeben. Mittlerweile gibt es leider eine gewisse Abstumpfung. Die Leute vergessen immer schneller. Andererseits hat der Bio-Lebensmittelumsatz in Deutschland im vergangenen Jahr um zehn Prozent zugelegt.

Wofür aber vor allem die großen Discounter und Supermarktketten gesorgt haben. Dort ging der Umsatz um fast 15 Prozent nach oben, im Bio-Fachhandel nur um fünf.

Das bedeutet zunächst, dass mehr Biowaren gekauft wurden, und das ist gut.

Es könnte auch andeuten, dass die Bio-Pioniere bald von den großen Ketten gefressen werden.

Die konventionellen Märkte haben im vergangenen Jahr besonders viele Bio-Produkte ins Sortiment genommen. Das war ein Schub. Ich glaube nicht, dass das anhalten wird. Die großen Ketten sind auf Flächenrentabilität fixiert. Das ist mit Bioartikeln nicht zu machen.

Wenn die Nachfrage weiter steigt, kann sich das ändern. Sehen Sie wirklich keine Gefahr?

Doch. Wir müssen aufpassen und dem Kunden den Mehrwert des Fachhandels vermitteln. Denn es ist ja nicht so, dass der konventionelle Supermarkt Bioartikel aus Überzeugung verkauft. Wenn das so wäre, gäbe es dort kein Fleisch von gequälten Tieren und kein todgespritztes Gemüse. Bei uns ist Bio eine Grundhaltung. Wir entwickeln das Bioangebot weiter und unterstützen auch die Landwirte. Wir machen Fair-Trade für die Region, also für Brandenburg.

Wie viele der bei Ihnen verkauften Produkte kommen aus der Region?

Bei Fleisch und Wurst sind es etwa 80 Prozent. Bei Obst und Gemüse, je nach Saison, bis zu 50 Prozent. Frischmilch und Eier kommen zu 100 Prozent aus dem Umland.

Im konventionellen Geschäft müssen Milchbauern mindestens 40 Cent je Liter bekommen, um wenigstens ihre Kosten decken zu können. Tatsächlich bekommen sie meist nur 30 Cent. Wie viel zahlen Sie?

Wir arbeiten mit drei Brandenburger Bio-Molkereien zusammen. Sie zahlen den Milchbauern zwischen 45 bis 53 Cent pro Liter, je nach Qualität.

Sie haben selbst bei Edeka gelernt und über Jahre eine eigene Filiale geführt. Was war die wichtigste Lehre ?

Ich will heute genau wissen, wo die Ware herkommt, die wir verkaufen. Dass es beispielsweise regionale Molkereien kaum noch gibt, ist ein zweifelhafter Verdienst der vier großen Supermarktketten.

War der Kaisers-Deal gut für den Berliner Lebensmittel-Einzelhandel?

Im Gegenteil, eine Katastrophe.

Wegen der Konkurrenz?

Weil es noch weniger Wettbewerb gibt. Die großen Vier decken nun 90 Prozent des Marktes ab. Wir bestreiten heute gut zwei Prozent des Berliner Lebensmittelhandels. Mit den Kollegen zusammen kommen wir Bioläden vielleicht auf acht Prozent und bieten ein letztes Stück Vielfalt in der hausgemachten Einheitssoße des Nahrungsmittelgeschäfts.

Das klingt aber nicht gerade sehr aussichtsreich für den Biohandel.

Ich bin da optimistisch. Es hat sich herumgesprochen, dass man im Biofachhandel unbehandelte Produkte fast ohne irgendwelche Zusatzstoffe bekommt. Im konventionellen Lebensmittelhandel sind bis zu 300 Zusatzstoffe erlaubt, bei uns etwa 50, nach Demeter-Standard sogar nur zwölf.

Reden wir noch einmal übers Geld und auch über Fair Trade. Bei Ihnen kostet ein kleiner Becher Joghurt fast doppelt so viel wie in den großen Supermärkten, aber dennoch werden Ihre Mitarbeiter unter Einzelhandelstarif bezahlt, während dieser bei Edeka und Rewe gilt. Wie passt das zu Fair Trade?

Zunächst kommt der allergrößte Teil der höheren Preise unseren Bauern und Verarbeitern zu Gute. Unser Sortiment verlangt einen viel höheren personellen Aufwand. Außerdem werden in vielen der genannten Supermärkte auch nur die Stammkräfte besser bezahlt. Und das geht dort auch nur, weil ein Teil als Subunternehmer schlechter bezahlt wird. Bei uns gibt es einen Tarif für alle Mitarbeiter.

Das Einstiegsgehalt an der Kasse bei Rewe und Edeka liegt bei monatlich 1 932 Euro. Wie viel bekommt man bei Ihnen?

Auch bei Rewe und Edeka sind nur die zentral geführten Märkte tarifgebunden. Viele Selbstständige zahlen nicht Tarif. Bei uns liegt das Einstiegsgehalt für Ungelernte bei 1 640 Euro, auch ohne Unterschied zwischen Ost und West. Hinzu kommt noch ein monatlicher Einkaufsgutschein im Wert von 50 Euro.

Warum zahlen sie nicht nach Einzelhandelstarif?

Weil wir es uns noch nicht leisten können.

Das sagen Unternehmer immer.

Wir haben ein absolut transparentes System. Der Haustarif wird zusammen mit dem Betriebsrat, der vor zwei Jahren auf Initiative der Geschäftsführung auf das Gesamtunternehmen ausgeweitet wurde, jährlich festgelegt. Zuletzt wurde eine Lohnsteigerung um 4,5 Prozent vereinbart. Außerdem ist Geld nicht alles. Viele Mitarbeiter schätzen die Arbeitsatmosphäre. Es gibt weniger Druck, es ist immer ausreichend Personal geplant. Es gibt viele Arbeitnehmer, die von den konventionellen Märkten zu uns wechseln, das hat seinen Grund. Keinesfalls wollen wir aber die Bezahlung bei uns durch Druck auf Bauern und Verarbeiter verbessern.

Wie steht es eigentlich um einen Onlineversand Ihrer Produkte?

Wir arbeiten daran und wollen in Potsdam zusammen mit anderen kleinen Händlern einen Test starten. In den nächsten Wochen soll es losgehen.

Der US-Versandriese Amazon hat in Berlin und Potsdam einen eigenen Lebensmittel-Lieferdienst aufgebaut und arbeitet dafür auch Berliner Händler zusammen. Hat man Sie nicht gefragt?

Doch, aber wir wollten nicht.

Warum?

Weil Amazon aus meiner Sicht nicht viel mit Nachhaltigkeit zu tun hat.

Wenn Sie unterwegs sind, essen Sie da eigentlich manchmal auch eine Currywurst vom Stand?

Selten. Aber wenn der Hunger groß ist …

Überlegen Sie dann, was in der Wurst ist?

Da muss ich nicht überlegen.

Das Gespräch führte Jochen Knoblach.