Pretschen - Im Winter ist bestimmt nichts los auf dem Hof eines Gemüsebauern in Brandenburg – könnte man jedenfalls denken. Aber weit gefehlt. Im Landgut Pretschen, einem alten Gutshof im gleichnamigen Spreewalddorf, wird auch bei eisiger Kälte gearbeitet. Sascha Phillip, der Besitzer des Hofs, öffnet in einer großen Scheune ein Tor. Der Raum dahinter ist tiefschwarz. Kein Fenster, kein Licht.

Der 46-jährige Biobauer schiebt einen schweren schwarzen Vorhang beiseite, der die Scheune teilt. Dahinter stehen hohe Pflanzen-Regale, in denen auf zehn Etagen Chicorée wächst. „Das Gemüse ist sehr sensibel“, sagt er. „Da der Spross auch im Laden schön weiß-gelb sein soll, darf die Pflanze möglichst wenig Licht abbekommen. Sonst färben sich die Blätter grün.“ Deshalb wächst Chicorée in völliger Dunkelheit.

In der Halle nebenan ist das Licht auch schummrig. Hier wird das Gemüse für Berlins Bio-Läden verpackt. Eine Arbeiterin legt die Pflanzen in eine Maschine, die den Spross von der Wurzel schneidet. Der Spross fällt aufs Fließband, und Arbeiterinnen putzen ihn und legen ihn in Kisten. Sobald die voll ist, werden die Pflanzen mit Pappe abgedeckt – als Lichtschutz.

Ein Teil der Bio-Lebensmittel werden im Landgut Pretschen hergestellt

Diese Pflanze ist das Alleinstellungsmerkmal des Hofs: bester Chicorée, strahlend hell, angebaut nach den strengen Bio-Richtlinien des Demeter-Verbandes. „Wir produzieren jedes Jahr 160 Tonnen“, sagt Philipp, „und sind bundesweit der größte Produzent von Bio-Chicorée.“

Nun, zur Grünen Woche, wird Philipp wieder viel in den Berliner Messehallen unterwegs sein und als agrarpolitischer Sprecher der Brandenburger Umweltverbände diskutieren. Es sind Zeiten, in denen viel über Lebensmittel gestritten wird – Essen ist nicht mehr nur die Aufnahme von Nahrung, sondern wird von vielen auch als Ausdruck bestimmter Geisteshaltungen angesehen. So gibt es zum Beispiel vor allem in Großstädten den Zeitgeist-Trend, sich vegan zu ernähren. Und es gibt langfristige globale Trends wie den Boom von Bio-Lebensmitteln – die inzwischen den Sprung aus der Nische in den Mainstream geschafft haben. Und es gibt einen Zauberspruch, mit dem sich noch mehr verkauft lässt: Es ist nicht nur Bio, sondern auch aus der Region.

Einen Teil dieser Bio-Lebensmittel für Berlin stellen 40 Mitarbeiter im Landgut Pretschen auf 800 Hektar her: Schräg gegenüber der Chicorée-Halle befindet sich die Gewächshausanlage, immerhin fast drei Fußballfelder groß. Dort stehen drei mannshohe Türme mit Kisten bereit – darin: Feldsalat, junger Spinat und Postelein, das ist ein Salat mit kleinen fleischigen Blättern. Gleich holt ein Laster die Lieferung des Tages für Berlin ab. „Der Berliner Markt ist für uns Bio-Bauern ein Segen“, sagt Phillip. „In Berlin ist Bio sprichwörtlich in aller Munde. Dort können wir richtig viel absetzen.“ So gehen 90 Prozent des Salats und der Kräuter, die im Winter in den Gewächshäusern wachsen, nach Berlin. Die Milch und das Fleisch vom Hof bleibt zu 100 Prozent in der Region.

Viermal mehr Umsatz weltweit

Berlin ist der Mittelpunkt Europas – jedenfalls wenn es um Bio-Kost geht. Neben dem weltgrößten Absatzmarkt USA ist Europa der große Vorreiter in Sachen Bio. Der globale Absatz hat sich in den Jahren 2000 bis 2016 auf fast 70 Milliarden Euro pro Jahr vervierfacht – etwa drei Viertel entfallen auf die USA und Europa. Und in Europa gilt Berlin als wichtigster Markt für all jene Lebensmittel, die aus vorbildlicher und streng kontrollierter Produktion stammen. Es geht um Tiere, die artgerecht gehalten werden, und um Pflanzen, die nicht gentechnisch verändert sind und die ohne chemische Dünger und Pflanzenschutzmittel angebaut werden.

Berlin ist das Herz, das mitten in Brandenburg schlägt, und ringsum gibt es viel Ackerland. Da überrascht es, dass Brandenburg in der Liste der Länder mit den größten Bio-Anbauflächen mit 11,7 Prozent nur auf Platz 3 rangiert hinter dem Saarland und Hessen. Aber warum wird der riesige Bio-Hunger der Berliner nicht aus Brandenburg gedeckt?

„Wenn wir alle Schweinebetriebe in Brandenburg auf Bio umstellen würden, könnten wir das Fleisch rein rechnerisch vollständig in Berlin absetzen“, sagt Sascha Phillip. „Aber bei Getreide ginge das nicht.“ Er ist davon überzeugt, dass der Anteil der Bio-Landwirtschaft in zehn Jahren auf 30 Prozent gesteigert werden könnte. „Aber dafür müsste die Politik eine wirkliche Bio-Strategie entwickeln.“ Es gehe darum, dass der Staat bewusst eine Ansiedlungspolitik für Betriebe betreibt, die vor Ort all jene Lebensmittel verarbeiten, die dort wachsen. 

126 Bio-Supermärkte in Berlin

Denn auch die Landesregierung beklagt, dass es zwar Bio-Bauern gibt, dass aber die Verarbeitungsbetriebe meist in Westdeutschland sind. „Es geht auch darum, dass es ein Netzwerk zur Vermarktung gibt“, sagt Phillip. Der Staat könnte auch alle seine Kantinen und die der Schulen und Kitas auf regionale Bio-Produkte umstellen. „Das wäre ein Signal“, sagt Phillip. „Damit würde der Staat zeigen: Wir schaffen die Rahmenbedingungen, damit ihr Landwirte eure Produkte auch verkauft bekommt.“

Ein Laster rollt ans Gewächshaus, der Fahrer lädt die Kisten auf. Ökologisch korrekt hat er erst eine Ladung Bio-Produkte von Berlin in die Lausitz geliefert und lädt nun auf dem Rückweg wieder den Laster voll.

„Der Boom in Berlin wird nicht mehr von den kleinen Naturkosthändlern getragen, sondern von immer neuen Bio-Supermärkten“, sagt Michael Wimmer, Chef der Fördergemeinschaft Ökologischer Landbau. Davon gibt es in Berlin derzeit 126 – ein Plus von fast zehn Prozent innerhalb eines Jahres.

„Keine Mode, die vorbeigeht“

Wimmer würdigt, dass Brandenburg den Bio-Bauern gute Flächenprämien zahlt, damit sie den Mehraufwand bei dieser Form der Produktion schultern können. Er beklagt aber, dass das Potenzial nicht genutzt wird, dass das Land keine Umstiegsprämie für Landwirte zahlt, die ins Bio-Lager wechseln. „In Brandenburg hat die Landwirtschaftspolitik 25 Jahre lang nur auf den Weltmarkt geschielt“, sagt er. „Bio-Produkte für Berlin spielten keine Rolle“, sagt Wimmer.

Er nennt ein Beispiel: Wenn sich irgendwo ein Bio-Schlachthof ansiedelt, steigt in der Region innerhalb weniger Jahre der Anteil der Bio-Bauern spürbar, weil der Schlachthof ringsum Bauern fragt, ob sie ihn beliefern können. „Das Land Brandenburg könnte also gezielt Investitionen fördern, um den Berliner Markt besser bedienen zu können“, sagt Wimmer. Die Öko-Landwirtschaft habe eine klare wirtschaftliche Perspektive. „Bio ist keine urbane Modeerscheinung, die irgendwann wieder vorbeigeht.“

Zwei Stunden sind seit der Abfahrt des Lkw in Pretschen vergangen. Nun steht er an Laderampe Nr.5 in Berlin-Britz – der Zentrale von Terra Naturkost. Arbeiter fahren die Kistentürme mit dem Chicorée in Regal 410. In der Halle ist es acht Grad kalt – beste Lagerbedingungen.

Die Lkw-Fahrer holen morgens die Produkte von den Bauern

„Aber das steht alles nicht lange hier“, sagt Terra-Gründer Meinrad Schmitt. In zwei Stunden kommen die Mitarbeiter, die die Lieferungen für die Läden zusammenstellen. „Wir sind Berlins größter Bio-Großhändler und bundesweit die Nr. 3 oder 4“, sagt Schmitt. Er hat Terra 1987 gegründet, kennt alle Mitarbeiter und spricht sie mit dem Vornamen an. „Wir haben 300 Mitarbeiter, die 15000 Bio-Produkte an unsere 1000 Kunden verteilen.“

Das Ganze ist eine gut geölte Umschlagsmaschinerie. Die Lkw-Fahrer holen morgens die Produkte von den Bauern, bis 13 Uhr gehen die Bestellungen der Supermärkte ein, ab 14 Uhr werden ihre Bestellungen zusammengepackt. Die ersten Laster liefern ab 17 Uhr aus. „Dann ist der Salat, der vier Stunden vorher bei uns ankam, um 18 Uhr im Laden“, sagt Schmitt. Bis etwa Mitternacht wird ausgeliefert. Gewaltige Mengen laufen hier durch die Hallen. Gemüse, das ins Lager kommt, ist spätestens nach zwei Tagen wieder raus.

Auch Schmitt weiß, wie wichtig verarbeitende Betriebe vor Ort sind. „Wir haben das Ökodorf Brodowin in den 90er-Jahren bekannt gemacht“, erzählt er. Damals wurde dort reichlich Milch produziert, doch bis zur nächsten Bio-Molkerei im Westen der Republik war es weit, es wären reichlich unökologische Fahrten für die Bio-Milch angefallen. „Da haben wir den Brodowinern gesagt: ,Wir garantieren euch, dass wir euch pro Jahr 300.000 Liter Milch abnehmen.‘ Das gab ihnen Sicherheit und sie haben sich getraut, sich eine Molkerei zu bauen.“ Auch Sascha Phillip vom Landgut Pretschen liefert seine Milch nach Brodowin.